Wie der AMS-Algorithmus Diskriminierung legitimiert

Anita Strasser untersucht, was das für die Betroffenen bedeutet

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Ab Jänner nächsten Jahres sollen die Jobchancen von Arbeitslosen nicht mehr individuell, sondern mittels einer Computersoftware erstelltem Algorithmus ermittelt werden. 

Das sogenannte PAMAS = Personalisiertes –Arbeitsmarktchancen-Assistenzsystem teilt Jobchancen künftig in drei Kategorien, nämlich H = Hohe Chancen, M = Mittlere Chancen, N = Niedrige Chancen, ein.

 

Aber was bedeutet das für die Betroffenen?

Das Fortbildungsangebot und die Zuteilung zu unterstützenden Maßnahmen zur Jobsuche sind von der so errechneten Kategorie abhängig.

Bei den 12 abgefragten Merkmalen, die der PAMAS-Berechnung Zugrunde liegen, werden auch persönliche, nicht durch Jobsuchende selbst veränderbare, Kriterien, wie beispielsweise Geschlecht, Alter, Betreuungspflichten, oder gesundheitliche Einschränkungen einbezogen. Für alle genannten Kriterien gibt es Abzüge. Dass diese Kriterien genau jene Punkte abdecken, gegen die Anti-Diskriminierungskampagnen schon seit Jahrzehnten eintreten, stößt sauer auf. In der Praxis bedeutet das:

Eine Frau mit abgeschlossenem Masterstudium und ein Mann mit Hauptschulabschluss fallen, bei ansonsten identem Lebenslauf (inkl. Alter und Wohnort), in unterschiedliche Kategorien:

  • Frau mit Masterstudium: Geschlechtsabzug -0,14 Punkte, Matura oder höhere Ausbildung +0,01 Punkte = ‑0,13 Punkte
  • Mann mit Pflichtschulabschluss: kein Geschlechtsabzug 0,00 Punkte, keine Ausbildung 0,00 Punkte = 0 Punkte

Diese Diskrepanz verstärkt sich durch eine Mutterschaft noch einmal drastisch: 
Der AMS-Algorithmus zieht einer Mutter unter dem Kriterium „Betreuungspflichten“ automatisch weitere -0,15 Punkte ab, womit die Frau in unserem Beispiel auf einen Gesamtabzug von ‑0,28 Punkten kommt. Für einen Mann gibt es aber keinen Vaterschaftsabzug. Damit bleibt der Mann in unserem Beispiel bei 0 Punkten. 

Selbst wenn ein Vater Betreuungspflichten beim AMS angibt, werden diese nicht vom PAMAS berücksichtigt.

Auch eine nicht österreichische Staatsbürgerschaft oder ein wirtschaftsschwacher Wohnort führen zu Punkteabzügen. In der Praxis bedeutet das, dass Menschen aufgrund der vom PAMAS abgefragten Kriterien vom AMS unterschiedlich behandelt werden. 

 

Kategorie-Unterschiede bei AMS-Betreuung

Wie die AMS Betreuungsunterschiede aussehen sollen, erklärte der AMS-Chef Bernhard Bereuther von Vorarlberg gegenüber vol.at. 

AMS Vorarlberg-Chef Bereuter zum neuen Algorithmus, abgerufen am 30.10.2019

Die (Anm. Personen mit niedrigen Arbeitsmarktchancen) bekommen künftig mehr Zeit zur Verfügung gestellt, damit ihre Themen und Probleme im Rahmen eines neuen Beratungs- und Betreuungsmodells stärker bearbeitet werden.“

„Wenn jemand niedrige Arbeitsmarktchancen hat, dann bringt es nichts, wenn ich ihm die gleichen Unterstützungsangebote anbiete wie im mittleren Segment. Weil die Themenstellungen ganz andere sind. Es gibt einen Grund, wieso man öfters arbeitslos war. Es kann hier Themen geben wie gesundheitliche Einschränkungen, die Wohnsituation oder finanzielle Engpässe, die eine Integration in den Arbeitsmarkt verhindern.“

„Es kann aber andererseits teilweise auch nichts bringen, gleich in Richtung Lehrausbildung zu gehen, wenn jemand nur ganz geringe Arbeitsmarktchancen hat und ganz andere Themen derzeit noch mehr im Vordergrund stehen. Dann ist es vielleicht sinnvoller, frühzeitig in Richtung Stabilisierung zu gehen.“

Was sollen denn diese von Herrn Bereuther angenommenen Spezialthemen der Betroffenen der N-Kategorie sein?

Noch einmal: Auf die Hälfte der herangezogenen Kriterien haben die Betroffenen keinen Einfluss und können diese auch nicht selbst verändern. Ein wirtschaftlich ungünstiger Wohnort oder das Geschlecht können ein Abrutschen von der M- in die N-Kategorie bewirken. In der N-Kategorie droht die Unterbringung in einer Tagesstruktur und Vermittlung in den zweiten Arbeitsmarkt, während in der M-Kategorie fachliche Fortbildungen und Unterstützung für den ersten Arbeitsmarkt angeboten werden.

 

Diskriminierung

Rund die Hälfte der vom PAMAS verwendeten Merkmale werden in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die eine Diskriminierung verbietet, aufgelistet aber Vertreter des AMS behaupten, dass alle Kategorien vom neuen System profitieren würden. Denken wir diese Behauptung einmal logisch zu Ende:

Wenn alle drei PAMAS-Kategorien von den Folgen der Einstufung profitieren und AMS-KundInnen durch die folgende angeblich optimierte AMS-Unterstützung schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden können, dann muss der PAMAS-Algorithmus wohl auf magische Weise zu einer Erhöhung der verfügbaren Gesamtarbeitsplätze in der Wirtschaft in der Lage sein, oder woher sollen diese verfügbaren Jobs sonst kommen?

 

Weitere Probleme

  • Der entwickelte PAMAS-Algorithmus zeigt die momentanen Korrelationen des Arbeitsmarktes, nicht die tatsächlichen kausalen Zusammenhänge.
  • Vor allem aber verhindert PAMAS Veränderungen am Arbeitsmarkt und festigt noch immer vorhandene, stark diskriminierende Strukturen, anstatt sie aufzulösen.



Übersicht der PAMAS-Punkteliste

7. November 2019