Volles Haus bei der Präsentation des KPÖ-Frauenprogramms

Heide Bekhit berichtet

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Am 24. April 2015 lud die KPÖ Steiermark zur Präsentation ihres neuen Frauenprogramms in die Räumlichkeiten des KPÖ-Bildungsvereins in der Lagergasse. Die Veranstaltung war sehr gut besucht, das Publikum bunt gemischt, die Stimmung feierlich. Die Präsentation war der Endpunkt eines zwei Jahre andauernden und sehr breiten Diskussions- und Erarbeitungsprozesses. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Auf 40 sehr ansprechend gestalteten Seiten bringt das im vergangenen November als Teil des Landesprogramms beschlossene Programm die frauenpolitischen Positionen und Forderungen der KPÖ Steiermark auf den Punkt.

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Aktuell wie vor 20 Jahren

„Vieles hat sich geändert, seit die KPÖ 1990 als erste Partei österreichweit ein Frauenprogramm beschlossen hat“, sagte LAbg. Claudia Klimt-Weithaler in ihren einleitenden Worten. „Zugleich waren wir aber überrascht, wie viele Forderungen wir 1:1 übernehmen konnten bzw. mussten, weil sie noch heute gleich aktuell sind wie vor 20 Jahren.“

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Die aktuelle Ausgabe des Frauenprogramms wurde von der Wiener Künstlerin Judith Reßler illustriert, die selbst anwesend war. Einige ihrer Werke wurden im Saal des Bildungszentrums ausgestellt und weckten reges Interesse bei den Anwesenden.

Gutes Zeugnis

Die Theologin und Feministin Dr.in Anna Steiner moderierte die anschließende Podiumsdiskussion, die mit Dr.in Ingrid Franthal, langjähriger Geschäftsführerin des Frauenservice Graz, Dr.in Iris Mendel, Wissenschaftlerin für feministische Politik und transnationale feministische Theorie, sowie der Unternehmensberaterin und ehemaligen Grazer Frauenstadträtin Elke Edlinger prominent besetzt war.

Die Diskutantinnen hatten das Frauenprogramm kritisch studiert und stellten ihm durchwegs ein gutes Zeugnis aus.

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Ingrid Franthal, die entscheidend an der Initiative „Damenwahl“ mitgewirkt hat, vermisste lediglich Forderungen nach einer Gleichstellung von Frauen bei Förderungen im Kunst- und Kulturbereich sowie nach eigenen Frauenkunstpreisen.

Anderer Auffassung als die KPÖ-Frauen war sie in der Frage der Verteilung der Reproduktionsarbeit, also von Aufgaben der Pflege, Fürsorge, Hausarbeit usw. Diese sollte laut Franthal besser unter Männern und Frauen aufgeteilt werden (Stichwort Väterkarenz mit Sanktionen, falls diese nicht in Anspruch genommen wird), während das langfristige Ziel der KommunistInnen woanders liegt: weg von der reinen Halbe-Halbe-Verteilung zwischen Mann und Frau und hin zur Aufteilung aller gesellschaftlich notwendiger Arbeiten auf die gesamte Gesellschaft.

Wirtschaftskrise - Sorgekrise

Iris Mendel nahm Bezug auf die Wirtschaftskrise, deren Ursachen und Hintergründe im Frauenprogramm erörtert werden. „Die Wirtschaftskrise ist auch eine Sorgekrise“ betonte sie und skizzierte Zusammenhänge zwischen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik und der chronischen Unterversorgung in den Bereichen Pflege und Fürsorge. Die Sorgekrise, hervorgerufen durch die steigende Berufstätigkeit von Frauen, gewachsene Anforderungen an die Mutterschaft und den Rückzug von staatlicher Verantwortung bringe Nachteile, da sie „herrschaftlich bearbeitet“, also an den Markt delegiert und häufig Migrantinnen überantwortet werde. Laut Mendel birgt sie aber auch Chancen in sich, da sie eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse einfordert. Außerdem entstehe „eine neue Sichtbarkeit der Sorgepflichten. Und das kann durchaus eine transformative Kraft sein“, so Mendel optimistisch.

Muss Frau perfekte Mutter sein?

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Elke Edlinger verwies auf zahlreiche verfestigte Geschlechterbilder in unserer Gesellschaft, die dazu führen, dass Frauen ihren Selbstwert oft geringer einschätzen, mit dem Effekt, „dass Frauen beispielsweise einen niedrigeren Stundensatz für ihre Arbeit verlangen. So sozial das auch gedacht sein möge, es macht das eigene Überleben oft schwierig“, konstatierte Edlinger. Wichtig sei es jedenfalls, Denkmuster zu reflektieren. „Wie sehr erlaubt sich Frau, perfekte Mutterschaft zu hinterfragen?“, brachte sie ein Beispiel. Erfahrungen mit anderen Frauen auszutauschen, sei ein fruchtbarer Lernprozess. Dabei erkennen Frauen oft, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, dass vielmehr die Verhältnisse das Leben bestimmen. Das mache es möglich zu erkennen: „Das ist nicht mein eigenes Versagen!“.

Aufs Tapet kam auch das Thema Frauensolidarität. Sehr kritisch beurteilte Iris Mendel den oft verwendeten Begriff der „globalen Schwesternschaft“. „Die Lebensrealitäten von Frauen sind weltweit sehr unterschiedlich. Solidarität ist daher ein schwieriger Prozess der Auseinandersetzung“, gab Mendel zu bedenken.

Wem nützt es?

Diskutiert wurden schließlich aktuelle negative Tendenzen im Bereich der Frauenpolitik, wie der Rückbau bei der Geschlechterforschung, die sukzessive Demontage von Frauenförderungen, aber auch die postfeministische Ideologie, die Frauenpolitik zu entkräften versucht, etwa mit Aussagen, wie „Der Feminismus hat sich überholt“. Es gilt, derartige Äußerungen richtig einzuordnen. „Hier muss man sich fragen, in wessen Interesse passiert das?“, so Mendel.

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Nach der Diskussion sorgte der multikulturelle Frauenchor „sosamma“ für einen festlichen Abschluss des Abends.

Mit dem anschließenden Buffet und dem einen oder anderen Gläschen Wein, Saft oder Bier fand der Abend einen würdigen und unterhaltsamen Ausklang.

Das Frauenprogramm der KPÖ liegt in der Grazer Bezirksleitung der KPÖ (Lagergasse 98a, 8020 Graz) auf und kann dort abgeholt bzw. angefordert Tel. (0316) 71 24 79 oder hier heruntergeladen werden.

9. Mai 2015