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Über Silvester Heider

Werner Anzenberger

Rede zu „Silvester Heider Platz“ in Trofaiach

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich für die Einladung hierher und freue mich mit Ihnen, dass es – nach doch einigen Anläufen, wie mir berichtet wurde – gelungen ist, einen Platz in Trofaiach nach Silvester Heider zu benennen.

Silvester Heider steht für den Widerstand freiheits- und demokratieliebender Österreicherinnen und Österreicher gegen den Faschismus und ganz besonders gegen den National-sozialismus, den er schließlich in einem Feuergefecht am Achner-Thörl – hier ganz in der Nähe (auch deshalb ist der Platz gut gewählt für eine Benennung) – mit dem Leben be-zahlen sollte.

Silvester Heider kommt am 9. Dezember 1906 in Graz zur Welt, sein Vater war Hütten-arbeiter, später Eisenbahner und Gärtner. Die Eltern können die fünf Kinder nur schwer durchbringen, als Silvester Heider oder „Sifi“, wie er von seinen Verwandten und Freunden genannt wird, 13 Jahre alt ist, stirbt die Mutter.

Nach dem Schulabschluss beginnt Silvester 1921 eine Lehre als Elektriker in Graz, die er 1923 abbrechen musste. Nach mehreren weiteren Versuchen, beruflich Fuß zu fassen in dieser schwierigen Zeit, zog er zu seinem Bruder nach Frankreich, der bereits seit 1925 in Hayange in Lotringen einer gesicherten Arbeit nachging. Auch Silvester bekommt eine gut bezahlte und sichere Beschäftigung; die Brüder lernen die Schwestern Alice und Germaine kennen, Töchter einer reichen Hotelbesitzerfamilie. Beide waren sehr schön, litten aber an einer ererbten - und unheilbaren - Lungenkrankheit und hatten nur eine sehr kurze Lebenserwartung. Silvester heiratete Germaine 1929 in Frankreich. Die Ärzte rieten eine Luftveränderung an, und so zogen die beiden nach Österreich. Germaine ver-stirbt aber mit 24 Jahren, 1933 in Leoben. Silvester heiratete nochmals.

Er setzte seine berufliche Tätigkeit in der „Alpine Montan Gesellschaft“ bis 1944 als Stahlbauschlosser bzw. Kesselschmied fort. Er galt als ausgesprochener Spezialist – „Spitzenfacharbeiter“ – für die Anfertigung aller Rohrteile und Rohrverschneidungen und genoss daher hohes Ansehen in der Arbeiterschaft. Politisch dürfte Silvester Heider vor-erst sozialdemokratisch orientiert gewesen sein, dazu hatte er in Frankreich einen egali-tären Verfassungs- und Wohlfahrtsstaat kennen gelernt, der ihn enorm beeindruckte. Diese seine Grundwerte, die er sich in jungen Jahren erworben hatte, dürften ein ge-wichtiges Motiv für seine spätere Abneigung gegen beide Faschismen und seinen aktiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen sein.

In Frankreich war im Übrigen auch Silvester’s Neffe, Rudolf Heider, der auch nur Bestes aus dieser Zeit berichten konnte, und dem ich sehr viele Informationen über Silvester Heider verdanken. Diese Gelegenheit darf ich auch gleich nutzen, Frau Sylvia Ippavitz zu danken, die Details zu Silvester Heider zusammengetragen und eine beeindruckende Arbeit darüber geschrieben hat.

Nach seiner Rückkehr aus Frankreich hatte Silvester Österreich im Wesentlichen so wieder ge-funden, wir er es verlassen hatte: Das Land war in einer tiefen wirtschaftlichen Krise, es herrschten Arbeitslosigkeit und bittere Not. Dazu kam, dass die Konservative des Landes, der politische Katholizismus, den demokratischen Verfassungsstaat und die liberalen Grundrechte scheibchenweise demontiert und bis Ende 1933 einen funda-mentalistisch-christlichen diktatorischen Staat errichtet hatte – den sogenannten Ständestaat -, in dem die Opposition und insbesondere die Arbeiterschaft unterdrückt wurde.

Nachdem der Versuch der Arbeiter, mit der Waffe in der Hand die Demokratie doch noch zu retten, gescheitert war und in Anbetracht natürlich auch der unglücklichen Rolle, die die Sozialdemokratie im Bürgerkrieg gespielt hatte, dürfte Silvester Heider sich – wie viele andere auch – der kommunistischen Partei zugewandt haben, weil man ihr eben – und ganz zu Recht - mehr Kampfkraft gegen den Austro-faschismus und später den National-sozialismus zutraute.

Als im März 1938 der sogenannte Anschluss erfolgte, ging ein Riss durch die Familie Heider, was durchaus typisch für viele Familien in Österreich war. Die Mehrheit sah dem deutschen Reich mit großem Wohlwollen entgegen, manche, wie der Bruder oder der Schwager, konnten ihren Jubel und ihre Euphorie nicht verbergen. Silvester stand in der Diskussion mehr oder weniger allein, er erkannte den Machtapparat Hitlers schon damals als Verbrecherregime, mit dem er nichts zu tun haben wollte.

Bei der Volksabstimmung über den Anschluss stimmte er – zumindest meint dies Muchitsch in seiner „Roten Stafette“ – gegen den Anschluss, eine mutige Tat, im Übrigen aber hielt er sich nach außen hin zurück, insbesondere auch, weil er die Familie nicht gefährden wollte. Aufgrund der allgemeinen Euphorie im Land über die „Heimholung Österreichs“ war an Widerstandsaktionen vorerst ohnehin nicht zu denken.

Aber die Lage änderte sich mit Fortdauer des Krieges und der permanenten Bespitzelung und Drangsalierung der Bevölkerung durch die nationalsozialistischen Behören und Schergen. Spätestens nach dem Stalingrad-Desaster im Winter 1942/43 ebbte die Euphorie auch bei jenen ab, die Hitler 1938 noch begeistert und jubelnd empfangen hatten. Die Widersetzlichkeiten im zivilen Bereich - von Unmutsäußerungen und Spott über das Regime über das Hören von Feindsendern bishin zu kleinen Sabotageaktionen – traten häufiger und häufiger auf – Aktionen, die der staatlich-dikta-torische Terror mit unglaublich brutaler Repression beantwortete.

Freilich war im Gegensatz zu anderen besetzten Ländern die Bereitschaft der Öster-reicher, gegen die nationalsozialistischen Okkupanten mit der „Waffe in der Hand“ zu kämpfen, gering. Zu stark war die Propaganda, die die Österreicher als Genossen der deutschen Volksgemeinschaft vereinnahmte, zu stark die Loyalität großer Bevölkerungs-teile zur „deutschen Sache“ bis zum bitteren Ende, als dass ein bewaffneter Kampf die notwendige Unterschützung gefunden hätte. Das Meer an patriotischen Sympathisanten, in dem – nach einem berühmten Ausspruch Maos – der Widerstandskämpfer wie ein Fisch schwimmt, der fremde Soldat aber ertrinkt, war aber einfach nicht groß und tief ge-nug, ohne die Verdienste der Bodenorganisation, insbesondere der Frauen, von denen viele in den Konzentrationslagern die Gesundheit oder ihr Leben einbüßten, gering schätzen zu wollen.

Und dennoch trafen sich schon im Sommer 1942 die Arbeiter Sepp Filz, Anton Wagner, Ferdinand Andrejowitsch und der schwer kriegsbeschädigte Max Muchitsch am Leobner Häuslberg und beschlossen, eine Partisanenorganisation aufzubauen. Die Partisanen sollten im obersteirischen Industriegebiet versuchen, die Kriegswirtschaft und die Lo-gistik mit Sprengstoffanschlägen zu schädigen und Wehrverbände im eigenen Land zu binden, um so den Sieg der Alliierten und damit das Ende des Krieges zu beschleunigen.

Nicht vergessen bei diesen Betrachtungen darf man ja auch, dass die Alliierten in ihrer der Moskauer Deklaration im Herbst 1943 beschlossen hatten, Österreich als eigenen souveränen Staat wieder auferstehen zu lassen, dieser Staat aber so beurteilt werde, wie er tatsächlich selbst zu seiner Befreiung beigetragen hat. Und nach außen hin – gegen-über den Alliierten vor allem von denen man den Staatsvertrag haben wollte – hat man im Nachkriegsösterreich sehr gerne auf den Widerstand in seinen vielfältigsten Formen verwiesen.

Nach innen jedoch hat nach 1945 die österreichische Halböffentlichkeit den militärischen Widerstand in den Bergen – neben Donawitzer Arbeiter waren ja auch die Koralmparti-sanen „im Übrigen noch erfolgreicher“ tätig - als ausschließlich kommunistisch punziert und ihm vorgeworfen, nicht für ein freies Österreich, sondern für einen sowjetischen diktatorischen Vasallenstaat gekämpft zu haben. Diese Betrachtungsweise mag in das Bild des „Kalten Krieges“ passen, ist aber historisch nicht haltbar.

Zum Einen hat sich die Österreichische Freiheitsfront im Programm vom November 1943 zur Errichtung eines freien, unabhängigen, demokratischen Österreichs bekannt, das mit allen Völkern in Freundschaft zu leben gewillt ist, jeden Rassen- und Nationalhass bekämpft sowie Religions- und Meinungsfreiheit sichert. Den Kampf dafür, für eine neue bessere Welt – wie es im Programm heißt - wollte man „mit allen zur Verfügung stehen-den Mitteln, einschließlich Waffengebrauchs, gegen die faschistischen Okkupanten und ihre österreichischen Helfeshelfer“ führen.

Zum Anderen war die Partisanengruppe zwar kommunistisch geführt, sie nutzte aber ein umfangreiches Netzwerk, dem Sozialdemokraten und Christlichsoziale ebenso ange-hörten wie eine Adelige in der Rötz.

Silvester Heider war seit der Gründungsphase dabei, es war seine Aufgabe, eine Kriegs-gefangenenhilfe zu organisieren und Kontakte zu den Fremdarbeitern herzustellen. Im November 1943 gelang es ihm, drei Fremdarbeiter aus dem Trofaiacher Lager zu be-freien und für die Partisanengruppe zu rekrutieren.

Richtig los ging es im April 1944. Man führte Sprengstoffanschläge auf die Eisen-bahnlinie bei Diemlach, in Auwald am Jassingdurchlass bei St. Michael und in Groß-Reifling aus. Gleichzeitig wurden Flugblätter verteilt, um die Bevölkerung über die Ziele der Österreichischen Freiheitsfront zu informieren.

Am 22. Juni 1944 – kurz nach der erfolgreichen Alliierteninvasion in der Normandie, die gebührend gefeiert worden war – gerieten die Partisanen ungewollt in das erste Feuergefecht mit den Faschisten. Vom Regen völlig durchnässt wollte man sich für einige Zeit in einer verlassenen Holzknechthütte am Archnerthörl auf dem Thalerkogel versteckt halten und mit Widerstandskämpfern aus Kapfenberg zusammentreffen, die allerdings wegen der Abriegelung des Gebietes nicht mehr zu ihren Kampfgenossen vordringen konnten. Als die Posten meldeten, dass sich ein Trupp Bewaffneter näherte, meinte man irrtümlicherweise, es handle sich um die Kapfenberger Genossen. Da nur Silvester Heider, der mittlerweile zur Tarnung den Namen „Fredl“ angenommen hatte, den Ver-bindungsmann der Gruppe kannte, musste er ins Freie um die Zugehörigkeit festzu-stellen. Er erkannte sehr bald, dass es sich um eine Gestapogruppe handelte. Im folgen-den Feuergefecht verließ Heider nochmals – die Motive sind ungeklärt – die schützende Blockhütte und wurde von einer Kugel tödlich verwundet. Die Gruppe verlor zwei weitere Partisanen, der Rest konnte sich zurückziehen.

Nach einer weiteren Sprengung, diesmal der Südbahnstrecke bei der Mallinger-Mühle in Leoben, befand sich die Partisanengruppe bis Kriegsende in der Defensive. Sie hatte alle Kräfte einzu-setzen, um ihren Verfolgern zu entkommen. Der militärische Wert des Wider-standes beschränkte sich in der Folge darauf, dass die Nationalsozialisten erhebliche Kräfte für die Partisanenjagd binden mussten.

Heute, 60 Jahre nach dem Tod Silvester Heiders, tut sich Österreich noch immer sehr schwer, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus entsprechend zu würdigen, und das unabhängig davon, ob der Widerstand von kommunistischer, sozialdemokratischer oder konservativer Seite geführt wurde. Ein gutes Beispiel ist der Widerstandskämpfer Robert Bernadis, klar der konservativen Seite zuzuzählen, der mit Stauffenberg hinter dem Attentat am 20. Juli 1944 stand und hingerichtet wurde. Ihm wurde schon deshalb bislang keine Kaserne gewidmet – wie dies in Deutschland durchaus üblich ist -, weil es führende Bundesheerkreise nach wie vor als unpassend betrachten, einem „Befehlsver-weigerer“ – um nicht zu sagen „Hochverräter“ – eine solche Ehrung zu teil werden zu lassen.

Dass man jetzt für ihn ein kleines Denkmal vor der Towarek-Kaserne in Enns, wo er seine Offiziersausbildung erhalten hatte, errichtet hat, ist eine typische halbherzige, bigotte österreichische Lösung. Umso mehr ist der Stadtgemeinde Trofaiach zu danken, ja ist sie dafür zu bewundern, dass dieser öffentliche Platz hier und heute mit Silvester Heider dem österreichischen Widerstand gewidmet werden kann.

Richard Zach, ein Dichter, der ebenfalls für seinen Glauben an eine bessere Welt im wahrsten Sinne des Wortes den Kopf hinhalten musste, hat die Hoffnung und die Ästhetik des Widertands eindrucksvoll auf den Punkt gebracht:

„Ich hab’ gewagt, hab’ nicht gefragt,
ob’s gut ist, wenn man alles wagt,
und ob die Taten Zinsen brächten!

Bequemer wäre es gewesen,
den Kopf zu senken, klug zu lächeln,
die Knie verrenken, Demut fächeln
und kein verbotenes Buch zu lesen.

Ich bin den anderen Weg gegangen,
Verzeiht – es tut mir gar nicht leid,
obwohl es elend steht zur Zeit.
Wird keiner um sein Leben bangen,

der weiß, wozu er es verwendet,
bedachte, was sein Glaube wiegt.
Er hat am Ende doch gesiegt,
und wenn er auf der Richtstatt endet!“

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

Leoben, am 11/12.10.2004

25. Oktober 2004