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Peter Filzmaier über Kaltenegger und die KPÖ

Spekulation über Chancen bei der Nationalratswahl

Modell Kaltenegger
Der KPÖ-Politiker erhielt bei jüngsten Umfragen einen Positivwert, über den kein ÖVP-Regierungspolitiker auch nur annähernd verfügt - Kolumne von Peter Filzmaier

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Ernest Kaltenegger (KPÖ) mit plus 31 auf dem ersten Platz. Das war jene Umfrage, die in der Vorwoche das sensationellste Ergebnis ergab. Worum es ging? Die Meinungsforscher von OGM befragten steirische Wähler, welchem Politiker sie ver- oder misstrauen. Als Saldo der Ja/nein-Antworten zum Punkt "Ich habe Vertrauen zu XY" ergab sich für Kaltenegger ein Positivwert, über den zum Beispiel kein ÖVP-Regierungspolitiker auch nur annähernd verfügt.

Sunnyboy Grasser bilanzierte im Juni, also noch vor der "Yacht-Debatte", mit 20 Punkten weniger. Von den -Ministern des BZÖ ganz zu schweigen. SPÖ-Landeshauptmann Franz Voves war mit plus 30 nahe dran, doch ist das ähnlich bescheiden. In anderen Bundesländern mit Ausnahme Kärntens liegen Amtsinhaber im Bereich von plus 50 bis 60 und über 30 Prozentpunkte vor dem Nächsten.

Zur Erinnerung: Die KPÖ erreichte 2003 in der Grazer Gemeinderatswahl 20,8 und 2005 in der steirischen Landtagswahl 6,3 Prozent. Nach Daten des SORA-Instituts verlor die ÖVP zweistellige Wählerzahlen an einen Kommunisten. 8000 KPÖ-Wähler kamen von der FPÖ. Das war knapp ein Fünftel - und doppelt so viele Stimmen als von der SPÖ, sowie ein Drittel mehr als von den Grünen.

Es gibt Kaltenegger-Fans, die einen früher beim Gedanken an kommunistisches Wahlverhalten zum Säbelduell gefordert hätten. Zugegeben, es handelt sich um Proteststimmen, die oft zwischen Rechts und Links pendeln, wenn es um einen Denkzettel für "die da oben"geht. Doch steckt mehr dahinter als der beliebige Austausch politisch Verdrossener, die gegen alles sind. Die Sehnsucht nach Politikern anderen Typs steigt. Traditionelle Funktionärsparteien und deren mediengeschulte Vertreter haben viele an Politik interessierte Bürger vergrault. Findet sich jemand, der sowohl volksnah als auch dabei authentisch ist - siehe Kaltenegger und seine Sozialthemen -, liegen theoretisch bis zu 20 Stimmenprozente zum Aufsammeln bereit.

Als Wahlmotiv deklassierte Kaltenegger 2005 alle Kandidaten der Landtagsparteien (inklusive jene SPÖ und ÖVP) um Längen. Für die Grünen geriet nun der OGM-Vertrauensindex zum Desaster. Obmann Werner Kogler und Klubobfrau Ingrid Lechner-Sonneck sind mit minus 17 bzw. minus 25 die Schlusslichter. Die Grünen sind nicht mehr zwangsläufige Alternative der Etablierten. In die Marktnische des Wunsches nach Politikern, die irgendwie anders sind, stößt anstatt ihrer Kaltenegger.

Die Konkurrenz sitzt sowieso seit Jahren als Kaninchen vor der Schlange. Welche Partei hat sich rechtzeitig eine Argumentation gegen die KPÖ überlegt? Inzwischen hat Kaltenegger in der Steiermark Kultstatus erreicht, sodass potenzielle Angreifer Angst vor einem Image haben, als würden sie in der Kirche Gott verfluchen. Der Vergleich ist nicht zufällig gewählt, weil der beliebteste Kommunist Österreichs mit Vorliebe Bibelsprüche zu Werbeslogans macht: "Fürchtet Euch nicht!"

Strategisch stellt sich die Frage, warum keiner konsequent Aussagen und Auftreten der zweiten und dritten Reihe hinter dem Sympathieträger Kaltenegger thematisiert hat. Müssen sich, weil es dafür zu spät ist, die jetzigen Parlamentsparteien sogar bei der Nationalratswahl vor der KPÖ fürchten? Nach den Gesetzen der Logik hat die KPÖ keine Chance, in Graz ein Grundmandat zu erringen. Allerdings haben rote, schwarze, blaue und grüne Wahlkämpfer Kaltenegger schon auf Gemeinde- und Landesebene unterschätzt. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2006)

26. Juli 2006