„Kein Mensch hat mir geholfen“

Nach 70 Jahren entschuldigt sich Land Steiermark bei Gewaltopfer

Als Kind misshandelt und missbraucht, hat Gottfried Eicher sein Leben unter widrigsten Umständen gemeistert. Die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Oststeirers - und eine Entschuldigung des Landes Steiermark nach 70 Jahren.

Am 25. Juni 1941 kam Gottfried Eicher in der Oststeiermark als uneheliches Kind zur Welt. Der Ehemann seiner Mutter wurde in die Wehrmacht eingezogen und kann nicht der leibliche Vater sein. Als unerwünschtes Kind kommt Gottfried deshalb bald ins Gemeindearmenhaus und wird von einer Pflegemutter betreut. „Dort war es nicht schlimm“, erinnert sich Herr Eicher an seine früheste Kindheit.

Seine leibliche Mutter arbeitete nur 400 Meter entfernt als Magd auf einem Bauernhof. Aus Neugier schlich sich der siebenjährige Gottfried einmal dorthin, wurde aber vom Mann der Mutter erwischt, blutig geschlagen und verjagt. Das kann Herr Eicher bis heute, er ist 78 Jahre alt, nicht vergessen.

Im Alter von neun Jahren kommt der kleine Gottfried zu einem Bauern. Statt elterlicher Fürsorge erfährt er aber nur Gewalt und Ausbeutung. Schon als Kind muss er harte Arbeiten verrichten und wird nicht besser behandelt als das Vieh. Er wird regelmäßig verprügelt, muss Verdorbene Lebensmittel essen und lebt fünf Jahre in einer Scheune, auch im Winter. Schon in diesem Alter denkt er daran, sich das Leben zu nehmen. Er ist nicht mehr als eine kostenlose Arbeitskraft und wird vom Bauern willkürlich verprügelt, oft blutig. „Kein Mensch hat mir geholfen“, sagt Herr Eicher.

 

Ein Mensch, der offiziell gar nicht existiert

Offiziell existiert Gottfried Eicher zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Außer im Taufregister der Kirche wird es von keiner Stelle geführt. So sollen wohl seine Angehörigen geschützt werden. Dass seine Mutter nach dem Krieg noch ein weiteres außereheliches Kind zur Welt bringt, weiß Gottfried zu diesem Zeitpunkt nicht. Dem jüngeren Bruder ergeht es ähnlich, er wird als Kind so brutal misshandelt, dass er sein Gehör verliert. Später fand aber Zuflucht bei einem weststeirischen Bauern, der dem Buben zu einem menschenwürdigen Leben verhalf. Nach 70 Jahren haben sich die Brüder kennengelernt und haben nun regelmäßigen Kontakt.

In der Schule ergeht es Gottfried nicht besser als am Hof. Der Kaplan stellt ihn oft bloß, schlägt den Buben vor der Klasse und missbraucht ihn regelmäßig sexuell. Als Herr Eicher später bei hohen Würdenträgern vorspricht und über das Unrecht sprechen will, das ihm als Kinder wiederfahren ist, wird er zuerst herablassend behandelt und zur Rede gestellt. Später kommt es aber zu einer Entschuldigung, er erhält auch eine Entschädigung von der Kirche. Ein gläubiger Mensch ist Herr Eicher trotzdem immer geblieben.

Die ständige Gewalt ist so traumatisierend, dass Gottfried mit 12 die Schule verlässt. Kein Amt, keine Behörde stellt Fragen. Das Kind existiert gar nicht, und so fühlt sich auch niemand verantwortlich. Mit 17 entschließt der inzwischen Jugendliche, sich das Leben zu nehmen. Ein Gendarm, der ihn erwischt, redet ihm gut zu, sein Leben nicht wegzuwerfen, und gibt ihm eine Adresse in Graz. Die Adresse: Das erst seit kurzem existierende Österreichische Bundesheer. Herr Eicher meldet sich freiwillig und reist ohne jeglichen Besitz zum Grundwehrdienst nach Klagenfurt – mit Unterstützung des Gendarmeriebeamten. In der Kaserne ist vieles für ihn neu: saubere Kleidung, regelmäßige Mahlzeiten – „und ich war zum ersten Mal auf einem WC, vorher habe ich nur das Plumpsklo gekannt“, erinnert sich Herr Eicher.

 

Positive Veränderungen

Nach dem Abrüsten bekommt er Geld ausbezahlt – es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er über eigenes Geld verfügt. Als junger, kräftiger Mann sucht er Arbeit und kommt zu einer Grazer Baufirma. Er ist wissbegierig und möchte die Schule nachholen, was ohne Dokumente schwierig ist. Einen Reisepass erhält er mit Hilfe seines Wehrdienstbuches. Den Pass benötigt er, weil er gehört hat, dass in Deutschland Gastarbeiter gesucht werden. So reist er nach Karlsruhe und lernt eine für ihn völlig neue Welt kennen. „Ich habe gelernt, für mich selbst zu kochen und die Wäsche zu waschen, habe den LKW-Schein gemacht und die unterschiedlichsten Arbeiten angenommen“, erzählt Gottfried Eicher. Bis 1972 bleibt er in Deutschland, er ist inzwischen 29.

Auf einem Heimatbesuch im Jahr 1965 lernte er „zufällig“, wie er sagt, seine künftige Ehefrau Rosa kennen. Bei der Hochzeit bald darauf trifft er wieder auf den ehemaligen Kaplan, der ihn in der Schule missbraucht hat. Zum Glück kein schlechtes Omen, denn Gottfried und Rosa sind seit 51 Jahren glücklich verheiratet, haben vier Kinder und inzwischen sechs Enkelkinder.

Während der letzten Jahre in Deutschland baut Herr Eicher in der Oststeiermark ein Haus. Er ist vielseitig, kann fast alles selbst machen, auch den 41 Meter tiefen Brunnenschacht hebt er selber aus. Das war auch der Beginn seiner Laufbahn als Wünschelrutengeher, als der er weit über seine Heimatgemeinde hinaus bekannt ist. Herr Eicher konnte mit seinen besonderen Gaben vielen Menschen helfen, zuhause hat er ganze Ordner voller Dankesbriefe, die er stolz herzeigt.

Als das Haus fertig war, erfolgte 1972 der Umzug in die Heimat. Zuerst fand er bei einer Glaserei in Graz Arbeit, später als Gemeindearbeiter in seiner Heimatgemeinde Ludersdorf. Nach seiner Pensionierung hat er – handschriftlich – aufgeschrieben, was ihn seit seiner Kindheit belastet. Sieben Bücher hat er mittlerweile herausgegeben, nebenbei auch eine umfangreiche Witzesammlung. Den Humor hat er nämlich trotz seiner unglücklichen Kindheit nicht verloren. Gottfried Eicher: „Ich habe mein Leben gemeistert, viele andere Opfer von Misshandlung und Missbrauch aber nicht. Sie können mit dem Erlebten nicht fertig werden.“

 

Späte Anerkennung durch Opferschutzkommission

Herr Eicher hat sich wegen der Misshandlungen, die er als junger Mensch erlitten hat, an die Kommission der ehemaligen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic gewendet. Er hofft auf späte Gerechtigkeit. 2016 wurde ihm zusammen mit anderen Betroffenen im Rahmen eines Staatsaktes im Nationalrat eine Entschädigung zugesagt. Schließlich haben die staatlichen Behörden eine Mitschuld, da sie einfach weggeschaut haben – zum Beispiel, als der Zwölfjährige trotz Schulpflicht nicht mehr in der Schule erschienen ist. Kurz vor Weihnachten 2018 hat er dann eine Entschädigung bekommen – und ein Entschuldigungsschreiben.

 

Wohin können sich Opfer von Missbrauch in staatlichen Einrichtungen wenden?

Das Land Steiermark richtete 2011 eine Kommission ein, die sich um Opfer von Missbrauch in staatlichen Einrichtungen kümmern sollte. Die Tätigkeit wurde aber schon 2013 eingestellt. Zu früh – denn viele Opfer wurden erst durch die Medienberichte ermutigt, sich zu melden, nachdem sie jahrzehntelang geschwiegen haben. KPÖ-Klubobfrau Claudia Klimt-Weithaler kämpfte dafür, dass diese Stelle wieder eingerichtet wird: „Das ist eine wichtige Geste gegenüber allen Menschen, die in öffentlicher Obhut misshandelt wurden und dabei mit Erlebnissen zurechtkommen müssen, die nie wieder gutzumachen sind.“

Zuerst hieß es, es herrsche kein Bedarf mehr. Doch nach Bekanntwerden weiterer Fälle gab die Landesregierung nach und richtete – derzeit unbefristet – wieder eine Anlaufstelle ein.

Wer als Kind oder Jugendlicher Heim- oder Pflegekinder war und in dieser Zeit Misshandlungen erleiden musste, kann sich an das Gewaltschutzzentrum in der Grazer Granatengasse 4 richten. Kontakt: Tel. 0316/77 41 99.

10. Juli 2019