„Ihr könnt Eure Zukunft gestalten!“

Ein Abend in der Universität Graz mit der 92-jährigen Widerstandskämpferin Maria Cäsar

"Es ist doch so ungerecht in der Welt. Es gibt so viele Arme und ein paar Reiche, die können sich alles leisten, und die andern können sich nichts leisten." Mucksmäuschenstill ist es im Hörsaal als Maria Cäsar erklärt wie sie "politisch geworden" ist. 150 Studentinnen und Studenten folgen gespannt den Worten der 92-jährigen Kommunistin.

Im Rahmen des Wahlkampfes zur Österreichischen Hochschulschülerschaft hatte der Kommunistische StudentInnen Verband (KSV) zum Zeitzeugengespräch geladen. Am Vorabend des 8. Mai berichtet die Widerstandskämpferin in der Karl-Franzens-Universität in Graz vor vollem Hörsaal, dass sie in dieser Stadt 14 Monate im Landgericht in Untersuchungshaft zubringen musste. Die letzte steirische Widerstandskämpferin, die noch öffentlich auftreten kann, ist umrahmt von der Spitzenkandidatin des KSV, der Studentin der Rechtswissenschaften, Sara Noemie Plassning, und dem Studenten der Geschichte und Germanistik Robert Krotzer, Vorsitzender der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ).

Maria Cäsar wurde 1920 in Prevalje in Slowenien geboren und erlebte ihre Kindheits- und Jugendjahre in Judenburg in der Obersteiermark, damals ein Zentrum der eisenverarbeitenden Industrie. Der Vater war Arbeiter und Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, Maria wurde Mitglied der Roten Falken. Die beeindruckende Frau berichtet von ihren schönen Erlebnissen in der Gruppe, politische Schulungen aber habe es keine gegeben.

1933 wurde die Kommunistische Partei verboten, 1934 die Roten Falken und 1935 wurde die 15-Jährige Mitglied im Kommunistischen Jugendverband. "Ungerechtigkeiten habe ich nie ausgehalten", erzählt die antifaschistische Widerstandskämpferin ihren jungen ZuhörerInnen. Es bildete sich eine Widerstandsgruppe aus 43 Personen, darunter viele Mädchen, wie Maria betont. Sie verfassten und verteilten Flugschriften und sammelten für die Angehörigen von Inhaftierten. Mehrere wurden gefasst und hingerichtet.

Auch Maria Cäsar wurde 1939 wegen Verteilens von Flugzetteln und Unterstützung politischer Gefangener der Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt.

Nach ihrer Enthaftung heiratete sie, ihr erster Mann fiel als Soldat 1943. Maria Cäsar knüpfte Kontakte zu den jugoslawischen Partisanen und den Widerstandsgruppen in Judenburg. Als 1944 Mitglieder der Widerstandsgruppen verhaftet wurden, darunter ein Kamerad, mit dem sie Geld für die Rote Hilfe gesammelt hatte, befürchtete sie, auch verhaftet zu werden und ging deshalb zu slowenischen Verwandten. "Er hat der Gestapo nie meinen Namen verraten", erinnert sie sich: "Er wurde dann zum Tode verurteilt und ich verdanke ihm mein Leben."

Auf die Frage einer Teilnehmerin, ob sie belaste, dass er gestorben sei, weil er sie nicht verraten habe, antwortet sie: "Ich habe es als Verpflichtung gesehen, dafür einzutreten, dass so eine Situation nie mehr wieder kommt, dass die Menschen damals nicht umsonst gestorben sind."

Auf die Frage eines Zuhörers, wie sie den 8. Mai 1945 und die Zeit danach in Österreich erlebt habe antwortet sie: "Es war eine schwere Zeit. Hitler hatte uns einen blühenden Alpengarten versprochen, hinterlassen hat er einen Trümmerhaufen und viele zerstörte, kaputte Menschen.

Wir mussten alles wieder aufbauen, wir mussten kämpfen um Strümpfe, um Milch für die Kinder, es war ja nichts da. Und die, die aus dem Krieg nachhause kamen, die hatten so viel Brutales erlebt und gesehen - viele Ehen waren zerstört." Und rückblickend - nicht bitter - aber den Tatsachen ins Auge sehend: "Lange Zeit sind die Widerstandskämpfer nicht beachtet worden. Die Kommunisten haben den größten Teil des Widerstandes geleistet, im Kalten Krieg wurden die Kommunisten tot geschwiegen.

Ich will nicht über die einzelne Betroffenheit der Menschen reden, ich will den Hintergrund betonen, die Fremdenfeindlichkeit, die auch heute wieder da ist. Ich verfolge im Fernsehen den Prozess in Deutschland über die 10 Morde. Da gibt es ja eine lange Liste von Politikern, die weggeschaut haben, die alles verharmlost haben. Überall hat man weggeschaut, verharmlost, auch hier in Österreich. Erst heute, eine ganze Generation später, wird eingesehen, dass Österreicher nicht nur Opfer sondern auch Täter waren." Am Ende der Veranstaltung appelliert die mutige Frau, die den Menschenrechtspreis der Stadt Graz erhielt, an ihre ZuhörerInnen "Ich kann nicht mehr viel tun außer reden, aber ihr seid jung, ihr könnt eure Zukunft gestalten. Junge Leute sollen sich um Politik kümmern, ihr sollt kritisch an die Politik herangehen, lernt Nein zu sagen. Wenn euch was nicht passt, dann seid nicht still, sondern redet drüber. Ich möchte jedem raten, beschäftigt euch mit Politik". Rauschender, nicht enden wollender Beifall, standing ovations für die mutige starke Frau waren die Antwort der StudentInnen. "Wir werden heute Abend anders aus dem Saal rausgehen als wir reingekommen sind", fasst Sara Plassning in ihrem Schlusswort die Stimmung treffend zusammen.

Anne Rieger

5. November 2014