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Geschichtsbetrachtung ohne Tabuzonen

Kurt Pätzold über den Band "90 Jahre KPÖ"

Ohne Tabuzonen

Zur Geschichte der KPÖ: Ein Band mit Vorträgen gibt Aufschluss. Von Kurt Pätzold

Ob die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) für die Drucklegung der auf einem Symposium zum 90. Jahrestag ihrer Gründung gehaltenen Reden finanzielle Unterstützung vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung in Berlin erhalten hätte. erscheint fraglich. Die Österreichischen Kommunistcn wurden dagegen von dem entsprechenden Ministerium in Wien damit bedacht. Das hat die Alrred-Klahr-Gesellschaft in den Stand gesetzt, einen Band mit Studien zur Geschichte der KPÖ herauszubringen. Bei unseren Nachbarn im Süden ticken die Uhren doch noch anders, obwohl die Kommunisten dort in den Kreisen der Herrschenden ebensowenig gut gelitten sind und ihre Partei seit dem Tag ihrer Gründung, dem 3. November 1918. angefeindet wird und sie selbst mit Vorurteilen und Verdächtigungen überhäuft werden.
Das bezeugte mir vor zwei Jahren eine Episode. Schwimmend im Atlantik und ein wenig draußen, wo man gewöhnlich mit Meer und Wellen allein ist, traf ich auf einen »Mitschwimmer«. Bei solcher Gelegenheit kommt man über „Guten Tag“ oder „Grüß Gott“ oder neudeutsch „Hallo“ ins Gespräch. Ich war auf einen Österreicher aus Graz gestoßen.“Da kennen Sie doch den ,Kaltenegger'?“ Antwort: »Das ist der einzige anständige Kommunist in Österreich.“
So sehr mich das Lob für den Mann freute, dessen Vorträge ich gelegentlich an der Karl-Franzens-Universität gehört hatte, es sprach mir doch davon, dass es die Genossen im Alpenlande nicht eben leicht haben. Urteile und Vorurteile, Erkenntnisse und Irrtümer, Erfolge und Fehlschläge. Verdienst und Versagen kennzeichnen ihren Weg. Davon wurde während des Symposiums in Wien und Graz gesprochen, eingedenk der Warnung „An solchen Geburtstagen neigt man zur Verklärung. man will an kritische Punkte der Vergangenheit eher nicht rühren“.(Dies hatte der Vorsitzende der Landesorganisation in der Steiermark, der erfolgreichsten in der kleinen Partei, in Erinnerung gebracht.) Nein, des Schönfärbens hat sich kein Referent schuldig gemacht. Damit haben auch die österreichischen Kommunisten ihre eigenen bitteren Erfahrungen. Und auch wo der Leser auf Ausgelassenes stößt, rührt dies nicht von abgesteckten Tabuzonen her, sondern zeigt an, dass Fragen an die Geschichte weiterer Aufklärung bedürfen.
Die Hauptvorträge hestritten Historiker: Hans Hautmann (/918//9), Winfried R. Garscha (1920-1945) und Manfred Mugrauer (1945-1955/56) und wiederum Hautmann, der auch über die 60er bis 90er Jahre referierte, einen Zeitraum. für den eingestandenermaßen lange und vergeblich ein Experte gesucht worden war. Was entwickelt wurde trägt deutlich den Stempel der Selbstverständigung und Selbstvergewisserung. Das bringt es mit sich, dass vor allem die eigene Klientel angesprochen wird. Erzählende und auch nur Aussagen illustrierende Passagen fehlen weitgehend. Die Kenntnis vieler Details und von Personen, mit deren Nennung zu zurückhaltend umgegangen wird, setzen die Autoren voraus. Doch keine Frage: Diese Spezialistengruppe besäße das Zeug. eine weniger lehrbuchhafte Parteigeschichte zu schreiben.
Dem Blick aufs Ganze folgen Einzelstudien, die sich mit Initiativen, Ereignissen und Episoden aus der Geschichte der Kommunisten in Graz, mit dem Widerstand in der Steiermark. den österreichischen Kommunisten im USA-Exil, der Agrarpolitik im Burgenland und dem proletarischen Theater in der Ersten Republik hefassen. In dieser Gruppe nimmt die eingehende Studie Hautmanns über die „Vorfälle des 15. Juni 1919 in Wien“ einen besonderen Platz ein, An diesem Tage versuchte die junge Kommunistische Partei nach ungarischem Vorbild einen Vorstoß zur Errichtung der Rätemacht. der scheiterte. Erstmals veröffentlicht wird auch das Protokoll der Sitzung der Untersuchungskommision, die im Parteisekretariat die Ereignisse des Tages erörterte.
Im knappen Schlußteil werden Politikfelder der Gegenwart abgehandelt einschließlich der auf ihnen Agierenden.
Namentlich was Ernest Kaltenegger und Franz Stephan Parteder über die Politik der Partei in der Steiermark und in der Landeshauptstadt, wo die KPÖ bei der Gemeinderatswahl 2003 sensationell mehr als 20 Prozent der Stimmen gewann, an Erfahrungen mitteilen und zu bedenken geben, könnte Linkspolitikern in der Bundesrepublik zusätzlich Anstoß sein, ihre eigene Rolle im politischen Alltag zu prüfen. Hervorsticht die Warnung, nicht im parlamentarischen Betrieb zu versumpfen, sondern beständigen Kontakt mit den Wählern zu wahren, sich um die außerparlamentarische politische Mobilisierung zu kümmern, ohne die letztlich weder Menschen zu gewinnen noch Ergebnisse zu erzielen sind.

Schade, dass dem Band ein Anhang fehlt. In ihm hätten sich eine knappe Chronik der Ereignisse, Zahlenangaben über Mitglieder und Wähler und ein Personenregister gut und hilfreich ausgemacht.

Donnerstag, 18. März 2010, Nr. 65 junge Welt

6. April 2010