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"Für die Studierenden gibt es nichts zu feiern"

10 Jahre Bologna-Prozess - Interview mit Sebastian Wisiak (Junge Welt)

Für die Studenten gibt es nichts zu feiern«

Wissenschaftsminister aus 46 Ländern treffen sich zehn Jahre nach Start des Bologna-Prozesses in Wien. Ein Gespräch mit Sebastian Wisiak
Samuel Stuhlpfarrer

Sebastian Wisiak (25) studiert Humanmedizin an der Universität Graz. Er ist Mandatar der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) und Bundesvorsitzender des Kommunistischen StudentInnenverbands

Am Donnerstag startet in Wien der sogenannte Bologna-Gipfel – zehn Jahre nach Beginn dieses Hochschulreformprozesses. Gibt es aus Ihrer Sicht hinreichend Gründe zum Feiern?

Wenn wir uns fragen, was Bologna für uns gebracht hat, sieht die Bilanz bitter aus. Verschulte Studienpläne, eine zunehmende soziale Selektion an den Universitäten, Studiengebühren und eine Bildung, die immer mehr an Qualität einbüßt – das sind die direkten Folgen dieses sogenannten Reformprozesses. Für die Studenten gibt es daher nichts zu feiern.

Gönnt man den Ministern den Feierspaß, oder ist geplant, die offizielle Begehung dieses Jubiläums zu stören?

Es wird am Donnerstag eine große Demonstration geben, zu der europaweit mobilisiert wird. Aber es ist nicht nur diese Demo geplant, wir wollen den Gipfel auch danach spürbar stören. Wir planen eine Vielzahl kleiner Aktionen wie Straßenblockaden oder Flashmobs, die dezentral organisiert werden. Wir wissen ja, daß der Verfassungsschutz auch in unseren Arbeitsgruppen sitzt und haben daher sehr verzweigte Organisations- und Mobilisierungsmethoden gewählt, um möglichst wenig berechenbar zu sein.
E
rwarten Sie denn staatliche Repressionen?

Das ist schwer einzuschätzen, aber ich möchte nicht ausschließen, daß es zu Provokationen seitens der Polizei kommen könnte.

Am 12. und 13. März findet in Wien auch ein Alternativgipfel statt. Was sind die konkreten Ziele?

Das wichtigste Ziel ist es, wie der Name schon sagt, Alternativen zu präsentieren. Uns geht es darum, zu zeigen, daß eine andere, ein freie Bildung in jeder Hinsicht möglich ist, so, wie auch eine andere Gesellschaft möglich ist. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, daß im bestehenden System, eine freie Entfaltung des Individuums möglich wäre. Daher stellen wir alles Bestehende in Frage und diskutieren Alternativen.

Die Aktionen gegen den Bologna-Gipfel schließen an die wochenlangen Unibesetzungen von letztem Herbst an. Wird man den Schwung dieser Bewegung mitnehmen können?

Das gilt es am Donnerstag zu beweisen. Aber ganz abgesehen davon, wie viele Leute sich letztlich beteiligen werden, war die Bewegung im Herbst ein großer Erfolg. Österreich ist damals aus dem Dornröschenschlaf geweckt und zur »rebellischen Alpenrepublik« geworden, wie es der Spiegel formulierte. Und die Studenten haben eine Bewegung ausgelöst, die weit über die Grenzen fortgewirkt hat. Man muß sich das vorstellen: Phasenweise waren letzten Herbst über 100 Universitäten in ganz Europa besetzt.

Welche Perspektiven versucht der KSV in diese Bewegung einzubringen?

Der KSV war von Anfang an – auch schon letzten Herbst – Teil der Proteste und ist es auch jetzt. Wir sind ein vergleichsweise kleiner Verband, können daher innerhalb der Bewegung keine Führungsrolle übernehmen. Das gelingt allerdings auch anderen Gruppierungen nicht. Die Besetzerbewegung ist unabhängig von Fraktionen entstanden, und das ist auch gut so.

Nichtsdestotrotz versuchen wir, eine klare internationalistische Perspektive in die Bewegung einzubringen. Die EU ist ein Instrument, um den einzelnen Mitgliedsstaaten die Vorstellungen des Kapitals zu oktroyieren. Das sieht man gegenwärtig in Griechenland. Das erleben aber auch die Studenten in ganz Europa mit dem Bologna-Prozeß. Deshalb kann der Kampf nur international geführt werden.

JUnge Welt, 11.3. 2010

11. März 2010