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Friedenskonferenz

Wir ziehen nicht in euren Krieg

Am Sa., 24. September ab 14 Uhr im Volkshaus Graz.

Wie kann sich in der kapitalistischen Krise ein friedliches Miteinander durchsetzen?

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Über fünf der etwa 7,3 Milliarden Menschen weltweit leben in Ländern mit bewaffneten Konflikten. Die Gewalt hat Vertreibung, Ausbeutung und Verarmung zur Folge. 60 Millionen Menschen sind auf der Flucht – ohne Aussicht auf Verbesserung ihrer verzweifelten Lage. 

Mit der Grazer Friedenskonferenz wird ein Rahmen geschaffen um Informationen auszutauschen, zu diskutieren und durch künstlerische Beiträge aus den Bereichen Musik und Performance zum Nachdenken anzuregen und damit Menschen friedenspolitisch aktiv werden zu lassen.

 

14 Uhr:     Eröffnung mit Irina Karamarković und Fritz Kress

14:30 Uhr:     Einleitung durch die Grazer Bürgermeister-Stellvertreterin Elke Kahr
und Nikolas Papademetriou (Generalssekretär des Weltbunds der demokratischen Jugend)

15 Uhr:     Gerald Oberansmayr (Solidarwerkstatt): Zwei Seiten einer Medaille. Über den Zusammenhang von Krieg und Sozialabbau – und über die Neutralität als Gegenkonzept. 

16:30 Uhr:     Karin Leukefeld (Journalistin, Bonn): Der Nahe Osten im Fadenkreuz.
Über Ursachen, Hintergründe, Perspektiven der politischen Zerrüttung.

18 Uhr:     Andreas Wehr (Publizist, Berlin): Großmacht EUropa. Über Ideologie und Politik eines imperialistischen Projekts – und über Auswege.

 

19:30 Uhr:     Cauliflower Kollektiv (Pamina Helling, Passau & Pia Schmikl, Hamburg):
Gegessen wird daheim. – Buffet und Ausstellungseröffnung.
Essen als Friedensbewegung. Im Krieg lässt sich bloß aufwärmen.

 

Im Anschluss Musikprogramm 

Roma Ensemble (angefragt) +

Fred Guter's Peace Allstars (Covers/ Evergreens, Fred Guter: git, voc /Kurt Bauer: vio)

Friedenslied

 

 

Friede auf unserer Erde!

Friede auf unserem Feld,

daß es auch immer gehöre

dem, der es gut bestellt.

 

Friede in unserem Lande!

Friede in unserer Stadt,

daß sie den gut behause,

der sie gebauet hat.

 

Friede in unserem Hause!

Friede im Haus nebenan!

Friede dem friedlichen Nachbarn,

daß Jedes gedeihen kann.

 

Friede dem Roten Platze

und dem Lincoln-Monument!

Und dem Brandenburger Tore

und der Fahne, die drauf brennt!

 

Friede den Kindern Koreas

und den Kumpels an Neiße und Ruhr!

Friede den New-Yorker Schoffören,

und den Kulis von Singapore!

 

Friede den deutschen Bauern

und den Bauern im großen Banat!

Friede den guten Gelehrten

eurer Stadt Leningrad!

 

Friede der Frau und dem Manne!

Friede dem Greis und dem Kind!

Friede der See und dem Lande!

Daß sie uns günstig sind.

 

 

 

Text: Bertolt Brecht (nach Pablo Neruda)

Musik: Hanns Eisler

 

 

Alle Tage

 

 

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,

sondern fortgesetzt. Das Unerhörte 

ist alltäglich geworden. Der Held

bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache 

ist in die Feuerzonen gerückt.

Die Uniform des Tages ist die Geduld,

die Auszeichnung der armselige Stern

der Hoffnung über dem Herzen.

 

Er wird verliehen,

wenn nichts mehr geschieht, 

wenn das Trommelfeuer verstummt,

wenn der Feind unsichtbar geworden ist

und der Schatten ewiger Rüstung

den Himmel bedeckt.

 

Er wird verliehen

für die Flucht von den Fahnen,

für die Tapferkeit vor dem Freund,

für den Verrat unwürdiger Geheimnisse

und die Nichtachtung

jeglichen Befehls.

 

Ingeborg Bachmann

Europäertum, Krieg, Deutschtum

Robert Musil, 1914

 

 

Der Krieg, in andren Zeiten ein Problem, ist heute Tatsache. Viele der Arbeiter am Geiste haben ihn bekämpft, solange er nicht da war. Viele ihn belächelt. Die meisten bei Nennung seines Namens die Achseln gezuckt, wie zu Gespenstergeschichten. Es galt stillschweigend für unmöglich, daß die durch eine europäische Kultur sich immer enger verbindenden großen Völker heute noch zu einem Krieg gegeneinander sich hinreißen lassen könnten. Das dem widersprechende Spiel des Allianzensystems erschien bloß wie eine diplomatisch sportliche Veranstaltung.

Tagelang, da der phantastische Ausbruch des Hasses wider uns und Neides ohne unsre Schuld Wirklichkeit geworden war, lag es über vielen Geistern noch wie ein Traum. Kaum einer, der sein Weltbild, sein inneres Gleichgewicht, seine Vorstellung von menschlichen Dingen nicht irgendwo entwertet fühlte. Man darf vielleicht gerade diese Erschütterung, die sich jedem so deutlich einprägte, nicht überschätzen; denn fühlt einer sein letztes Stündlein in der Nähe, denkt er anders über seine Pläne und faßt Vorsätze, die auszuführen später keinen Sinn hat, weil man wieder für das Leben lebt und nicht für den Tod. Trotzdem bleibt ungeheuer, wie die plötzlich erwiesene Möglichkeit eines Krieges in unser moralisches Leben von allen Seiten umändernd eingreift, und wenn heute auch nicht der Zeitpunkt ist, über diese Fragen nachzudenken, wollen wir, vielleicht auf lange hinaus letzten Europäer, in ernster Stunde doch auch nicht auf Wahrheiten baun, die für uns keine mehr waren, und haben, bevor wir hinausziehn, unser geistiges Testament in Ordnung zu bringen.

Treue, Mut, Unterordnung, Pflichterfüllung, Schlichtheit, – Tugenden dieses Umkreises sind es, die uns heute stark, weil auf den ersten Anruf bereit machen zu kämpfen. Wir wollen nicht leugnen, daß diese Tugenden einen Begriff von Heldenhaftigkeit umschreiben, der in unsrer Kunst und unsren Wünschen eine geringe Rolle gespielt hat. Teils ohne unsre Schuld, denn wir haben nicht gewußt, wie schön und brüderlich der Krieg ist, teils mit unsrer Absicht, denn es schwebte uns ein Ideal des europäischen Menschen vor, das über Staat und Volk hinausging und sich durch die gegenwärtigen Lebensformen wenig gebunden fühlte, die ihm nicht genügten. Ein kleines äußerliches, aber in seiner Gefühlswirkung nicht unbeträchtliches Zeichen dafür war, daß die wertvollsten Geister jeder Nation meist schon in die Sprache anderer Völker übersetzt wurden, bevor sie in ihrem eigenen eine breite Wirkung erlangten. Geist war die Angelegenheit einer oppositionellen europäischen Minderheit und nicht das von dem Willen der Nachfolgenden getragene und mit Dankbarkeit ermunterte Vorausgehn eines Führers vor seinem eigenen Volke.

Daß die, welche eine neue Ordnung schauten, wenig Liebe für die bestehende hatten, lag in der Linie ihrer Aufgaben und Pflichten. Die wertvollen der seelischen Leistungen aus den letzten dreißig Jahren sind fast alle gegen die herrschende gesellschaftliche Ordnung und die Gefühle gerichtet, auf die sie sich stützt; selten als Anklage, sehr oft aber als gleichgültiges Darüberwegschauen zu den Problemen für vorausgeartete Menschen, als Enthaltung vom Gefühlsurteil und desillusionierende Konstatierung dessen, was ist. Das Wenden, Durchblicken und zu diesem Zweck Durchlöchern überkommener, eingesessener und verläßlicher seelischer Haltungen: es besteht kein Grund zu verschweigen, daß dies eine der Haupterscheinungen unserer Dichtung war. Dichtung ist im Innersten der Kampf um eine höhere menschliche Artung; sie ist zu diesem Zweck Untersuchung des Bestehenden und keine Untersuchung ist etwas wert ohne die Tugend des kühnen Zweifels. Unsere Dichtung war eine Kehrseitendichtung, eine Dichtung der Ausnahmen von der Regel und oft schon der Ausnahmen von den Ausnahmen. In ihren stärksten Vertretern. Und sie war gerade dadurch in ihrer Art von dem gleichen kriegerischen und erobernden Geist belebt, den wir heute in seiner Urart verwundert und beglückt in uns und um uns fühlen.

Als gieriger mit jeder neuen Stunde Todesfinsternis um unser Land aufzog und wir, das Volk im Herzen Europas und mit dem Herzen Europas, erkennen mußten, daß von allen Rändern dieses Weltteils eine Verschwörung herbrach, in der unsre Ausrottung beschlossen worden war, wurde ein neues Gefühl geboren: – die Grundlagen, die gemeinsamen, über denen wir uns schieden, die wir sonst im Leben nicht eigens empfanden, waren bedroht, die Welt klaffte in Deutsch und Widerdeutsch, und eine betäubende Zugehörigkeit riß uns das Herz aus den Händen, die es vielleicht noch für einen Augenblick des Nachdenkens festhalten wollten. Gewiß, wir wollen nicht vergessen, daß stets auch die andern das gleiche erleben; wahrscheinlich sind die, welche drüben unsre Freunde waren, genau so in ihr Volk hineingerissen, vielleicht vermögen sie sogar das Unrecht ihres Volkes zu durchschaun und es zieht sie doch mit. Unsre Skepsis verlangt diese Vorstellungen. Wir wissen nicht, was es ist, das uns in diesen Augenblicken von ihnen trennt und das wir trotzdem lieben; und doch fühlen wir gerade darin, wie wir von einer unnennbaren Demut geballt und eingeschmolzen werden, in der der einzelne plötzlich wieder nichts ist außerhalb seiner elementaren Leistung, den Stamm zu schützen. Dieses Gefühl muß immer dagewesen sein und wurde bloß wach; jeder Versuch, es zu begründen, wäre matt und würde aussehn, als müßte man sich überreden, während es sich doch um ein Glück handelt, über allem Ernst um eine ungeheure Sicherheit und Freude. Der Tod hat keine Schrecken mehr, die Lebensziele keine Lockung. Die, welche sterben müssen oder ihren Besitz opfern, haben das Leben und sind reich: das ist heute keine Übertreibung, sondern ein Erlebnis, unüberblickbar aber so fest zu fühlen wie ein Ding, eine Urmacht, von der höchstens Liebe ein kleines Splitterchen war.

 

 

7. September 2016