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Ein "Gerechter der Völker" - Franz Leitner

Gedenkartikel in der Grazer Zeitschrift Korso

Franz Leitner – Ein „Gerechter der Völker“ ist tot

„Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt.“ Dieses alte hebräische Sprichwort findet sich auf jener Medaille eingraviert, mit dem der Staat Israel die „Gerechten der Völker“ ehrt und die der Steirer Franz Leitner 1999 erhalten hat.

Franz Leitner – einer von 84 ÖsterreicherInnen, die seit 1963 die höchste Auszeichnung erhalten haben, die Israel an Ausländer zu vergeben hat – hat unter Einsatz seines Lebens im KZ Buchenwald Hunderten Kindern das Leben gerettet. Am 20. Oktober 2005 ist er im 88. Lebensjahr verstorben.

Der am 12. Februar 1918 in Wiener Neustadt Geborene war bereits in seiner frühen Jugend im Kommunistischen Jugendverband in seiner Heimatstadt aktiv, weshalb er 1936 politisch verfolgt und bis 1937 im Anhaltelager Wöllersdorf interniert wurde. Am Tag des Kriegsbeginns, am 1. September 1939, wurde er gemeinsam mit anderen wegen Verdachts kommunistischer Widerstandstätigkeit verhaftet und ins KZ Buchenwald verbracht, wo er die Häftlingsnummer 4046 erhielt. Bis zur Befreiung sollten 239.000 Menschen durch das Tor des KZ Buchwalds schreiten, von denen mehr als 56.000 getötet wurden.

Der Kinderblock in Baracke acht
Im KZ Buchenwald, der „Hölle am Ettersberg bei Weimar“, gab es aber auch Solidarität: politische Häftlinge aller Nationen schufen eine internationale Widerstandsorganisation. Mitglieder dieser Widerstandsorganisation übernahmen führende Aufgaben in den einzelnen Blöcken des Lagers und schufen so Möglichkeiten, die Lebensbedingungen erträglich zu gestalten.

Um etwa Kinder bis 14 Jahren vor schwerer Arbeit zu bewahren, gelang es den Lagerältesten und Mitgliedern der Widerstandsgruppe dem SS-Lagerkommandanten glaubhaft zu machen, dass es besser sei, die Kinder nicht beim Ausrücken zur Arbeit mitzunehmen, wo sie nur im Wege stünden. Besser wäre es, sie in einem eigenen Block zusammenzufassen. Für den so geschaffenen „Kinderblock“ in Baracke 8 wurde im Oktober 1943 Franz Leitner zum Blockältesten bestimmt. Rund 300 vorwiegend russische, ukrainische und polnische Kinder und Jugendliche waren kurz zuvor ins KZ Buchenwald eingeliefert und dem Block 8 zugeteilt worden. Ihnen mangelte es nicht nur an allen lebenswichtigen Dingen, sondern sie waren auch durch ihre Unkenntnis der Lagerverhältnisse dem Terror der Lager-SS ausgesetzt. Franz Leitner gelang es mit Hilfe anderer die Jugendlichen in sogenannte „leichtere“ Arbeitskommandos einzuteilen, sie vor willkürlichen Strafen der SS zu schützen und sie mit zusätzlichen Lebensmitteln zu versorgen. Als ab Juni 1944 verstärkt junge jüdische Häftlinge, darunter viele Kinder, mit Transporten aus dem Osten ins Lager kamen, gelang es Franz Leitner und den Kameraden aus der Schreibstube einen großen Teil dieser Kinder in den Block 8 zu überführen, wo sie keinen Davidstern auf ihrer Kleidung tragen mussten, was zur Folge hatte, dass sie bei der Zusammenstellung der Evakuierungstransporte kurz vor der Befreiung nicht als Juden gekennzeichnet waren und so überleben konnten.

Gerettet: Der spätere Oberrabbiner Israels
Als am 5. April 1945 die SS-Lagerführung den Befehl erteilte, dass 46 Häftlinge – darunter Eugen Kogon und Franz Leitner –, die man als führende Mitglieder der illegalen Widerstandsgruppe vermutete, beim Lagertor antreten müssen, tauchten diese in der Seuchenbaracke unter. Am 11. April 1945 begannen die SS-Mannschaften das Lager zu verlassen und gemeinsam mit vielen anderen war Franz Leitner mit dabei, als die Häftlinge das Lager selbst befreiten und über 200 SS Männer verhafteten, die sie den US-Truppen übergaben.

Im Block 8 befanden sich zu diesem Zeitpunkt über 370 Jugendliche und Kinder, wobei einer der jüngsten der siebenjährige Naftali Lau war, der heute als Meir Lau Oberrabbiner des Staates Israel ist.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Buchenwald wurde Franz Leitner in Wiener Neustadt Vizebürgermeister und später Stadtrat. Im Jahr 1953 übersiedelte er in die Steiermark, wo er unter anderem Landesobmann der KPÖ wurde und von 1961 bis 1970 als Abgeordneter zum Steiermärkischen Landtag tätig war. Nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik hat Franz Leitner im Rahmen des KZ-Verbandes und als Zeitzeuge in Schulen sein Wissen an die junge Menschen weitergegeben nach dem Motto: „Unsere schwere Vergangenheit darf niemals die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder werden.“

Nachdem ihn Israel 1999 als „Gerechten der Völker“ ausgezeichnet hatte, wurde er auch vom offiziellen Österreich geehrt. So überreichte ihm Landeshauptmann Waltraud Klasnic 2001 den Menschenrechtspreis des Landes Steiermark und im heurigen Gedenkjahr 2005 erhielt er das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Zwei filmische Dokumentationen – „Anständig sterben“ von Richard Kriesche und Walter Müller (2001) und „Der Widerstandskämpfer Franz Leitner“ von der ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus (2003) – erzählen vom Leben und Kämpfen des Franz Leitner.

(Korso, 11-05, hgh)

11. November 2005