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Die tägliche Realität in Palästina

Delegation aus Graz war in Zababdeh

Holy Land Olive Oil
Geschrieben von Veronika Rochhart

Im August waren sechs Personen aus Graz im Westjordanland und in Israel unterwegs. Ein wichtiges Ziel der Reise war, die Möglichkeiten für eine Kooperation zwischen Graz und Zababdeh im nördlichen Westjordanland auszuloten. Wie aus dem Bericht hervorgeht, wünschen sich die palästinensischen LehrerInnen einen Austausch mit österreichischen Schulen- auf SchülerInnen- und LehrerInnenebene.

In den ausgedehnten Olivenhainen, die Zababdeh umgeben, wird im Herbst eine reichliche Ernte eingefahren. Über 2000 Gallonen des kostbaren Extra Vergine werden jährlich gepresst. Die zwei Ölmühlen des Dorfes unterliegen laufender Qualitätskontrolle. Zababdeh verfügt über eine eigene Abfüllanlage für Olivenöl, die von einem kirchlichen Komitee betrieben wird und allen ProduzentInnen offen steht. Sie wurde von italienischen Projektpartnern gestiftet, die zwei Jahre lang Zababdehs Olivenöl der Marke Holy Land Olive Oil abgenommen und über italienische Pfarren vermarktet hatten. Zababdehs Olivenöl entspricht allen Anforderungen, die der europäische Markt verlangt. Qualität und Säuregehalt werden regelmäßig im Labor überprüft. Die Abfüllanlage, die mit einfachen aber modernen Maschinen ausgestattet ist, ging jedoch nie in Betrieb, da die italienischen Partner das Projekt nicht fortsetzten konnten. Zababdeh hat heute für sein Olivenöl keinen ausländischen Absatzmarkt mehr. Der innerpalästinensische Markt ist gesättigt. Durch Unterstützung bei Export und Vertrieb des Holy Land Olive Oil in der Steiermark (eventuell über heimische Pfarren) könnte der wirtschaftlichen Lage der Bauern und Bäuerinnen wesentlichen Auftrieb gegeben werden.
Zababdeh gibt sein Öl um 5,50 Euro ab (exkl. Transportkosten). In Europa ist die Einfuhr von palästinensischem Olivenöl aufgrund eines Abkommens zwischen EU und Palästinensischer Autonomiebehörde steuerfrei. Das Öl kann in Flaschen beliebiger Größe abgefüllt werden.

Die Latin Partriarch School – Katholische Privatschule

Die einzige Privatschule des Dorfes ist in einem modern ausgestatteten Gebäude untergebracht. Die Kinder werden in geräumigen freundlichen Klassenzimmern unterrichtet. Nach dem schuleignenen Kindergarten kann hier die gesamte Schulausbildung von der 1. bis zur 12. Klasse absolviert werden. Der Schulinspektor kommt ein bis zweimal pro Monat. Der Unterricht findet wie überall in Palästina von Montag bis Donnerstag und am Samstag statt. Freitag und Sonntag sind als muslimisches bzw. christliches Wochenende frei. Dem 45-köpfigen Lehrkörper stehen dazu eine große Auswahl an Lehrmaterialien und Ausstattung vom Computersaal bis zum Sprachlabor für den Englisch- und Französischunterricht zur Verfügung. Englisch wird hier schon im Kindergarten gelehrt. Für das Mittagessen wird in der Kantine gesorgt. SchülerInnen von außerhalb werden mit Schulbussen zur Privatschule gebracht. Doch nur wenige Familien in Zababdeh können sich die Schulgebühren von jährlich 350 $ leisten. Palästinensische Vertriebene aus den Jahren 1948 und 1967 zahlen die ermäßigte Schulgebühr von 100 $. In der wegen der Besatzung anhaltenden verheerenden wirtschaftlichen Lage, die auch kleinere Ortschaften wie Zababdeh mit voller Härte trifft, können die meisten Kinder nur davon träumen, hier unterrichtet zu werden.

Auch die katholische Privatschule hatte unter den Folgen des europäischen Boykotts gegen Palästina zu leiden. Viele Eltern, die in öffentlichen Institutionen beschäftigt sind, waren außer Stande die Schulgebühren zu bezahlen, da ihnen die Autonomiebehörde über Monate kein Gehalt ausbezahlen konnte. Die deutsche Erich-Kästner-Schule hat nach den Wahlen ihre Schulpartnerschaft gekündigt.

Andererseits werden die ausgedehnten Renovierungsarbeiten, die momentan in der Privatschule laufen, aus Geldern des UN Development Programs finanziert, die eigentlich für die öffentlichen palästinensischen Schulen vorgesehen waren. Sie wurden jedoch kurzerhand in die Privatschulen umgeleitet, da sich auch die UN-Institutionen entschlossen hatten, öffentliche palästinensische Einrichtungen nach dem Wahlsieg der Hamas zum Legislativrat der Autonomiebehörde nicht weiter zu unterstützen, berichtet Iyad, der Direktor der Privatschule. Der Boykott der internationalen Gemeinschaft ging tatsächlich so weit, die Augen vor dem desolaten Zustand der öffentlichen Bildungseinrichtungen zu verschließen. Damit wurde besonders jene Mehrheit der palästinensischen Kinder getroffen, die sich aufgrund der finanziellen Lage ihrer Eltern den Besuch der Privatschulen nicht leisten können.

Iyad, der Direktor der Latin Partriarch School Zababdeh, berichtet, dass sich die Probleme im Unterricht auf kleinere Streitereien zwischen den SchülerInnen beschränken, die von den LeherInnen ohne weiteres geschlichtet werden können. Im schwierigeren Fällen wird das Gespräch mit den Eltern gesucht. Gewalt im Unterricht ist verpönt. Mit Verwunderung wird – wie überall in Zababdeh - unsere Frage nach interreligiösen Spannungen aufgenommen. Der gemeinsame Unterricht von muslimischen und christlichen Kindern in seiner Schule ist eine Selbstverständlichkeit. In den Klassenräumen sind sowohl christliche als auch muslimische religiöse Symbole zu finden. Was den Unterricht aber tatsächlich belastet, sind die finanziellen Schwierigkeiten der Familien, die Schulgebühr bestreiten zu können.

Die öffentlichen Schulen Zababdehs

Während an den Privatschulen 3000 Schekel (ca. 530 Euro) an jährlicher Schulgebühr anfallen und alle Schulbücher von den Eltern zu bezahlen sind, beträgt die Einschreibgebühr an öffentlichen Schulen 40 Schekel. Die Bücher werden von der Autonomiebehörde gratis zur Verfügung gestellt. Doch selbst 7 Euro Schulgebühr überfordern viele Familien finanziell. In Zababdeh gibt es neben dem katholischen Privatinstitut auch zwei öffentliche Schulen, die Mädchenschule, an der in der Unterstufe gemischtgeschlechtlich unterrichtet wird, und die Jungenschule. Beide führen bis zur Universitätsreife. Viele SchülerInnen aus Zababdeh streben den Besuch einer der 7 Universitäten Palästinas an.

Doch die Situation an den öffentlichen Schulen ist desolat. Nur wenn internationale Fördergelder lukriert werden können, ist mehr als die bloße Aufrechterhaltung des Unterrichtsbetriebes möglich. Das wird besonders deutlich, als wir die Jungenschule besuchen.

Während die Mädchenschule aus deutschen Entwicklungshilfegeldern den Bau zumindest eines neuen Gebäudes finanzieren konnte, das jetzt die Bibliothek beherbergt, gestaltet sich die Situation in der Jungenschule wesentlich dramatischer.

Die Jungenschule

Seit Beginn der israelischen Besatzung wurde das Schulgebäude weder erweitert noch erneuert. Alles befindet sich noch im Zustand von 1967. Nur die Toiletteanlagen wurden aus den Geldern des EU-Programms ECHO und einer Oxfam-Spende renoviert. Hier werden 300 Schüler von 22 Lehrern unterrichtet. Die Jungenschule befindet sich weit außerhalb der Ortschaft. Auf dem Weg dahin werden die Schüler immer wieder von vorbeifahrenden Patrouillen der israelischen Armee belästigt. Eltern fürchten besonders um die Sicherheit der jüngeren Kinder auf der gefährlichen Straße. Die Klassenräume bieten ein tristes Bild. Vor bröckelnden Wänden stehen auf rohem Betonfußoden dicht gedrängt uralte Schulbänke und Sessel. Auf weniger als 20 Quadratmetern werden hier bis zu 40 Schüler in einer Klasse unterrichtet. Alte Wandtafeln sind der einzige Unterrichtsbehelf. Wenn im Winter die Kälte Einzug hält, schreibt die Kreide wegen der Feuchtigkeit nicht mehr, die die Wände ausschwitzen, berichtet uns der Mathematiklehrer Tarik. Dann kann nur mehr aus dem Buch frei vorgetragen werden. Moderne Lehrmittel fehlen völlig. Für 300 Schüler stehen nur 8 Computer zur Verfügung, die keinen Internetanschluss haben. Sich unter diesen Bedingungen auf die Universität vorzubereiten ist hart. Dennoch zeigen die Schüler unglaublichen Eifer, wollen lernen und an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten, erfahren wir von den Lehrern. Die Schule hat bei der Palästina-weit standardisierten Maturaprüfung überdurchschnittlich gut abgeschnitten, berichten sie stolz.

Die Lehrer erledigen hier dennoch keinen leichten Job. Auch sie waren unmittelbare Opfer des Boykotts der internationalen Gemeinschaft nach den Wahlen zum Legislativrat der Autonomiebehörde. Über 16 Monate bekamen sie keine Gehälter ausgezahlt. Nur ab und an kamen ihnen Zahlungen der EU zu. Doch mit 1000 Schekel (ca. 170 EURO) kommt niemand weit, wenn sich Monat für Monat die Schulden türmen. Eltern hatten manchmal nicht mal das Geld für die Schulhefte.

Besonders belastend ist es, wenn Schüler der Jungenschule von der israelischen Armee verhaftet werden. Auf dem Tisch im Büro der Direktors steht ein Miniaturmodell des Felsendomes, das von einem der Schüler im Gefängnis hergestellt wurde. Von neuen pädagogischen Methoden kann der Lehrkörper momentan nur träumen. Zu allererst müsste das drängende Platzproblem gelöst werden, erklärt auch der Direktor. Am besten wäre es, für die Jungen der Unterstufe eine neue Schule im Ortsgebiet zu bauen. Räume für die Bibliothek und das Lager fehlen völlig. Momentan stapeln sich Bücher und Büromaterialien in einer Abstellkammer, die durch die Teilung eines ohnehin schon winzigen Klassenraums gewonnen wurde. Ein Turnsaal wäre auch ein gewaltiger Fortschritt. Momentan steht nur ein trauriger staubiger Basketball- und Fußballplatz im Freien zur Verfügung, der im Winter wegen der Regenfälle und in den heißen Monaten wegen der Hitze nur eingeschränkt im Unterricht genutzt werden kann.

Einstweilen wären die Lehrer jedoch schon froh, eine Finanzierung für die Überdachung der Dachterrasse bekommen zu können, damit so zumindest ein weiteres Klassenzimmer geschaffen werden könnte.

Die Mädchenschule

Auch in der Mädchenschule ist das Raumproblem durch den neuen Zubau keineswegs gelöst. In den meisten Klassen werden nach wie vor bis zu 45 Kinder auf 16 Quadratmetern unterrichtet. Durch die Risse im Boden kommen schon mal Schlangen und Skorpione ins Klassenzimmer. Die Räume sind dunkel und die feuchten Wände verheißen nichts Gutes für die Gesundheit der Kinder, die hier täglich mehrere Stunden verbringen müssen.

Dennoch spürt man im Gespräch mit den jungen Lehrerinnen das ungebrochene Engagement für die SchülerInnen, ebenso wie unter den Lehrern der Jungenschule. Allein die Tatsache, dass sie ein ganzes Schuljahr ohne Gehalt durchgehalten haben, spricht Bände.
Von einer Kooperation mit den LehrerInnen und Schulen der Stadt Graz und des Landes Steiermark erhoffen sie sich in erster Linie Möglichkeiten des Austausches: auf Lehrerebene etwa im Bereich der Lehrerfortbildung, auf SchülerInnenebene durch Brieffreundschaften und Schüleraustausch. Doch der Besuch beider Schulen zeigt deutlich, dass auch was den Ausbau und die Verbesserung der Schulinfrastruktur und der Lehrmittel betrifft, Unterstützung dringend nötig ist.

Mehrere LeherInnen betonen, wie wichtig es für ihre SchülerInnen wäre, Brücken zu Menschen außerhalb Palästinas bauen zu können. Die Kinder erleben es ebenso wie die Erwachsenen als äußerst bedrückend, nicht reisen zu können. Während sich allein schon die Fahrt ins nur 11 km entfernte Jenin aufgrund der Abriegelung der Straßen und immer neuer Restriktionen regelmäßig als unangenehmes Abenteuer gestaltet, sind Auslandsreisen für die meisten hier ein ferner Traum. Dennoch oder gerade deshalb sind die Jugendlichen offen, neugierig und hungrig nach der Möglichkeit Neues kennenlernen zu können und sich mit Menschen in anderen Situationen austauschen zu können.

Als erster Schritt im Rahmen der Zusammenarbeit mit den öffentlichen Schulen auf LehrerInnenebene könnten im Englisch- bzw. Französischunterricht Brief- bzw. Internetfreundschaften initiiert und begleitet werden. Für die Zukunft sollte auch ein LehrerInnen- und SchülerInnenaustausch in Betracht gezogen werden.

Die israelische Armee in Zababdeh

Zababdeh hat immer wieder unter den überfallsartigen Operationen der israelischen Besatzungsarmee zu leiden. Die Hälfte der Haushalte verfügt momentan nur über eine äußerst prekäre Stromversorgung, da im April dieses Jahres eine israelische Kugel eine der wichtigsten Umspannstationen, die mitten im Ort an der Hauptstraße liegt, außer Betrieb gesetzt hat. Die Reparaturkosten belaufen sich auf 20.000 $, die aus dem Gemeindebudget unmöglich bestritten werden können. An Schadenersatz von der Besatzungsarmee ist gar nicht zu denken.

Obwohl Zababdeh als für palästinensische Verhältnisse äußerst ruhiger Ort gilt, kommt es immer wieder zu Übergriffen der Besatzungsarmee. Während des Aufenthaltes der Grazer Delegation wurde am 8. August ein Viertel Zababdehs um Mitternacht von der Armee hermetisch abgeriegelt. Alle BewohnerInnen dieses Ortsteiles wurden aus ihren Betten aufgeschreckt und mussten bis 2 Uhr früh im Pyjama auf der Straße ausharren, ganz egal ob Kind, ob Frau oder alter Mensch. Stundenlang wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt. Dann war der Spuk vorbei. Viele BewohnerInnen der anderen Stadtteile hatten von der ganzen Aktion so wie wir nichts mitbekommen. Derartige Überfälle erregen nach 40 Jahren Besatzung auch kaum Aufsehen. Die Menschen wissen, dass jederzeit alles passieren kann.

Armeepatrouillen brausen besonders in den Morgenstunden durch den Ort. Doch die Situation hat sich wesentlich verbessert, schildern uns Haifa, die Krankenschwester des Medical Relief, die mit der Partei Mustafa Barghoutis zu den letzten Wahlen angetreten ist und ihr Mann. Bis vor wenigen Jahren war nämlich 300 m außerhalb des Dorfes eine riesige israelische Militärbasis untergebracht, von der aus immer wieder Schüsse auf den Ort abgegeben wurden. Im Haus von Haifas Bruder schlug aus heiterem Himmel eine Kugel im Wohnzimmer ein und verfehlte ihn nur um Haaresbreite. Auch die Jungenschule lag im direkten Schussfeld der Soldaten. Für ganz Zababdeh war es deshalb eine große Erleichterung, als die Basis endlich abgezogen wurde, auch wenn das riesige Gebiet, auf dem die israelische Armee vor dem Abzug alle Gebäude zerstörte und die Trümmer zurückließ, einen keineswegs einladenden Eindruck hinterlässt.

Allein in Zababdeh leben mehr als 100 Personen, die durch die israelische Armee verletzt wurden. Vier Menschen starben in der 2. Intifada. Momentan befinden sich zwischen zehn und 12 Gemeindebürger in israelischen Gefängnissen.

Zababdeh Charitable Society

Der 1976 gegründete Verein repräsentiert mit seinen 174 Mitgliedern ein breites Spektrum an aktiven Gemeindemitgliedern. Eine Vorgängerorganisation bestand schon im 19. Jahrhundert und wurde damals von einem Komitee unter Leitung des mukhtar geführt.
Die heutige Charitable Society Zababdeh ist zum einen mit karitativen Clubs vergleichbar, wie sie auch in Europa bestehen, andererseits war sie in der Situation anhaltender Besatzung seit jeher ein wichtiges Substitut für eine palästinensische Kommunalverwaltung. Bekanntermaßen gestattete es die Besatzungsmacht den PalästinenserInnen erst nach Unterzeichnung der Osloer Verträge im Jahre 1994 eine eigene Kommunalverwaltung aufzustellen, die aber nur einen Teil der Dörfer und Städte verwaltet.
Aufgrund fehlender offizieller Gemeindestrukturen verlagerten aktive BürgerInnen ihre Aktivitäten in Vereine. Die Charitable Society Zababdeh hatte mit Naim Khader über lange Zeit einen prominenten Unterstützer. Der Vertreter der PLO in Belgien stammte aus Zababdeh. Er wurde 1981 in Belgien vom israelischen Geheimdienst ermordet. Nach ihm ist heute das Zentrum von PARC, der größten palästinensischen NGO für ländliche Entwicklung benannt.
Die Tätigkeitsfelder der Charitable Society Zababdeh sind breit gefächert. Sie vergibt Stipendien an mittellose SchülerInnen und StudentInnen, führt einen Kindergarten und die Bibliothek des Ortes, die von schwedischen und Schweizer Organisationen gestiftet wurde, organisiert Fortbildungskurse für Frauen und Nachhilfeunterricht. In Zukunft denken die Mitglieder daran, den Aufbau eines Zentrums für Behinderte in Angriff zu nehmen.

Beim Treffen in der geräumigen freundlichen Bibliothek nahmen unter anderem folgende Personen teil: Hisham Khader, Ökonom,Gemeinderat und Mitglied der Charitable Society Zababdeh, Tarek Ibrahim, Mathematikprofessor an der Jungenschule, Malik Awad, der eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat, Itaf, Arabischprofessorin an der Katholischen Privatischule, Mohammed Sharkawi, ein Landwirt, der Oliven und Getreide produziert, Muheddin Othman, der an der UNWRA-Schule beschäftigt ist, Osama und Majdi Daibes, beide Mitarbeiter von World Vision, Iyad, der Direktor der Privatschule, Rami Daibes, PR-Verantwortlicher der Gemeinde Zababdeh und Journalist und der Student Jalal, der die Webseite der Gemeinde betreut.

Gesundeitsversorgung in Zababdeh

In Zababdeh besteht neben einer von der im Ort ansässigen anglikanischen Pfarre betriebenen Ambulanz lediglich eine kleine öffentliche Gesundheitsstation. Dort werden besonders jene PatientInnen verpflegt, die sich keine bessere Versorgung leisten können. Nur zwei Mal pro Woche ist ein Arzt anwesend. Von der Autonomiebehörde werden nur die Personalkosten gedeckt. Die Erhaltungskosten für das Gebäude, in dem die Gesundheitsstation untergebracht ist, trägt die Gemeinde. Sie müsste auch für die Ausstattung mit medizinischen Geräten aufkommen, doch auch hier fehlt es an finanziellen Mitteln. Dringend notwendig wäre die Anschaffung von Laborausrüstung. Momentan müssen die PatientInnen auf Untersuchungsergebnisse aus anderen Labors warten, wodurch wertvolle Zeit verloren geht.

Viel besser wäre es, wenn in der Gesundheitsstation selbst ein Labor eingerichtet werden könnte, das selbst Proben untersucht und den behandelnden ÄrztInnen die Untersuchungsergebnisse unmittelbar mitteilen kann. Dazu wird Laborausrüstung benötigt. Auch ein Ultraschallgerät wäre dringend notwendig, um zu vermeiden, dass PatientInnen und besonders Schwangere für jede Untersuchung die oft beschwerliche und unsichere Reise nach Jenin auf sich nehmen müssen.

Das religiöse Mosaik Zababdehs – Interreligiöser Dialog

„Wir sind stolz auf die vielen verschiedenen Religionsgemeinschaften in Palästina. Wir leben gemeinsam und respektieren uns gegenseitig in unseren Unterschieden,“ so beschreibt der Gemeinderat Majdi Daibes, der sich besonders für den Aufbau der Partnerschaft Graz Zababdeh engagiert, den Zugang der PalästinenserInnen zum Thema Religion.
In Zababdeh leben ChristInnen und MuslimInnen. Der Ort ist das größte christliche Zentrum im nördlichen Westjordanland, wo die christliche Gemeinde etwa 5000 Mitglieder zählt. Kleinere Gemeinden gibt es auch in Nablus, Jenin, Tulkarem und Tubas.
In Zababdeh gibt es neben den drei christlichen Pfarren auch mehrere Moscheen. Der interchristliche Dialog ist in Form von monatlichen Treffen der drei Pfarrer organisiert. Soziale Einrichtungen, die von einer der Religionsgemeinschaften betrieben werden, stehen allen BürgerInnen zur Verfügung. Bei den religiösen Festen werden die Würdenträger aller anderen Konfessionen eingeladen.
Der Vertreter der anglikanischen Kirche beschreibt die allgemeine Grundhaltung mit den Worten: „Wir zeigen gegenüber allen Menschen Anerkennung. Wir sind alle denselben Bedingungen unterworfen. Wir alle leiden unter der Besatzung. Unter diesen
schwierigen Bedingungen rücken die Menschen eng zusammen.“

Abschlusstreffen in der Gemeinde Freitag, 10. August 2007

Der Gemeinderat Zababdeh zählt 9 Mitglieder. Im Mai 2005 fanden die ersten Kommunalwahlen statt. Die Kompetenzen der Kommunalverwaltung umfassen die Bereiche Strom- und Wasserversorgung, Müllabfuhr, Erhalt der öffentlichen Schulgebäude, Ausstellung von Baugenehmigungen und Straßenbau. Es sei daran erinnert, dass dies nur für jene palästinensischen Gemeinden gilt, die in den Osloer Verträgen als A und B-Gebiete ausgewiesen wurden.
Für die Gemeinde Zababdeh arbeiten 17 Angestellte. Die Palästinensische Autonomiebehörde stellt dem Ort lediglich ein jährliches Budget von 10.000$ zur Verfügung. Dies reicht gerade einmal für die Gehälter der Angestellten und kleinere Projekte. Für alle größeren Vorhaben ist die Kommune auf internationale Unterstützung angewiesen. Dazu zählen etwa die Errichtung einer neuen Volkschule im Ortszentrum und der Ausbau der Mädchenschule.

Die Gemeinde Zababdeh steht vor ernst zu nehmenden finanziellen Problemen. Da viele BürgerInnen nur über ein geringes oder gar kein Einkommen verfügen, decken die Einkünfte aus den Kommunalabgaben nie und nimmer die Ausgaben. Nur 30-40% der Haushalte können regelmäßig die Kommunalabgaben leisten. Vielen Familien muss gratis Wasser und Strom geliefert werden, da sie sonst ohne Grundversorgung dastehen würden. Die Kosten, die die israelischen Gesellschaften dafür verrechnen, fallen bei der Kommune an. Seitdem die israelische Regierung auch noch die palästinensischen Steuereinnahmen rechtswidrig einbehält und die EU die palästinensischen Institutionen boykottiert, hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Die Gemeinde hat heute 3 Millionen Shekel Schulden. Monatlich müssen an die israelischen Versorgungsbetriebe etwa 250.000 Shekel an Strom- & Wassergebühren entrichtet werden. Die Gemeinde kann aber nur 80.000 begleichen. Allein für den Zinsendienst müssen 15.000 Shekel aufgebracht werden. Die derzeitige Zinsschuld ist bereits höher als die monatlichen Einnahmen der Gemeinde.

Müllentsorgung
Die Entsorgung des Hausmülls verursacht der Gemeinde hohe Kosten. Die von der Weltbank errichtete Mülldeponie verlangt 15$ pro Tonne Hausabfall. Das Müllauto fährt täglich, schafft es aber dennoch nicht, den gesamten Abfall zu entsorgen.

Perspektive:
Interessant wäre es daher, gemeinsam Modelle der Müllvermeidung und des Recycling zu entwickeln, um die zu deponierende Menge zu reduzieren. An Mülltrennung im großen Stil ist momentan nicht zu denken, da es bislang in Palästina keine Abnehmer für getrennten Abfall gibt. Interessant wären daher vor allem Ideen, wie auf Gemeindeebene wertvolle Rohstoffe aus dem Müll ausgesondert und wiederverwertet werden könnten.

Jugend
Für Zababdeh’s Jugend soll ein guter Sportklub aufbaut werden. Ein Austausch auf der sportlichen Ebene, etwa im Rahmen eines Sommersportcamps im Ort, in dessen Rahmen verschiedene Kurse angeboten werden könnten, wäre für die junge Generation in Zababdeh ein positiver Anstoß.

Strom
Zababdeh ist von den Stromlieferungen der israelischen Elektrizitätsgesellschaft abhängig und damit auch von den Strompreisen, die sie als Monopolist vorgibt. Die Gemeinde strebt mehr Unabhängigkeit an und denkt vor allem an die Nutzung der Sonnenenergie. Abgesehen von Finanzierungsfragen, die evtl. über die Nutzung von EU-Förderungen zur Förderung der Solarenergie gelöst werden könnten, ist auch Know-How aus dem Bereich Solarenergie gefragt.

Wasser
Das Wasser muss ebenso wie der Strom bei der israelischen Versorgungsgesellschaft angekauft werden. Die palästinensische Versorgungsgesellschaft fungiert nur als Zwischenstation. Geliefert wird jedoch weniger Wasser, als die Gemeinde eigentlich benötigt. Wie gravierend der Wassermangel tatsächlich ist, lässt sich eindrucksvoll an folgenden Zahlen ablesen: Die WHO legt das Wasserexistenzminimum mit 100 cm3 fest. Real werden an Zababdeh aber nur 30 cm3 geliefert.
Deshalb müssen die Familien immer wieder Wasser zukaufen, das mittels Tankwagen geliefert wird. Die Kosten sind für viele unerschwinglich. Drei Kubikmeter Wasser kosten 50 Shekel. (ca. 9 Euro). Außerdem ist die geringe Menge an Wasser, die in den Netz Zababdehs zirkuliert, für Leitungen problematisch. Sie riskieren einzugehen, wenn nicht ständig Wasser fließt.

Perspektive:
Im Rahmen der Projektpartnerschaft Graz – Zababdeh könnten evtl. EU-Förderungen genutzt werden, die es europäischen Regionen und Kommunen ermöglichen, Projekte der Entwicklungszusammenarbeit im Nahen Osten zu unterstützen. Alternativ dazu wäre eine Zusammenarbeit mit der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit EZA anzudenken.

Abwasser
Zababdeh verfügt bislang über kein Abwassersystem. Jeder Haushalt entsorgt sein Schmutzwasser in eine Klärgrube, deren Inhalt in größeren Abständen auf die Felder aufgebracht wird. Die Gemeinde wünscht sich besonders aus ökologischen Überlegungen eine Lösung für das Abwasserproblem.

Institutionen außerhalb Zababdeh’s mit denen eine Zusammenarbeit angestrebt wird:

JENIN – MEDICAL CENTRE – Local Committee For Rehabilitation of The Disabled, Jenin

Das Zentrum ist mitten im Flüchtlingslager von Jenin angesiedelt, das im Jahr 2002 Schauplatz jenes furchtbaren Massakers war, in dem 163 PalästinenserInnen von der israelischen Armee getötet wurden. Der Leiter des sozialmedizinischen Zentrums erinnert sich an die vielen älteren Menschen unter den Toten, an die Kinder, die Behinderten...

Im Flüchtlingslager tragen viele ihr Leben lang die Spuren der Besatzung am Körper. Wie Mustafa, ein junger Mann, der sich mit seinem Rollstuhl in den ersten Stock des Zentrums gequält hat, wo wir in der freundlichen Bibliothek zu einem Gespräch empfangen werden. Eine israelische Kugel hat seinen Rücken durchschlagen. Hätte es sich um normale Munition gehandelt, so wäre vielleicht alles gut gegangen, doch Mustafa wurde von einem Dumdum-Geschoss getroffen. Diese Munition ist darauf ausgerichtet, im menschlichen Körper den größtmöglichen Schaden anzurichten. Sie explodiert nach dem Aufprall im Körper ein weiteres Mal und zerfetzt innere Organe und Gewebe. Deshalb sind Dumdum-Geschoße international geächtet. Mustafa hat davon allerdings wenig. Doch er ist fest entschlossen, trotz seiner Verletzung ein so normales Leben wie möglich führen zu wollen. Er hat vor wenigen Monaten geheiratet, sagt er und strahlt.
Das Zentrum hat sich zum Ziel gesetzt, den vielen durch die Besatzungsarmee Verletzten und Invaliden den Weg in ein möglichst normales Leben zu öffnen. Im Erdgeschoß ist eine medizinische Werkstätte für künstliche Gliedmaßen und orthopädische Schuhe eingerichtet. „Wir wollen kein Geld“, sagt uns der Leiter, aber schickt uns Rohstoffe, damit wir Arm- und Beinprothesen herstellen können. Wir bringen sie aus Jordanien, haben aber nie genug davon; und Rollstühle werden auch ganz dringend gebraucht.“
Im ersten Stock des Zentrums liegen die Therapieräume und die Bibliothek. Sprach- und Maltherapie werden sowohl hier für die BewohnerInnen des Lagers angeboten, als auch in drei Zweigstellen in Dörfern des Bezirkes Jenin.

Neben der Versorgung der Invaliden arbeitet das Zentrum auch in der Erwachsenenbildung. Kurse und Informationsmaterial zum Thema Frauengesundheit, Krankheitsprävention, Kinderpflege und Programme zur Bekämpfung der Gewalt in der Familie werden über die enge Zusammenarbeit mit dem Medical Relief Centre, das mobile Gesundheitskliniken betreibt, nicht nur in Jenin, sondern auch in vielen Dörfern im Umland angeboten.

Besonders stolz ist das Zentrum auf seine eben abgeschlossene medizinische Studie über die Ursachen zerebraler Kinderlähmung. Allein im Flüchtlingslager leben 37 davon betroffene Kinder, im Umland Jenins 137. Es ist die erste in Palästina überhaupt, die so großflächig und systematisch durchgeführt werden konnte. Die Ergebnisse der Studie mit Tipps zur Prävention werden Eltern in Form einer Broschüre nahe gebracht.

Die Arbeit des Local Committee For Rehabilitation of The Disabled wurde durch den Boykott der EU und der internationalen Gemeinschaft nach den Wahlen zum palästinensischen Legislativrat schwer beeinträchtigt. Während hier früher 34 Angestellte beschäftigt werden konnten, musste in letzter Zeit die Zahl der MitarbeiterInnen auf 19 reduziert werden. Unter den Entlassenen befanden sich etwa Physio- und BewegungstherapeutInnen.

Perspektive:
Das Zentrum würde die Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen medizinischen Institutionen in Graz überaus begrüßen. Über den rein akademischen Austausch hinaus wäre besonders die Möglichkeit Laborkapazitäten und –ausrüstung über die Zusammenarbeit mit Grazer MedizinerInnen und anderen WissenschaftlerInnen, die in Palästina nicht zur Verfügung stehen, eine wesentliche Unterstützung für die Arbeit des Zentrums. Einer der großen zu untersuchenden Fälle ist jener des Dorfes Faq’ua, nordöstlich von Jenin, wo nach einem massiven Tränengaseinsatz der israelischen Armee im selben Jahr 11 behinderte Kinder zur Welt kamen.

Im Juni hatten SPÖ, Grüne und KPÖ in Graz einen Gemeinderatsantrag unterstützt, in dem die Prüfung einer Projektpartnerschaft der Landeshauptstadt Graz mit der palästinensischen Stadt Zababdeh in Kooperation mit universitären, kirchlichen, ökologischen und kulturellen Einrichtungen der Stadt Graz gefordert wird.

11. September 2007