Die Revolutionärin Jenny Marx

Sekretärin, Lektorin und Managerin von Karl Marx, seine Gefährtin, die Mutter seiner Kinder.

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Karl – Marx – Kongress                                                                                                05.05.2018

 

Die Revolutionärin Jenny Marx

Ich darf mich jetzt in meinem Referat der Revolutionärin Jenny Marx widmen.

Vorausschicken möchte ich, dass ich keine „Marx-Expertin“ bin. Ich gehöre auch nicht zu den großen TheoretikerInnen in unserer Partei –

wie komme ich also dazu, ein Referat über die Ehefrau von Karl Marx zu halten?

 

Ich habe sehr früh einen ausgeprägten Sinn für Benachteiligung und Ungerechtigkeit entwickelt. Mein Ansinnen war es immer – und das ist bis heute so geblieben – mich für Gleichheit und Gerechtigkeit einzusetzen. Das hat mich früh politisiert, mich für Frauenpolitik sensibilisiert und mich letztendlich zur Kommunistischen Partei gebracht.

Wir wollten „200 Jahre Marx“ groß feiern, mir war es dabei ein Anliegen, die Rolle von Jenny Marx dabei nicht zu vergessen. Mit diesem Wunsch bekam ich auch gleichzeitig den Auftrag – durchaus nett als „Bitte“ formuliert, diesen Part doch gleich selbst zu übernehmen. Dem bin ich gerne nachgekommen.

Und damit kann ich auch schon einen aktuellen Bezug herstellen:

Wenn dir als Frau etwas wichtig ist, dann bring dich ein – auch auf die Gefahr hin, dass es für dich Mehrarbeit bedeutet. Gleichstellung und Gerechtigkeit fallen nicht vom Himmel – sie müssen erkämpft, erstritten, verhandelt werden und das kostet Zeit und Kraft.

Das wusste auch Jenny Marx und daran hat sich bis heute nichts verändert.

 

Wer war sie also, diese Jenny Marx und vor allem: Was hat sie gemacht?

 „Tschenny“ oder „Jenny“ Marx – über die Aussprache gibt es unterschiedliche Sichtweisen,  wurde am 12. Februar 1814 als Johanna Bertha Julie Jenny von Westphalen geboren und starb 67-jährig am 2. Dezember 1881. An ihrem Grab hat Friedrich Engels folgendes über sie gesagt:

„Was eine solche Frau, mit so scharfem und so kritischem Verstande, mit einem politisch so sicheren Takt, mit solch einer leidenschaftlichen Energie, solch großer Kraft der Hingabe, in der revolutionären Bewegung geleistet, das hat sich nicht an die Öffentlichkeit vorgedrängt, ist niemals in den Spalten der Presse erwähnt worden.

Was sie getan hat, wissen nur die, die mit ihr gelebt haben. Aber ich weiß, dass wir oft ihre kühnen und klugen Ratschläge vermissen werden – kühn ohne Prahlerei, klug ohne der Ehre je etwas zu vergeben.

Von ihren persönlichen Eigenschaften brauche ich nichts zu sagen. Ihre Freunde kennen diese Eigenschaften und werden sie niemals vergessen. Wenn es jemals eine Frau gab, die ihr größtes Glück darin gesehen hat, andere glücklich zu machen, so war es diese Frau.“  

Sie scheint eine außergewöhnliche Frau gewesen zu sein, allerdings war die Zeit, in der Jenny Marx lebte und wirke nicht arm an bedeutenden Frauen. Und auch nach ihrem Tod sind selbstbewusste Frauen der Kommunistischen Idee gefolgt.  

Frauen begannen sich aufzulehnen gegen die jahrhundertelange Unterdrückung des weiblichen Geschlechts und forderten ihr Recht auf Teilnahme am gesellschaftlichen und politischen Leben ein.

In der französischen Revolution bekannt gewordene Frauen wie Olympe de Gouges, aber auch tausende namenslose Frauen und Mädchen. Reformerinnen wie Florence Nightingaleund Kämpferinnen für soziale Gerechtigkeit wie Flora Tristan.

Später folgtenClara Zetkin und Rosa Luxemburg,die uns auch heute noch große Vorbilder sind.

Jenny Marx hat nicht auf den Barrikaden gekämpft. Aber sie war sicher die erste Frau in der Geschichte, die die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung verstanden hat und von der Kraft der Klasse der Arbeiter und Arbeiterinnen überzeugt war. Sie hat ihr Leben bewusst mit dem revolutionärn Kampf für den Sozialismus verbunden und ist als geschulte Marxistin auf der Höhe der geschichtlichen Erkenntnis ihrer Zeit gestanden.

 

Was weiß man über Jenny Marx?

Sie war die Frau von Karl Marx und die Mutter seiner Kinder, entstammt einer Adelsfamilie, war eine geborene „von Westphalen“, unterstützte ihren Mann als Sekretärin, Lektorin und Managerin.

Sie war Revolutionärin.

Eleanor Marx, die jüngste Tochter, hat über sie gesagt: „Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, ohne Jenny von Westphalen hätte Karl Marx niemals der sein können, der er war.“

 

Leben und Wirken

Jenny Marx wurde 1814 als Tochter des Landrates von Salzwedel, Ludwig von Westphalen und seiner Frau Caroline geboren. Ihr Vater wird 1816 nach Trier versetzt, wo die Familie künftig lebt. Dort lernt sie später auch Karl Marx kennen. Sie verloben sich heimlich 1836, sieben Jahre später heiraten sie in Kreuznach. Noch im selben Jahr gehen sie nach Paris, wo ihre erste Tochter auf die Welt kommt. Zu dieser Zeit schreibt Karl Marx sein erstes gemeinsames Werk mit Friedrich Engels „Die heilige Familie“. 

1845 erhält Marx nach Publikation seiner kommunistischen Ideen den Ausweisungsbefehl, er muss mit seiner Familie Paris verlassen. In Brüssel wird ihre zweite Tochter geboren. Die finanzielle Situation spitzt sich zu. Heute weiß man, dass die Familie aus der prekären Lage de facto nie mehr ganz herauskommt. Gleichzeitig sind diese Jahre auch geprägt durch intensive politische Arbeit. 1846 kommt Helena Demuth als Haushaltshilfe zur Familie Marx.  Sie bleibt bis zu ihrem Tod, erlebt alle Höhen und Tiefen und ist auch die Mutter eines unehelichen Sohnes von Karl Marx. Schon zu dieser Zeit ist Jenny alleine aufgetreten und hat damit einiges an Aufmerksamkeit erreicht. Kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes nimmt sie am Neujahrsfest des Deutschen Arbeiterbildungsvereines teil. Am 31.1.1847 war darüber in der Deutsch-Brüsseler Zeitung zu lesen:

„Nach dem Bankett fand eine dramatische Vorstellung statt, worin Frau Dr. Marx ihr geniales Deklamationstalent entwickelte. Es macht einen wohltuenden Eindruck, wenn man ausgezeichnete Frauen für die Ausbildung des Proletariats wirken sieht.“   

Jenny Marx entwickelt sich aber auch immer mehr zur unersetzlichen Mitarbeiterin ihres Mannes. Sie übertrug Texte, redigierte sie und war auch seine politische Vertraute, was für ihn besonders wichtig war, mit ihr konnte er diskutieren, sie war sich der politischen Situation bewusst. Durch schwere Missernten und eine tiefe Wirtschaftskrise wurde die Lage für die Menschen immer dramatischer. Der Hass der arbeitenden Bevölkerung richtete sich gegen die Feudalgewalten und gegen die Bourgeoisie, in der ArbeiterInnenklasse wuchs die Empörung. Auch die Landbevölkerung hungerte und lebte in Not und Elend. Erstmals gewannen Kommunistische Ideen an Boden. Schon im April 1847 gab es erste Tumulte und Unruhen in Köln und Stuttgart. Unter diesen Bedingungen wurde die Schaffung einer Partei der ArbeiterInnenklasse zur zwingenden Notwendigkeit.

Wie klar für Jenny die politische Lage war, erkennt man durchaus auch an privaten Briefen, die siezu dieser Zeit verschickt. Sie schreibt an Lina Schöler, die kurz davor von Jennys Bruder Edgar verlassen wurde am 17. Dezember 1847:

„Die gesellschaftlichen Zustände werden mit jedem Tag schrecklicher und es ist nicht bloß eine Schwierigkeit, ja es ist fast eine Unmöglichkeit geworden, dass sich junge Leute eine sorglose, selbständige Existent verschaffen können.

Tausende haben wie Edgar ihr Glück in der Ferne gefunden, Hunderttausende strömen täglich ihnen nach und diejenigen, die zurückbleiben, müssen in den meisten Fällen zu untergeordneten, ihnen widerstrebenden Beschäftigungen ihre Zuflucht nehmen. Wir gehen alle sicheren Schritts den Zeiten der Auflösung sozialer Umgestaltung entgegen…“

Die Zeiten werden härter und stürmischer. 

 

Das Manifest der Kommunistischen Partei

Im Juni 1847 gibt sich der Bund der Gerechten auf einem Kongress in London, an dem auch Friedrich Engels teilgenommen hat, den Namen „Bund der Kommunisten“. Der Entwurf eines neuen Statuts wird beraten und die Herausgabe eines Programms angekündigt. 

Am zweiten Kongress des Bundes nahm auch Marx teil, nachdem Jenny für ihn das finanziell ermöglicht hat. Er und Engels haben dort ihre Theorie und ihre Gedanken über die Aufgaben der arbeitenden Menschen in der kommenden Revolution vorgetragen.

Jenny kümmerte sich inzwischen „um alles andere“ – sie kümmert sich um seine Manuskripte, korrespondiert und verhandelt. Sowohl „Das Elend der Philosophie“ als auch das „Kommunistische Manifest“ gehen durch ihre Hände. Ihr Engagement im deutschen Arbeiterbildungsverein bleibt ungebrochen. All das geschieht, während Jenny Marx inzwischen drei Kleinkinderversorgt und sich um den gesamten Haushalt kümmert. 

 

Leben in Paris, Köln und London

Im März 1848 werden Jenny und Karl Marx aufgrund ihrer Arbeit und Publikationen verhaftet und aus Belgien ausgewiesen. Ihre nächsten Stationen sind Paris und Köln, im August 1840 kommen sie in London an. Im selben Jahr wird das vierte Kind geboren, 1851 bekommt die Haushälterin Helena Demuth einen Sohn, von dem man weiß, dass er ein uneheliches Kind von Karl Marx ist. Für Jenny ist der Betrug ein großer Vertrauensbruch, von dem sie sich psychisch nie mehr ganz erholt. Trotzdem bleibt sie bei ihrem Ehemann und arbeitet weiterhin mit ihm zusammen. Er schreibt für die New York Daily Tribune, sie wickelt seine Korrespondenz ab und bereitet seine Artikel für den Druck vor. Erstmals verbessert sich die finanzielle Situation der Familie, 1855 kommt das fünfte Kind auf die Welt. 

Aus der Zeit im Londoner Exil ist über Jenny Marx folgendes bekannt:

Trotz angegriffener Gesundheit stand Jenny gleich nach der Ankunft in der englischen Hauptstadt wieder in der politischen Arbeit. Einen Tag, nachdem sie angekommen war, hatte der deutsche Arbeiterbildungsverein in London ein Unterstützungskomitee für Flüchtlinge gegründet, dessen Vorsitzender war Karl Marx. Er widmete dem Verein ebenso wie Jenny und Friedrich Engels viel Kraft.

Es kamen scharenweise Flüchtlinge aus Italien, Polen, Ungarn, Frankreich und Deutschland nach England. Jennys Landsleute, für die das deutsche Komitee einzutreten hatte, waren alle in bitterster Not. Für jene, die in England blieben, musste Arbeit gefunden werden. Andere wollten nach Amerika. Sie brauchten Reisegeld. Das Komitee sammelte Gelder in Deutschland und England, suchte Unterbringungsmöglichkeiten, schuf ein Wohn- und Speiseheim.

Viele Flüchtlinge kamen in die Marxsche Wohnung. Manche fanden für mehrere Tage Aufnahme, andere ein warmes Essen, alle aber fanden Rat und Hilfe für die Neuregulierung ihres Lebens, ein gutes Wort, Aufmunterung, eine Stunde Lachen. Ihre politische Überzeugung wurde gefestigt, ihr Glaube an den endlichen Sieg der ArbeiterInnenklassse gestärkt. Das war bitter nötig, denn die GenossInnen bedurften nach der Niederlage mehr denn je der politischen Leitung und der theoretischen Schulung.

Aus:„Jenny Marx – Der Lebensweg einer Sozialistin“, Luise Dornemann, Berlin 1984

 

Zur Kritik der politischen Ökonomie, Herr Vogt und Das Kapital

Zwischen 1855 und 1860 erleidet die Familie mehrere Schicksalsschläge: 1855 stirbt der erstgeborene Sohn Edgar, 1857 kommt ein weiteres Kind auf die Welt, das nur wenige Stunden lebt. Jenny erkrankt drei Jahre später schwer an Pocken. Erst nach ihrer Genesung und mit der Veröffentlichung des ersten Bandes des Kapitals, geht es wieder bergauf. An den Werken „Zur Kritik der politischen Ökonomie“,  „Herr Vogt“ und „Das Kapital“ arbeitet Jenny mit. Im September 1872 nimmt sie am Haager Kongress der Internationalen Arbeiterassoziation teil. Sie veröffentlicht Artikel über das Londoner Theaterleben in der Frankfurter Zeitung,ähnliche Artikel in der Wiener Zeitschrift Der Sprudel.  

Trotz ihrer persönlichen Schwierigkeiten lässt sich Jenny Marx nicht unterkriegen.

Neben ihrer Arbeit für Marx – sie bezeichnet sich in dieser Zeit selbst gerne als „sein Sekretär“, taucht sie bei wichtigen politischen Veranstaltungen alleine auf und veröffentlich immer wieder Arbeiten von sich. 

Zusammengefasst kann man folgendes sagen:

Das Leben von Jenny Marx war das Leben einer Sozialistin adeliger Herkunft an der Seite eines der wirkungsmächtigsten Denker der Neuzeit.

 

Dennoch Karl, ich fühl` keine Reue

Die Veröffentlichung von Marx Arbeiten zu seinen Lebzeiten sind nicht zuletzt auch seiner Frau zu verdanken, die in mühevoller Kleinarbeit die unleserliche Handschrift ihres Mannes zu druckfähigen Vorlagen machte. Diese Tätigkeit wäre ohne Mitdenken und Mitwissen unmöglich gewesen. Während sich Marx allein auf seine politisch-wissenschaftliche Arbeit konzentrierte, musste sich Jenny darüber hinaus noch um das tägliche Leben und die Erziehung der Kinder kümmern. Die permanente Armut und der Tod vier ihrer Kinder hat sie letztendlich zermürbt. 

Jenny Marx starb am 2. Dezember 1881 an Krebs. 

Sie war kein bloßes Anhängsel ihres berühmten Mannes. Sie teilte seine Weltanschauung und arbeitet mit ihm zusammen. Sie analysierte eigenständig und veröffentlichte Artikel. Texte über die Revolution in Deutschland ebenso wie Theaterkritiken.

Sie war Sekretärin, Lektorin und Managerin von Karl Marx, seine Gefährtin, die Mutter seiner Kinder.

Sie war Revolutionärin.

 

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Ich hoffe, ich konnte mit diesem Referat einmal mehr eine Frau vor den Vorhang holen, die das wahrlich verdient hat.

Claudia Klimt-Weithaler

18. Mai 2018