Archivierte Artikel: Die enthaltenen Informationen sind möglicherweise veraltet.

Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer

Gedanken zu Ursachen und Folgen des Massakers in Paris

Das barbarische Attentat auf die Mitarbeiter der fortschrittlichen Satirezeitschrift „Charlie hebdo“ in Paris hat die Menschen erschüttert. Es ist nicht leicht, jetzt die richtigen Worte zu finden. Ganz oben müssen dabei die Solidarität und die Verteidigung der Werte der Aufklärung stehen.

Solidarität mit den Opfern dieses blutigen Anschlages hat für unsere Bewegung eine besondere Bedeutung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Charlie Hebdo waren aktive Mitstreiter für unsere Sache. Sie haben regelmäßig an den Pressefesten der KP-Zeitung „Humanite“ teilgenommen. Der ermordete Karikaturist Wolinski war Ehrenvorsitzender von Cuba Si France, andere haben die Bewegung gegen EU und Euro unterstützt oder das Gedenken an den 70. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad mitgetragen.

Die barbarische Bluttat von islamistischen Klerikalfaschisten hat nicht das Establishment getroffen, sondern Menschen, welche die herrschende Gesellschaftsordnung mit den Mitteln der Satire grundlegend in Frage gestellt haben. Ist das ein Zufall?

Wenn nun allenthalben Schilder gezeigt werden, auf denen steht „Wir alle sind Charlie“, dann geht das einher mit dem Ausblenden der Tatsache, dass viele Stützen der Gesellschaft, die jetzt medial Solidarität zeigen, nichts, aber auch gar nichts mit den Anliegen von „Charlie Hebdo“ zu tun haben.
Die nun von diversen Kanzlern und Präsidenten beschworene Front zur Verteidigung “europäischer Werte” dient auch zur Verschleierung und Legitimation weiterer Angriffe der Herrschenden auf soziale und demokratische Rechte im Namen des Kampfes gegen den Terror.

Es genügt aber nicht, diese Tatsache bloß aufzuzeigen. „Der Schlaf der Vernunft erzeugt Ungeheuer“: Das ist der Titel eines graphischen Werkes des spanischen Künstlers Francisco de Goya. 1799 erschienen hat dieses Blatt immer wieder großes Aufsehen erregt. Und heute ist es aktueller denn je. Denn wir alle müssen uns fragen, was die Ursache dafür ist, dass Bewegungen wie die klerikalfaschistische Gruppe IS gerade jetzt wüten, während es im 20. Jahrhundert lange so schien, als ob der Geist der Aufklärung und der sozialen Gerechtigkeit vorherrschen würden.

Das Fehlen einer rational begründeten gesellschaftlichen Alternative zum Ausbeutungs- und Herrschaftssystem des Kapitalismus erzeugt Bewegungen wie den islamistischen Terrorismus, aber auch fremdenfeindliche, ausgrenzende, menschenverachtende Gruppen in den Hauptländern des Kapitals. Beide verbindet bei einem genaueren Blick mehr, als sie trennt. Sie beantworten die soziale Frage autoritär und gegen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung. Es sind Weltbilder, die auf der Ungleichheit von Menschen beruhen. Sie scheinen einfache Antworten auf die Krise zu geben und lenken von den tatsächlich Verantwortlichen für Arbeitslosigkeit, Elend und Krieg ab.

Wie die Portugiesische Kommunistische Partei (PCP) in ihrer Erklärung zum Massaker in Paris festgestellt hat, können diese Verbrechen nicht von einem internationalen Umfeld getrennt betrachtet werden, das von Einmischung der USA und der EU in souveräne Staaten und auch durch Aggressionen wie gegen den Irak, Syrien oder Libyen bestimmt wird. Dabei werden religiöse und ethnische Konflikte bewusst geschürt und rechtsextreme, fremdenfeindliche sowie faschistische Kräfte ermuntert. Vergessen wir nicht: Während in Paris 12 Menschen dem Terror der islamistischen Klerikalfaschisten zum Opfer gefallen sind, haben Gesinnungsgenossen dieser Verbrecher in Nigeria, in Syrien oder im Irak buchstäblich am selben Tag hunderte unschuldige Menschen umgebracht.

Das ist eine Realität, die auch und gerade in den Mitgliedsstaaten der EU von einem Anstieg der Ausbeutung und dem Ausschluss aus der gesellschaftlichen Teilhabe begleitet wird.

Wer wirklich gegen die Ursachen solcher Verbrechen wie in Paris kämpfen will, der muss diesen Trend umkehren und für Frieden, Völkerverständigung, für Demokratie und für sozialen Fortschritt eintreten.

Franz Stephan Parteder

14. Januar 2015