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"Der rührige Grazer Stadtrat"

FAZ über die politische Situation in der Steiermark

„Weil die Verhältnisse sind, wie sie sind, dreht sich für die Volkspartei fast alles um ihr Abschneiden in der Steiermark. Nur wenn es Waltraud Klasnic gelingt, den 1995 eingenommenen Sessel des Landeshauptmanns erfolgreich gegen den nach Umfragen fast zu ihr aufgeschlossenen Widersacher Franz Voves von der SPÖ zu verteidigen, kann die ÖVP die sich abzeichnende absolute Mehrheit für die SPÖ in Wien und im Burgenland einigermaßen verschmerzen. Ginge jedoch - nach Salzburg, wo sie seit 1945 den Regierungschef stellte - ein weiteres "schwarzes Stammland" an die SPÖ verloren, so wäre die Erschütterung bis in ihre Bundesparteizentrale der ÖVP zu spüren, wo Generalsekretär Lopatka, ein Steirer, den Wahlkampf koordiniert.
Trotz eines enormen Entwicklungsschubs, welchen die Steiermark unter ihrer Führung genommen hat - das Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent ist das höchste aller österreichischen Bundesländer -, ist Frau Klasnics Ausgangslage nicht günstig. Vor fünf Jahren hatte sie einen fulminanten Sieg errungen und bei elf Punkten Zuwachs 47,3 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können. Dieses Ergebnis zu halten ist angesichts der verheerenden Folgen innerparteilicher Wirren aussichtslos. Diese führten zur (zu lange hinausgeschobenen) Trennung von zwei rivalisierenden Landesräten (Ministern), die einst zu den Schwergewichten der steirischen ÖVP gehörten. Die Frau an der Spitze von Land und Partei bot auch Angriffsflächen im Zusammenhang mit mißglückten prestigeträchtigen Infrastrukturvorhaben. Zudem tritt Gerhard Hirschmann, einer der beiden ehemaligen Landesräte, mit einer eigenen Liste an und dürfte am 2. Oktober auch in spürbarem Maße Stimmen von der ÖVP abziehen, deren Mitglied er bleiben will. Sein Antreten scheint indes auch die Grünen, ja sogar die SPÖ Stimmen zu kosten. Dies ist jedoch für die ÖVP um so weniger tröstlich, als sie Umfragen günstigstenfalls noch gleichauf mit der SPÖ sehen. Doch auch deren Bäume wachsen nicht in den Himmel. Dafür sorgt der Kommunist Ernst Kaltenegger. Der rührige Grazer Stadtrat dringt als Zugpferd der KPÖ, die in der Steiermark kräftige Lebenszeichen von sich gibt, ins SPÖ-Wählerpotential ein und dürfte in den Landtag einziehen.“ (FAZ, 8. 8. 2005)

8. August 2005