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Bevorstehendes Landesbudget ist ein Großbrand!

Beitrag einer Sozialpädagogin für die steirische Volksstimme

In einer eiskalten Nacht im Jänner fiel die Tischlerei meiner Eltern einem Großbrand zum Opfer. Viele Jahrzehnte Arbeit voller Engagement und Mut waren in einigen Stunden vernichtet. Die Ursache war bald gefunden – ein Kurzschluss – ein technisches Gebrechen.

 

 

Nun, einige Wochen später nehme ich genau dieses Bild, um mir zu verdeutlichen, was unsere von uns gewählten Vertreter mit diesem – wie sie es nennen – sozial verträglichen Landesbudget gerade verbrennen.


Die Arbeit der letzten Jahrzehnte wird vernichtet und es bleibt ein Trümmerhaufen. Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung, die in den letzten Jahren unterstützt, gefördert und betreut wurden, damit sie ein aktiveres, selbstständigeres und selbstbestimmteres Leben führen können, werden, wenn dieses Sparpaket in seiner ganzen Feuersbrunst zum Ausbruch kommt, wie vor Jahrzehnten einfach nur satt, sauber und trocken sein. Die Betreuung, gerade für Menschen mit hohem und höchstem Hilfebedarf, wurde um bis zu 50 % gekürzt. Ein Tag in einer Institution, die Menschen mit hohem und höchstem Hilfebedarf betreut, würde wohl ausreichen, damit unsere Politiker wüssten, dass jede Minute Zeit, die man hier streicht, gleichzeitig einen Verlust an Qualität bedeutet.
Da stößt es mir schon sehr sauer auf, wenn ein Hr. Landtagsabgeordneter sagt, er vertraue auf die Institutionen und sei sich sicher, dass die Qualität auch nicht leide, wenn man dieses Budget so durchziehe.
Es mag ja sein, dass dieser Herr über kurze Zeit das gleiche Ausmaß und die gleiche Qualität an Arbeit  in 16,8 (70 %)  Stunden schaffen kann, das er jetzt in 24 (100 %) Stunden schafft. Das schaffen wir an vielen Tagen im Jahr auch, aber hier geht es darum, weiter als bis zum nächsten Tag  oder bis zur nächsten Wahl zu denken. Dauerhaft halte ich so etwas nämlich für unrealistisch und empfinde solche Aussagen als unprofessionell und absolut laienhaft.


Wie wäre es denn, wenn die Versicherung meiner Eltern nach dem Brand gesagt hätte, dass sie nur das bezahlt, was ihre Tischlerei vor 30 Jahren wert war? Damit könnte mein Vater vielleicht eine Tischlerei wie damals errichten. Wenn man nun aber gleichzeitig verlangen würde, genau die qualitativ gleichwertigen Möbel in der gleichen Zeit herzustellen wie heute, wäre das ein sinnloses und unmögliches Unterfangen. Man kann doch die Zeit nicht zurückdrehen! – Doch, das kann man! Jedenfalls kann das die Landesregierung. Mit so unverfrorenen Argumenten wie es sei „sonst kein Geld da“ und wir hätten in den letzten Jahren „zu viel Butter am Brot“ gehabt. – Wer hat denn zu viel Butter und Speck am Brot?  Auch nach 20 Jahren als Schlüsselkraft in der Behindertenhilfe  verdient man gerade einmal 1300 Euro netto. Immer war mir mein Beruf neben meiner Familie das Wichtigste und ich erlag der naiven Vorstellung, den wohl sinnvollsten und wertvollsten Beruf zu haben, den man sich denken kann.
Nun, mit 42 Jahren und nach 20 Jahren in diesem Beruf, kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass ich und meine Kolleg/inn/en wieder arbeiten wie vor vielen Jahren. Ich kenne die Fähigkeiten und Kompetenzen von Menschen mit Behinderung, weil es mir in den letzten 20 Jahren möglich war, Unterstützung dabei zu geben, dass sie durch die nötigen Rahmenbedingungen und individuelles Arbeiten diese Kompetenzen und Fähigkeiten bei sich erkennen lernten. Menschen mit Behinderung können „dabei“ sein, sie können auswählen, mitgestalten und mitreden. Nun sollen ihnen diese Fähigkeiten wieder genommen werden, und wir schauen alle dabei zu!
Wenn wir mit diesem Budget die Zeit zurückdrehen, werden all diese Erfolge wieder verloren gehen. Viele Kund/inn/en werden nicht mehr mobil sein, sie werden mehr Pflege benötigen, da es die Zeit für Trainings und Förderung und den Erhalt der eigenen Ressourcen nicht mehr geben wird. Es wird nicht mehr möglich sein, dass Menschen mit Behinderung lernen, ihre Bedürfnisse mitzuteilen, weil niemand Zeit hat, um zuzuhören. Für die Kundinnen, mit denen ich arbeite, bedeutet das eine wesentliche Verschlechterung ihrer psychischen und physischen Gesundheit.

Um das Bild des Großbrandes noch einmal zu strapazieren – zwei wesentliche Unterschiede zum Großbrand in der Tischlerei meiner Eltern gibt es doch:

 1.    Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung haben keine Versicherung. – WIR sind ihre Versicherung! Es ist wahrlich ein Zeichen großer Armut, wenn ein Land bei Kindern, Jugendlichen oder Menschen mit Behinderung  Förderungen, Unterstützung, Hilfe und Betreuung einsparen möchte. Dann steht es noch viel schlechter um unser Land, als es uns die Politiker sagen.
    2.    Die Ursache dieses Brandes ist kein technisches Gebrechen – die Ursache ist Brandstiftung, doch die dafür Verantwortlichen können wohl nur dadurch zur Rechenschaft gezogen werden, indem wir uns alle bis zur nächsten Wahl merken, was gerade passiert. Ich werde es jedenfalls nicht vergessen!


Edith Hirzer, Sozialpädagogin

16. April 2011