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Austromarxismus: Gestern und heute

Debatte auf Grazer Uni mit aktuellem Bezug

Unter dem Titel „Austromarxismus: Gestern und heute“ debattierten am 11. Jänner 2007 an der Grazer Universität Univ. Prof. Dr. Hans Hautmann (Linz): und Univ. Prof. Dr. Werner Sauer (Graz) über Anspruch, Wirklichkeit und Bedeutung für die Gegenwart dieser Strömung in der österreichischen Arbeiterbewegung. Diskussionsleiter war der steirische KPÖ-Vorsitzende Franz Stephan Parteder.

Die über 50 DiskussionsteilnehmerInnen erlebten einen interessanten Meinungsaustausch, der vom Bestreben getragen war, Schlussfolgerungen zu ziehen, um unter den Bedingungen des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts eine „proletarische Gegenöffentlichkeit“ (Dr. Werner Sauer) zu erreichen.

Dr. Hans Hautmann hob hervor, dass man heute vom Austromarxismus weniger auf dem Gebiete der Theorie, sondern vor allem durch das Studium der Leistungen des „Roten Wien“ als sozialer und kultureller Reformbewegung auf vielen Gebieten lernen könne.

Durch die Turbulenzen um die Regierungsbildung erhielt diese Diskussion auch einen aktuellen Bezug: In den Siebziger- und Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts versuchten österreichische Jungsozialisten wie Josef Cap, Michael Häupl, Manfred Matzka und Alfred Gusenbauer eine Renaissance des Austromarxismus einzuleiten. Heute verteidigen sie die bürgerliche Politik einer Großen Koalition und bekleiden hohe Posten im politischen System unseres Landes.
Heutzutage erscheint es eine Ironie der Geschichte zu sein, dass gerade diese Personen vor mehr als 25 Jahren durch Rückgriffe auf den Austromarxismus versucht hatten, einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Sozialdemokratie zu entwickeln.

Das Ende des Realsozialismus in Osteuropa 1989/91 hatte verheerende Folgen für die gesamte Arbeiterbewegung, es erleichterte den Generalangriff auf die sozialen Rechte der Werktätigen und auf das öffentliche Eigentum ungemein, es stürzte den revolutionären Flügel der Arbeiterbewegung in eine tiefe und langdauernde Krise, es schwächte die Positionen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung – war es aber eine zwingende Folge, sich die Positionen der Monopolbourgeoisie zu eigen zu machen und selbst zu Interessensvertretern der "fortgeschrittensten Kapitalfraktion" (wie das im SJ-Jargon hieß) zu mutieren?

Darauf ging Franz St. Parteder in seinem Diskussionsbeitrag ein und betonte: „Was fehlt - und zwar in der Sozialdemokratie und auch bei großen Teilen der kommunistischen Bewegung - ist eine Strategie, die langfristig zu einer ausbeutungsfreien Gesellschaft führen kann.
Deshalb sind Veranstaltungen wie diese sehr nützlich. Eine den heutigen Bedingungen angemessene Strategie der fortschrittlichen ArbeiterInnenbewegung kann sich nur im Meinungsstreit herausbilden.“

Die Veranstalter – KSV-Graz, KPÖ-Bildungsverein und Alfred-Klahr Gesellschaft – planen, die beiden Referate der Austro-Marxismus-Diskussion in Broschürenform einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

12. Januar 2007