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Abschied von Max Muchitsch (Trauerrede)

Stadtrat Dr. Werner Murgg

Dank und Abschied

Trauerrede bei der Verabschiedung von Genossen Max Muchitsch

23. 5. 2005

Max Muchitsch ist tot! Eine Woche nach dem sechzigsten Jahrestag der Befreiung Österreichs, für die er mit der Waffe in der Hand und unter dem Einsatz seines Lebens gekämpft hatte, am Nachmittag des 14. Mai 2005, einen Tag nach seinem 86. Geburtstag, hörte das Herz des letzten Überlebenden der Partisanengruppe Leoben-Donawitz zu schlagen auf. Tod bedeutet Abschiednehmen. Heute bedeutet es Abschiednehmen vom hervorragenden Kämpfer im Widerstand gegen den deutschen Faschismus, Abschiednehmen vom obersteirischen Partisanen "Ferdl", Abschiednehmen vom prinzipienfesten Marxisten, Abschiednehmen vom unermüdlichen und unbeirrbaren Mitstreiter unserer Kommunistischen Partei in guten wie in schlechten Zeiten. All das war unser Genosse Max Muchitsch! Und er war noch viel mehr: er war ein zutiefst musischer Mensch, der unter großem seelischen Schmerz, nach dem Verlust seines Armes, auf sein Geigenspiel verzichten mußte; er war, obwohl ohne höhere Schulbildung, ein belesener und gebildeter Mensch, er war ein wahrer Autodidakt; er war ein gewissenhafter Parteiarbeiter, dem Aufgaben nicht zugeteilt werden mußten, sondern der selbst wußte, wo Hand anzulegen war; er war ein künstlerisch begabter Mensch, wovon unzählige überlieferte Verse, Liedtxte und selbst hergestellte Plakate Zeugnis geben, Zeugnis geben von seiner unermüdlichen Tätigkeit auch als hervorragender Agitproparbeiter; er war unermüdlicher Aufklärer über die ökonomischen Hintergründe des Faschismus, er war Chronist, Volksbildner und Impulsgeber einer jüngeren Generation von Wissenschaftlern, welche sich mit der Partisanengruppe Leoben-Donawitz, der Österreichischen Freiheitsfront, dem antifaschistischen Freiheitskampf im allgemeinen und dem kommunistischen Widerstand im besonderen auseindersetzten und auseinandersetzen - nicht zuletzt sein im Europa-Verlag erschienenes Büchlein "Die Partisanengruppe Leoben-Donawitz" und sein umfangreiches Werk "Die Rote Stafette", sowie ungezählte Diskussionsabende, überlieferte Videokassetten und von ihm organisierte Ausstellungen, so 1988 zum Thema "Fünfzig Jahre Anschluß", legen davon Zeugnis ab; er war ein feinfühliger Mensch, dessen sensibler Kern auch dadurch nicht geschmälert wurde, daß er manchmal von einer harten Schale umgeben war; und er war über Jahrzehnte hinweg ein treuer und liebender Ehemann, dem der langsame Tod seiner geliebten Cilli, unserer Genossin Muchitsch, viel Kraft und Substanz kostete und der vielleicht ursächlich mitverantwortlich war, daß er bald danach von einem schweren Schlaganfall heimgesucht wurde, der ihn für den Rest seines Lebens, beinahe ein Jahrzehnt lang, ans Bett fesselte, ihm Sprache und Lesefähigkeit raubte, den bis dahin geistig und körperlich hochaktiven Mann von der Kommunikation mit der Umwelt abschnitt - ein Zustand von dem der Tod für ihn auch Erlösung gewesen sein mag!

Max Muchitsch wurde 1919 in Villach, als Sohn eines Eisenbahnschlossers geboren. Aufgewachsen in einem sozialdemokratischen Elternhaus und Umfeld, lernte der junge Max bereits früh die Entbehrungen kennen, denen die Arbeiterklasse ausgesetzt war. Nach dem Abschluß der Hauptschule war es für ihn unmöglich eine Lehrstelle zu finden. Bereits seit 1927 Mitglied der Roten Falken, trat er 1933 dem Kommunistischen Jugendverband bei und baute eine Ortsgruppe in Villach auf. Wegen kommunistischer Betätigung wurde er 1936 verurteilt, nach einigen Monaten mit der Auflage einer fünfjährigen Polizeiaufsicht amnestiert. Bereits in dieser Zeit kam er in die Obersteiermark, nach Vordernberg, wohin sein Vater versetzt worden war. Im März 1939 Einberufung zum Reichsarbeitsdienst und im Oktober des selben Jahres zur deutschen Wehrmacht. Versuche an der Ostfront im Jahr 1941 zur Roten Armee überzulaufen scheiteten drei mal. Am 12. August 1941 wurde Max Muchitsch durch eine Handgranate schwer verwundet und verlor seinen linken Oberarm. Längere Aufenthalte in Lazaretten folgten. Nach seiner Entlassung aus dem Spital nahm er neuerlich die illegale kommunistische Widerstands- und Organisationstätigkeit in der Obersteiermark auf. Beruflich leitete er das Internat der Werksschule des Hüttenwerkes Donawitz. Einer drohenden Verhaftung durch die Gestapo im April 1944 entzog er sich durch Flucht zu den obersteirischen Partisanen, in deren Reihen er für das Wiedererstehen eines freien, unabhängigen und antifaschistischen Österreich kämpfte. Ein Lebensabschnitt, der zu den ruhmreichsten seines Lebens gehörte und wovon wir heute bereits aus berufenerem Munde unterrichtet wurden! Aber es war nicht nur sein unter Einsatz seines Lebens geführter Partisanenkampf um die Befreiung unserer Heimat, der ihn für immer in die Annalen der fortschrittlichen Geschichte unseres Volkes eingehen hat lassen. Es war auch seine und die seiner Partisanengenossen Tätigkeit zur Sicherung der notwendigen ökonomischen Grundlagen für den Wiederaufbau unserer Heimat, die ihn für immer als wahren österreichischen Patrioten auszeichnen. So verhinderte er gemeinsam mit Sepp Filz am 8. Mai 1945 die von der SS vorbereitete Sprengung der Werksanlagen des Hüttenwerkes Donawitz und organisierte mit bewaffneten Arbeitern die Entwaffnung der NS-Werksschutzmänner. Noch am selben Tag wurde ein sogenannter "Dreierausschuß" gebildet, in dem die KPÖ durch Sepp Filz, zusammen mit einem Mitglied der SPÖ und einem Vertreter der Christlichsozialen, vertreten war. Dieser Ausschuß übte in der Folgezeit die provisorische Verfügungsgewalt in Leoben aus. Max Muchitsch kehrte wieder an seinen alten Arbeitsplatz als Heimleiter nach Donawitz zurück. Die historische Leistung von ihm und seinen Mitkämpfern wurde von den Herrschenden bald darauf bewußt verdrängt, Männer wie Max Muchitsch ins gesellschaftliche Abseits gestellt. Er selbst war in den ersten Nachkriegsjahren für längere Zeit kommunistischer Angestelltenbetriebsrat im Hüttenwerk Donawitz. Von der Werksschule kam er ins Blechwalzwerk in die Blechavisierung, nach dessen Auflassung während der 60er Jahre übersiedelte er zur Ladungserfassung ins Feinwalzwerk. 1979 ging er in Pension. Bis zu seiner Pensionierung war er im Werk als Vertrauensmann des Gewerkschaftlichen Linksblocks und als BO-Kassier tätig. Bis zu seinem Schlaganfall 1997 gehörte er dem Bezirkssekretariat der KPÖ-Leoben an. Max Muchitsch war Träger der Befreiungsmedaille und der Auszeichnung Kämpfer gegen den Faschismus der Deutschen Demokratischen Republik. Max Muchitsch war über Jahrzehnte aktiv in der Bewegung Kinderland, er war engagierter Zeitzeuge und - ich sagte es bereits - Zeit seines Lebens prinzipienfester Marxist und unbeirrbarer Kommunist. Als solcher wandte er sich, vor allem in Zeiten krisenhafter Entwicklungen unserer Partei, nicht mit Scheuklappen, sondern aus tiefem Wissen um die unerlässliche Notwendigkeit einer organisierten marxistischen Kraft beim Erkämpfen einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung, immer gegen alle Formen der Entstellung des Marxismus. So am 20. Parteitag 1969, als die Partei, auch durch die tragischen Ereignisse in der damaligen Tschechoslowakei, sich in einer schweren Krise befand und führende Genossen glaubten den Marxismus neu denken zu müssen. Da rief Max Muchitsch Ernst Fischer zu: "Wir wollen weder liberale Kommunisten noch kommunistische Liberale werden. Wir wollen weder revolutionäre Romantiker noch romantische Revolutionäre sein! In dieses Land weltfremder Träumereien wollen und werden wir dir nicht folgen! Was wir jedoch sein wollen und auch bleiben werden. schlicht und einfach nur eines, Kommunisten!" So am 27. Parteitag 1990, als durch die Auflösung der sozialistischen Staaten in Europa nicht wenige in der KPÖ glaubten nicht nur vom Namen unserer Partei, nein auch von ihren wesentlichen Inhalten Abschied nehmen zu müssen. Max Muchitsch gehörte wiederum zu jenen Genossinnen und Genossen die um den Erhalt einer marxistischen Partei der Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse kämpften. Auch auf diesem Parteitag hat Genosse Muchitsch seine Stimme erhoben. Er erklärte unter anderem: "Und heute stehen wir davor, daß wir noch einmal von vorn anfangen müssen. Mit dem gleichen Elan, mit dem gleichen Wusch, daß die Partei das werden soll, was sie einmal war. Eine Partei der Arbeiterklasse. Und nicht ein Diskutierklub."

Gestatten Sie mir zum Abschluß noch einige wenige persönliche Bemerkungen. Es sind Errinnerungen, Bruchstücke, Skizzen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich den Mann in seiner grauen Strickweste, dem der linke Arm fehlte, der dafür aber mit der Rechten umso fester zudrücken konnte. Den Mann, der in einem kleinen Zimmer in der Pestalozzistraße 93 in Donawitz sitzt, umgeben von Papierrollen, Bunt- und Filzstiften und an einem neuen Plakat arbeitet. Den Mann, der als Parteikassier akribisch Listen für die ihm unterstellten Subkassiere anfertigte in denen man an genau festgelegten Stellen einzutragen hatte, welcher Genosse, welche Genossin, wann und mit welchem Betrag kassiert wurde. Und wo es ein Donnerwetter geben konnte, wenn diese Listen unvollständig oder schlampig abgeliefert wurden. Den Mann, der in der Donawitzer Stahlstraße 1, in einer Mietshausreihe wohnte, von denen eines unter den Häusern die Aufschrift "Arbeit gibt Brot" trägt und, wüßte man es nicht besser, man versucht wäre zu glauben, Max Muchitsch selbst hätte diesen Sinnspruch, der sein Lebensmotto hätte sein können, angebracht. Und ich erinnere mich genau daran Max, als du mir einmal gesagt hast, oder sollte ich besser sagen, als du mir einmal versuchtest einzuschärfen: "Werner, ein Begräbnis von einem Genossen muß eine Parteiveranstaltung sein!" Ja, ich weiß nicht, hättest du heute meine Worte an deinem Sarg hören können, ob dein oft strenges Urteil mit mir zufrieden gewesen wäre? Aber eines kann ich versprechen: Die Fahne, die heute noch auf deinem Sarg liegt, werden wir morgen schon wieder in die Welt hinaustragen!

Danke für alles Max!

23. Mai 2005