100 Jahre nach Lenin – Mit dem eigenen Kopf denken

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Wladimir Iljitsch Lenin wendet sich auf dem Roten Platz an die Menschen.

Vor 100 Jahren, am 21. Jänner 1924 ist nach langer Krankheit in Gorki bei Moskau der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow (genannt Lenin) verstorben. Das war eine Nachricht, die weltweit erschütternd wirkte. Als Gründer der Kommunistischen Partei in Russland und Anführer der Oktoberrevolution ließ er niemanden kalt. Die damals aktuellen Stellungnahmen zeigen vor allem, dass ihn auch seine politische Gegner für eine bedeutende Gestalt und die revolutionären Umwälzungen in Rußland für eine „Sternstunde der Menschheit“ (Stefan Zweig) hielten. Selbst Karl Kautsky, der den Kurs der Bolschewiki scharf ablehnte und der von Lenin mit den härtesten Worten kritisiert worden war, stellte fest: „Ich hätte mich gerne an der Ehrung des toten Heros der Revolution beteiligt. … Er war eine Kolossalfigur, wie ihrer nur wenige in der Weltgeschichte zu finden sind“. Und der Norweger Fritjof Nansen sagte: „Er war ein kluger und begabter Mann, ein großer Idealist“.

Das sind Worte aus einer anderen Zeit. Heutzutage wird alles daran gesetzt, um jeden positiven Bezug auf Lenin und die Oktoberrevolution als unmoralisch hinzustellen. In Österreich hat das zuletzt die Posse um die Leninbüste in der Wohnung (oder im Büro) des SPÖ-Vorsitzenden Babler gezeigt.

Wie Lenin als Person wirklich war, das zeigt uns weder die jahrzehntelange Verehrung als „Heiliger des Sozialismus“, noch die heute vorherrschende völlige Verdammung, die auch alle Formen der gesellschaftlichen Umgestaltung einschließt.

Lenins Frau, Nadeschda Krupskaja sagte auf einer Trauerfeier in Moskau , dass Lenin die Antworten auf die Fragen, wie sich die Befreiung der arbeitenden Menschen vollziehen werde, bei Marx gesucht und gefunden habe: „Nicht als Bücherwurm ist er an Marx herangetreten. Er kam zu ihm als ein Mensch, der Antworten auf dringende, qualvolle Fragen sucht. Und er hat diese Antworten bei ihm gefunden. Mit ihnen trat er vor die Arbeiter. (…) Und er hat nicht nur gesprochen und erzählt, er hat auch aufmerksam zugehört, was die Arbeiter ihm zu sagen hatten“.

Seit diesen Tagen sind 100 Jahre vergangen. Die Sowjetunion ist Geschichte. Lenin, seinem theoretischen Nachlass und seiner gesellschaftspolitischen Praxis wird von vielen jede Aktualität abgesprochen. Ein neuer Anlauf in Richtung Sozialismus wird für ausgeschlossen erklärt. Lenin soll mit solchen Aussagen ein zweites Mal begraben werden.

Dabei ist die Haltung Lenins als Marxist und Revolutionär auch heute noch wichtig: Um den Kapitalismus in Frage stellen zu können, muss man seine Funktionsweise und das gesellschaftliche Kräfteverhältnis immer wieder analysieren, man muss eine politische Bewegung in Gang bringen, die diese Analyse mitträgt und die sich auf die Arbeiterklasse und die politische Mehrheit der Bevölkerung stützt – und man muss zur richtigen Zeit das Richtige tun.

Hundert Jahre danach hat sich die Welt aber sehr verändert. Deshalb müssen wir mit dem eigenen Kopf denken und selbständig handeln, um eine sozial gerechte Gesellschaft zu erreichen. Was von Lenin auf alle Fälle bleibt, das ist der Einsatz für den Frieden und der Versuch, die Ursachen für Kriege, wie sie uns heute wieder bedrohen, zu analysieren.

In einer Zeit, in der Krieg und Krisen aller Art zum Alltag der Menschen gehören, wird die Frage nach einer Alternative immer dringender. Deshalb ist es notwendig, auch darüber nachzudenken, wie unsere Bewegung in Zukunft Fehler und Verirrungen vermeidet. Was bedeutet die Einhaltung demokratischer Normen in einem Prozess der gesellschaftlichen Umgestaltung? Wie kann man ausschließen, dass sich eine Person über die ganze Gesellschaft stellen und ihr seinen Willen aufzwingen kann?

Lenin selbst war – um Nansen noch einmal zu zitieren – „selbst aufopfernd, er lebte einfach und bescheiden und hat keinen Vorteil für sich selbst beansprucht“. Er wandte sich gerade in seinen letzten Lebensjahren gegen alle Formen des Nationalismus. Auch das ist für unsere Bewegung in diesen Tagen wieder sehr wichtig geworden.

Denn jede grundlegende Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird mit genau denselben Problemen konfrontiert werden, denen sich Lenin und die anderen Revolutionäre in Russland konfrontiert gesehen haben.

Deshalb sieht der bürgerliche Lenin-Biograph Victor Sebestyen Lenin als „in höchstem Maße relevant“. Dabei verweist er auf die aktuelle krisenhafte Entwicklung des kapitalistischen Gesellschaftssystems und betont, dass Lenin seinerzeit „die selben Fragen gestellt hatte, die wir uns heute angesichts ähnlicher Probleme stellen“.

(Unter Verwendung von: Lenin. Dokumente seines Lebens. Ausgewählt und erläutert von Arnold Reisberg. Berlin 1977).

Ein Artikel von Franz Stephan Parteder

20. Januar 2024