Muss man in Zeiten wie diesen den Verstand verlieren?

Wir steuern zunehmend autoritären Verhältnissen entgegen

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„Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn – und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.

Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.“

Mit diesem in Goethes „Faust“ formulierten Schein-Idyll des deutschen Spießbürgers scheint spätestens der diesjährige Sommer einen eindeutigen Bruch zu markieren. Die Welt, so scheint es, gerät zunehmend aus den Fugen, wie die täglich auf uns einprasselnden Nachrichtenmeldungen nahelegen: Die auf den gescheiterten Militärputsch in der Türkei folgende rasant beschleunigte Errichtung eines Regimes nationalistisch-islamistischer Prägung; die Amokläufe in Deutschland sowie die Anschläge in Frankreich, die wiederum dem Vormarsch der rechtsextremen Kräfte in ganz Europa neue Nahrung geben; die Toten, die der seit Jahrzehnten schwelende soziale Krieg und strukturelle Rassismus in den USA hervorbringt – wo wiederum die im Herbst anstehende „Wahl“ zwischen dem Rassisten Trump und der Kriegstreiberin Clinton nichts Gutes verheißen mag. Aber selbst beim Sterben besteht die unterschiedliche Wertigkeit von Menschenleben fort – die Opfer der Anschläge in den vom Imperialismus verheerten Ländern wie dem Irak oder Afghanistan finden ebenso wie die im Mittelmeer ertrinkenden Menschen, die vor Terror, Krieg und neokolonialer Ausplündung fliehen, höchstens Platz in den fünfzeiligen Randspalten der bürgerlichen Medien. Kein Platz bleibt dabei für die unzähligen Opfer westlicher Militärschläge. Das ist praktisch für die herrschenden Eliten. Es erspart ihnen nämlich die Frage, ob denn der Terror in Europa etwas mit jenem Terror zu tun hat, den imperialistische Kriege und Interventionen im Nahen Osten ausgelöst haben – man denke etwa an die über eine Million Menschen, die im Irak seit dem von den Kriegsverbrechern Bush, Blair & Co. begonnenen Feldzug ums Leben gekommen sind.
 

„It’s the economy, stupid.“

Man muss es in dieser Deutlichkeit formulieren: Dieses Wirtschaftssystem tötet. Die Welt(un-)ordnung des globalen Kapitalismus beruht untrennbar auf Gewalttätigkeit. Einer der reichsten Männer der Welt, Warren Buffet, beschrieb diesen Zustand folgendermaßen: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir sind dabei zu gewinnen."

Die Auswirkungen dieses Krieges nach außen sehen wir in der auf ökonomischen Interessen fußende Zerstörung ganzer Erdregionen, die den Menschen in Afghanistan, dem Irak, Lybien oder Syrien unfassbares Leid hinzugefügt hat und diese Länder jeder Perspektive für eine lebenswerte Zukunft beraubt haben.

Über die Gewalttätigkeit dieses Systems nach innen schrieb Bert Brecht einst:

„Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“
 

Der Geist geistloser Zustände

Vergegenwärtigen wir uns diesen Zustand der bestehenden (Un-)Ordnung und fügen wir daran die Marx’sche Erkenntnis, dass es das gesellschaftliche Sein der Menschen ist, welches ihr Bewusstsein bestimmt, kann es nicht weiter überraschen, dass verrückte Zustände eben ver-rückte Antworten (und Handlungen) hervorbringen. Gewalt erzeugt (Gegen-)Gewalt, Hass bringt Hass hervor. Die alltägliche Erfahrung von Ausgrenzung, Entfremdung, Zukunftsangst, Benachteiligung, Konkurrenz, Druck, der tiefgehende Umbruch vermeintlich vertrauter Zustände in unseren Breiten. Oder der nackte Kampf ums Überleben unter den Bedingungen von Krieg, Terror und Elend in anderen Weltregionen. Ohne Einbindung in ein solidarisches Gefüge und ordnende Erklärungsmuster befeuert all das irrationale Denkweisen, Sündenbock-Strategien, Rassismus, religiöse Fundamentalismen, Verschwörungstheorien – zusammengefasst also antihumanistisches, gegenaufklärerisches Denken jedweder Schattierung. Sie werden zum „Geist der geistlosen Zustände“ (Marx) unserer Zeit.

All das ist nicht zu denken ohne die tiefe ökonomische Krise des globalen Kapitalismus. Die Verheerungen und gesellschaftlichen Verwerfungen der neoliberalen Offensive haben materiell und ideell den Boden bereitet, auf dem in ganz Europa Rassismus, Rechtsextremismus und neofaschistische Ideologien heute fröhliche Urständ feiern. Man kann weitergehend die Frage aufwerfen, ob diese nicht gar die ideologische Entsprechung eines sich weiter radikalisierenden ökonomischen Verwertungsregimes sind, das mehr und mehr Menschen überflüssig macht und sich folglich auch geistig von der Vorstellung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte verabschiedet (…die in der Realität ohnehin selten mehr wert waren als das Papier, auf das sie feierlich gedruckt wurden).

Fraglos aber steuern wir zunehmend autoritären Verhältnissen entgegen, da sich die aus der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zwangsläufig ergebenden Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit noch schwerer aufrecht erhalten lässt, wo für mehr und mehr Menschen das kapitalistische Wohlstandsversprechen längst zerplatzt ist wie eine Seifenblase.

An diesem autoritären Gesellschaftsumbau basteln nicht nur Strache, Le Pen und Konsorten, sondern auch Angela Merkel, Jean-Claude Juncker und deren Entourage, die nach dem Brexit-Votum ihre Verachtung gegenüber einem Mehrheitsentscheid kaum verhehlen konnten. Ungeachtet dessen peitschen sie die Freihandelsverträge TTIP und CETA in gewohnt undemokratischer Weise weiter voran – und werden nach der nächsten Abfuhr durch die WählerInnen wieder da stehen wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr los wird. Wo aber der Keim einer fortschrittlichen Alternative zu dieser neoliberalen Politik sichtbar wird, wie im vergangenen Jahr durch das ‚OXI‘ im griechischen Referendum über die Politik der Troika, wird diese von eben jenen Herrschaften mit Stumpf und Stiel ausgerissen.
 

Muss man in Zeiten wie diesen also den Verstand verlieren?

Könnte man, sollte man aber nicht. Der italienische Kommunist Antonio Gramsci schrieb in seinen während der Haft im faschistischen Kerker verfassten ‚Gefängnisheften‘: „Man muss nüchterne, geduldige Menschen schaffen, die nicht verzweifeln angesichts der schlimmsten Schrecken und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens."

Der „Pessimismus des Verstandes“ sagt uns, dass wir uns in den kommenden Jahren wohl auf noch auf viele weitere Schreckensnachrichten sowie auf gesellschaftliche Erschütterungen ungeahnter Weise einstellen müssen. Der „Optimismus des Willens“ muss zugleich die Bereitschaft wecken, dem Lauf der Dinge nicht länger passiv zuzusehen, sondern in die Verhältnisse einzugreifen. „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, betitelte Francisco de Goya eines seiner Werke – folgerichtig braucht es gerade in Zeiten wie diesen einen Aufstand der Vernunft.

In ihrer Rede auf der 1. Mai-Demonstration formulierte die nunmehrige Grazer Vizebürgermeisterin Elke Kahr die Haltung der KommunistInnen folgendermaßen:

„Wir sagen, dass es auf dem Weg zu einer wirklichen politischen Alternative keine Abkürzung gibt. Wir haben ein Ziel vor Augen. Es heißt soziale Gerechtigkeit und Solidarität, es heißt Arbeit, Frieden und Neutralität. Wir wollen den Menschen Halt und Hoffnung geben. Hass und Hetze dürfen nicht die Oberhand behalten. Es muss für die Menschen bei uns und weltweit wieder ein Leben ohne Angst und Unsicherheit geben.“

Dabei haben wir keine Zeit uns in Wehklagen über den Zustand der Welt zu verlieren. Wenn all jene, die in tiefer Sorge über die unzähligen Krisen unserer Tage sind, die ZuschauerInnen-Tribüne verlassen und auf das Spielfeld der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen drängen, haben wir die Chance, dort etwas zu erreichen. Spielen nämlich dort weiterhin nur die neoliberalen Eliten sowie rechtsextreme und fundamentalistische Kräfte, wird die Mehrheit der Bevölkerung weiter verlieren und das Verhängnis seinen Lauf nehmen. Freilich braucht es für ein erfolgreiches Spiel aber auch eine vernünftige Taktik, deren Eckpunkte hier kurz umrissen werden sollen:
 

Eine nützliche Kraft im täglichen Leben.

Die hiesige Linke braucht gewissermaßen eine ‚materialistische Wende‘, die einen Abschied von der falsch verstandenen (Selbst-)Identitätspolitik der letzten Jahr(zehnt)e markiert.  Klassenkampf ist keine zuerst auf der Ebene der Ideen ausgetragene Veranstaltung, sondern muss von den materiellen Interessen und sozialen Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit ausgehen, diese artikulieren und vertreten sowie diese mit einem fortschrittlichen Politikverständnis und einer ebensolchen Gesellschaftsveränderung verbinden.
 

Die Welt verständlich machen.

Die vielfältigen Krisen unserer Tage und gesellschaftlichen Umbrüche mit all ihren täglich erlebbaren sowie medial vermittelten Folgen, lösen bei nicht wenigen Menschen geradezu eine Endzeit-Stimmung aus. Die Welt, das Weltgeschehen und die dahinterstehenden Mechanismen gelten als schleierhaft oder gänzlich undurchschaubar. Daraus folgt die Hinwendung zu Verschwörungstheorien sowie rassistisch oder fundamentalistisch aufgeladenen „Welterklärungsmodellen“. Kriege, Terror, Fluchtursachen, Armut oder Arbeitslosigkeit fallen aber nicht vom Himmel, sondern haben Ursachen und Verursacher – die es zu benennen gilt.
 

Ein neues Wir-Gefühl schaffen.

Es gibt keinen wirksameren Schutz gegenüber rechten Parolen, als wenn Menschen gemeinsam für ihre sozialen Interessen eintreten. Wer im Alltag die spätkapitalistischen Gesellschaften eigene Vereinzelung und Atomisierung sozialer Bindungen hinter sich lassen kann und das Gefühl von Solidarität und Zusammenhalt erfährt, ist nicht auf einen „starken Mann“ angewiesen, sondern kann Selbstvertrauen schöpfen, gemeinsam mit anderen zum Subjekt der eigenen Geschichte zu werden.
 

Eine andere Welt ist möglich.

Die neoliberalen Eliten setzen alles daran, ihre Herrschaft und die „Logik“ des Marktes als geradezu naturgegebenen Zustand zu verschleiern. Die Rechten folgen diesem Denken, locken aber mit dem „Versprechen“, dass es, wenn sie erst an der Macht sind, den „Anderen“ noch schlechter ergehen wird, als den „Eigenen“. Fortschrittliche Politik muss dem entgegenhalten, dass es angesichts des enormen gesellschaftlichen Reichtums und der Höhe der technischen Entwicklung eine grundlegende Alternative zu dieser Politik gibt, die das Leben für alle Menschen besser machen kann.

Und eben das im täglich Einsatz für die sozialen Interessen erfahrbar machen.

28. Juli 2016