Krise ist immer

Oder: Warum Marx not tut

Widerlegen konnte man ihn nicht. Jetzt kann man ihn nicht einmal mehr unter den Teppich kehren. An Karl Marx kommt niemand mehr vorbei. Zu recht. — von Hanno Wisiak

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Karl Heinrich Marx (1818—1883) als Linolschnitt

Die tiefe Krise, in die der Kapitalismus 2008 geschlittert ist und die er nicht und nicht bewältigen kann, hat Ursachen. Und die liegen im Wesen des Systems selbst begründet, weil es daran krankt, dass der Reichtum zwar gesellschaftlich produziert, aber nur von wenigen eingestreift wird. Wie aktuell Marxens Analysen sind, zeigt die Betrachtung der (all-)gegenwärtigen Krise und ihrer Entstehungsgeschichte.

"die wahre Schranke des Kapitalismus"
Blick zurück: Der in den 1950ern einsetzende ökonomische Nachkriegsaufschwung ermöglichte einen steten Zuwachs des Lebensstandards in den Ländern des kapitalistischen Westens. Unter dem Eindruck der Systemkonkurrenz mit den Ländern des realen Sozialismus wurde das aufgebaut, was als Sozial- oder Wohlfahrtsstaat in die Geschichtsbücher einging und für das politische (Selbst-)Verständnis einer ganzen Generation konstitutiv wurde. Staatliche Transferleistungen wurden auf- und ausgebaut, und die Löhne und Gehälter stiegen an. Die in der boomenden Industrie produzierten Gebrauchsgüter stießen auf kaufkräftige Nachfrage.
Die wirtschafts- und sozialpolitische Grundlage dieser Entwicklung wird als "Keynesianismus"(1) bezeichnet. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass Krisen durch einen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit verhindert werden könnten. Ihren politischen Ausdruck fand diese Konzeption in der sogenannten "Sozialpartnerschaft".
Die rasante Produktivkraftentwicklung, die enormen Fortschritte in Wissenschaft und Technik machten es möglich, dass immer mehr Güter mit immer weniger Arbeitsaufwand hergestellt werden konnten. Weil im Kapitalismus aber nicht der Mensch, sondern der Profit das Maß aller Dinge ist, wurde der Produktivitätszuwachs nicht etwa dazu genutzt, die Arbeitszeit zu verkürzen, sondern immer mehr Menschen auf die Straße zu setzen.
"Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion", betont Marx im Dritten Band seines Hauptwerks, "ist das Kapital selbst […] Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandnen Kapitals."(2)
Neue Industriezweige, wie etwa die Mikroelektronik, schufen weit weniger Arbeitsplätze, als die Anwendung neuer Technologien vernichtete. Die Prosperitätsphase des Nachkriegskapitalismus endete in einer veritablen Überproduktionskrise.

Der neoliberale Turn
Um den Karren aus dem Dreck zu ziehen und die Realisierung von Profiten weiter zu gewährleisten, wurde ein anderes Akkumulationsregime zur Notwendigkeit. Umschrieben wird es mit dem Begriff "Neoliberalismus". Dazu zählt ein ganzes Arsenal von Maßnahmen: von der Privatisierung der öffentlichen Grundversorgung, über Deregulierung und die Rücknahme staatlicher Investitionen und Steuerungen bis hin zum Abbau sozialer Sicherungssysteme.
"Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut" und "Weniger Staat, mehr privat" waren die ebenso platten wie irrigen Parolen. Der Staat wurde dabei nämlich keineswegs weniger. Er sollte vielmehr ausschließlich dem Kapital dienen und dafür sorgen, dass es die besten Verwertungsbedingungen vorfand.

Die Dialektik von Überproduktion und Spekulation
Die sinkenden Reallöhne hatten zur Folge, dass die Nachfrage nach all den produzierten Waren zurückging. So war es für das Kapital nicht mehr profitabel genug, in die Produktion von Gütern zu investieren. Das Finanzkasino wurde aufgebaut. Diese "Finanzialisierung" war auch nötig, um der maroden "Realwirtschaft" auf die Sprünge zu helfen. Ohne die Spekulationsblase bei der IT-Branche etwa wäre die Wirtschaft viel früher zusammengekracht. Diesen Mechanismus haben Marx und Engels schon in den 1850ern nachgewiesen:
"Die Spekulation tritt regelmäßig ein in den Perioden, wo die Überproduktion schon in vollem Gange ist. Sie liefert der Überproduktion ihre momentanen Abzugskanäle, während sie eben dadurch das Hereinbrechen der Krise beschleunigt und ihre Wucht vermehrt. Die Krise selbst bricht zuerst aus auf dem Gebiet der Spekulation und bemächtigt sich erst später der Produktion. Nicht die Überproduktion, sondern die Überspekulation, die selbst nur ein Symptom der Überproduktion ist, erscheint daher der oberflächlichen Betrachtung als Ursache der Krise. Die spätere Zerrüttung der Produktion erscheint nicht als notwendiges Resultat ihrer eignen vorhergegangenen Exuberanz [Überfluss, Anm. hw], sondern als bloßer Rückschlag der zusammenbrechenden Spekulation."(3)

"die Sache an der Wurzel fassen"
Der Grund für die Krise ist also nicht die Spekulation und schon gar nicht die „Gier“ einiger "Spekulanten". Eine Trennung von "Finanz-" und "Realwirtschaft" ist ebenso oberflächlich, wie unsinnig. Sie lenkt nur – wie das die nazistische Propaganda vom "raffenden" und "schaffenden Kapital" in zugespitzter Art tat – davon ab, wo der Hund tatsächlich begraben ist. Produktion und Finanzwirtschaft sind nämlich nicht voneinander zu trennen. Industrie und Banken sind längst miteinander verschmolzen.
Es reicht nicht aus, an diesen oder jenen Auswüchsen des Kapitalismus Kritik zu üben. Er muss in seiner Gesamtheit infrage gestellt werden. Der Marxismus ist dabei nicht nur eines der wichtigsten analytischen Werkzeuge gesellschaftlicher Phänomene und der ihnen zugrunde liegenden ökonomischen Basis. Er ist vor allem Mittel zur Überwindung eines genuin entmenschlichten und perspektivenlosen Systems. Schon der junge Marx hält gleichsam programmatisch fest:
"Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen, Anm. hw] demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen."(4)

 

(1) Benannt nach dem britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883—1946)

(2) Karl Marx, Das Kapital. Dritter Band, In: MEW Bd. 25, S. 260.

(3) Karl Marx/Friedrich Engels, Revue, In: MEW Bd. 7, S. 421.

(4) Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, In: MEW Bd. 1, S. 385.

Erscheint in der #21 der ROTCROWD, der Zeitung des KSV Graz

22. August 2013