Kapitalismus und Krise: Kracht es bald wieder?

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„Während die Vermögen wachsen, sinkt die Kaufkraft. Hatte die keynesianistische Epoche das Problem stetig steigender Warenberge, die keine Käufer fanden, ist der Neoliberalismus mit Bergen von Kapital, das immer weniger Anlagemöglichkeiten – zu für Kapitaleigner annehmbaren Renditen – findet, konfrontiert“, erklärte Werner Murgg beim Karl-Marx-Kongress am 5. Mai 2018 in Graz.

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Um die Zukunft mit einer gewissen Plausibilität vorhersagen zu können, braucht man Klarheit darüber, welche Krise wir in den Jahren 2007ff. tatsächlich erlebt haben; wir müssen die tieferen Ursachen der Krise ergründen, wir müssen aufspüren, um welche Krise – sie ist in Wahrheit ja nicht bereinigt, sondern gärt unter der Oberfläche weiter – es sich handelt.

An den Beginn meiner Ausführungen möchte ich ein Zitat stellen. Raten Sie, von wem dieses Zitat stammt. Es ist einem Kommentar in der Kronen Zeitung vom 4. Mai 2009 entnommen. Dort heißt es u.a.:

„...Die Krise ist tiefer als befürchtet, sie wird länger dauern als angenommen und es wird keinen leichten Weg raus gebe. Schritt zwei wäre: zu begreifen, dass wir eine Strukturkrise, keine Konjunkturkrise haben. Das heißt, wir erzeugen zu viele Produkte, die vom Markt dauerhaft nicht mehr nachgefragt werden. Ein Durchtauchen mit Schuldenmachen geht also nicht...“

Derselbe Autor meint zu dieser Krise zwei Jahre später, in der Kleinen Zeitung am 16. September 2011:

„...Wir sind nie so richtig aus der Krise herausgekommen, dass man sagen kann, diese Krise ist beendet. Es war ja nicht nur eine Krise der Realwirtschaft, sondern auch eine Strukturkrise, eine Finanzkrise, ja man kann von einer Systemkrise sprechen...“

Der Autor dieser Zeilen ist niemand geringerer als der damalige Präsident der steirischen Industriellenvereinigung, Jochen Pildner-Steinburg.

Pildner-Steinburg hat Recht: Es handelt sich bei der Krise 2007ff. um eine tiefe Akkumulationskrise, um eine Strukturkrise der sogenannten „Realwirtschaft“, nicht um eine reine Finanzkrise, welche die Realwirtschaft erfaßt hat, wie uns Medien immer noch vorzugaukeln versuchen. Es handelt sich nicht nur um eine zyklische Krise, sondern um eine Krise des kapitalistischen Akkumulationsregimes. Durch extrem billiges Zentralbankgeld wird die Krise derzeit verschleiert, so daß man zu Recht von einer Scheinkonjunktur sprechen kann.

Blick zurück

Blicken wir zurück: Nach 1945 gab es – grob gesprochen – in der kapitalistischen Welt zwei Akkumulationsmodelle:
1946 bis ca. 1975 ein Modell, welches man mit Keynesianismus bezeichnen kann.
1975 bis zur Krise 2007ff. das neoliberale Modell.
Ich behaupte, dieses Modell ist seither ökonomisch tot, lebt aber im ideologischen Überbau mangels Alternativen weiter. Wir müssen noch einmal zurückblicken: Der Neoliberalismus entstand als Folge einer fundamentalen Krise der Kapitalverwertung der warenproduzierenden Weltwirtschaft im Zeitalter des Keynesianismus. Was meine ich? Der theoretische Kern des Keynesianismus besagt: Krisen resultieren nicht aus Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Produktion, sondern haben „psychologische Faktoren“, wie den „Hang zum Sparen“. Tatsächlich war es eine Zeit lang möglich unter Bedingungen des wirtschaftlichen Aufschwungs, im Rahmen einer nachholenden Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. des durch den „Realsozialismus“ dem Kapitalismus zumindest in Westeuropa aufgezwungenen Klassenkompromisses, Grundwidersprüche des Kapitalismus durch staatlich gefördertes Wachstum zu überspielen; es gelang Löhne ohne gleichzeitiger Schmälerung der Unternehmensprofite zu erhöhen. 1950 bis ca. 1970 erlebten wir in den entwickelten Industriestaaten Westeuropas ein rasantes ökonomisches Wachstum. Es herrschte Vollbeschäftigung, neue Lebensbereiche wurden der Kapitalverwertung erschlossen, neue Werkstoffe entstanden, es kam zur Ausweitung der Konsumgüterindustrie. Begriffe wie Massenmobilität wurden Allgemeingut. Die sich ausweitende Fließbandproduktion erzeugte Massenwaren, die wegen hoher Löhne massenweise Konsumenten fanden. Diese nachfrageorientierte Politik sorgte dafür, massenhaft hergestellte Güter mit einer massenhaft kaufkräftigen Nachfrage in Einklang zu bringen. Die Arbeiterklasse konnte erstmals in ihrer Geschichte über den Erwerb von Gegenständen des existenzsichernden Bedarfs an der Wohlstandsproduktion teilhaben.

Modell scheiterte Mitte der 70er

Das oben beschriebene Modell kam ab Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in die Krise. Zwei Gründe waren dafür ausschlaggebend: Einerseits erschöpfte sich das Wachstum, die Märkte waren im Wesentlichen erschlossen. Andererseits stieg die Produktivität schneller als die Ausweitung der Produktion und damit der Zunahme der Arbeitsplätze. Das hatte eine wegbrechende Massenkaufkraft zur Folge. All das führte zum Rückgang der Profite. Kurz: Eine gleichzeitige Erhöhung von Profiten und Masseneinkommen – wie in der Hochblüte des Keynesianismus – ließ sich nicht mehr realisieren. Der Keynesianismus geriet in eine Doppelmühle: Mehr Lohn war nur mehr auf Kosten der Profitraten der Kapitaleigner möglich. Anders herum konnte die Stabilisierung des aus den Arbeitskräften herausgezogenen Mehrwertvolumens auf hohem Niveau langfristig nur durch eine Reduktion der Masseneinkommen verwirklicht werden.

Angesichts dieses strategischen Dilemmas griff die Kapitalseite zum reaktionären Ausweg: Ein neues Akkumulationsregime, der Neoliberalismus, setzte sich durch. Gekennzeichnet ist dieses Modell von einer Dominanz der Finanzmärkte. Der Staat folgt den Konzepten des Finanzkapitals und stellt die Weichen neu. Deregulierung der Finanzmärkte und eine Erweiterung der Freihandelszonen waren die Stichworte. Die Rolle des Staates wurde neu bestimmt. Er tritt als Deregulator in Erscheinung. Die spätere EU wurde zum Prototyp dieser neoliberalen Maschinerie.

Fünf Merkmale

  1. Fünf Merkmale definieren das neoliberale Akkumulationsregime.
  2. Es zielt radikaler als der Keynesianismus auf die Erhöhung der Kapitalrendite. Als Hebel werden verwendet: Eine Schwächung der Gewerkschaft, Lohndruck, kurz Maßnahmen um die Mehrwertrate zu erhöhen.
  3. Die nationalen Schranken für den Waren- und Kapitalverkehr werden eingeebnet, was stärkere Kapitale bevorzugt.
  4. Die transnationalen Konzerne bauen weltweite Produktionsverbünde auf, wodurch Arbeitskräfte und Ressourcen weltweit billig eingekauft werden können.
  5. Im Zentrum, in den USA, der EU und Japan, entsteht ein rasant wachsender, überdimensionierter Finanzsektor.
  6. Die Finanzspekulation wird für die Konzerne zu einem zentralen Instrument der Kapitalverwertung. In deren Folge kommt es zu einer gewaltigen Überakkumulation von Kapital.

Die Widersprüche verschwinden allerdings nicht: Während die Vermögen wachsen, sinkt die Kaufkraft. Hatte die keynesianistische Epoche das Problem stetig steigender Warenberge, die keine Käufer fanden, ist der Neoliberalismus mit Bergen von Kapital, das immer weniger Anlagemöglichkeiten – zu für Kapitaleigner annehmbaren Renditen – findet, konfrontiert. Wir sind wieder bei 1975 gelandet: Es gibt eine Überakkumulation von Kapital bei einer Unterkonsumtion der Haushalte!

Tendenzieller Fall der Profitrate

Der entscheidende Antrieb kapitalistischer Produktion ist und bleibt die bestmögliche Verwertung des eingesetzten Kapitals. Als Maßstab dafür dient die Profitrate oder, wie es bürgerliche Ökonomen ausdrücken, die Kapitalrendite. Marx nannte die Profitrate nicht zu Unrecht den „Stachel der kapitalistischen Produktion.“ Da sind wir bei dem, was Marx das wichtigste ökonomische Gesetz nannte: dem tendenziellen Fall der Profitrate. Auch kluge bürgerliche Ökonomen kommen an diesem Gesetz nicht vorbei. So meint Hans Werner Sinn in der FAZ am 5. Dezember 2014 u.a.: „...Es liegt auch an der Krise an sich und am Sparüberschuss. Es gibt eine gewisse Erschöpfung der Investitionsmöglichkeiten. Das alte Problem, das schon Marx mit dem „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“ beschrieben hat, spielt eine Rolle.“ Worum geht es im Kern?

Es besteht ein konkurrenzbedingter Zwang zur Erneuerung der Produktionsmittel, der Maschinen etc., ohne daß diese technisch bereits verschlissen wären. Marx zerlegt das Kapital in das variable Kapital (v) – es zeigt die Kosten für die Arbeitskraft an – und in das konstante Kapital (c), die Kosten für Maschinen, Anlagen etc. Nun wird die Mehrwertrate (m’), wir könnten auch Ausbeutungsrate sagen, definiert als m’ = m/v. Es zeigt das Verhältnis des Mehrwertes m zum eingesetzten variablen Kapital an; man könnte auch sagen das Verhältnis der Mehrarbeits-(zeit) zur notwendigen Arbeitszeit.

Wird die Produktivität durch neuartige Produktionsmittel gesteigert, ein im Konkurrenzkampf der Kapitale notwendiger Vorgang, erhöht sich damit das konstante Kapital im Verhältnis zum variablen Kapital bezüglich seiner Gesamtzusammensetzung. Mehr und teurere Maschinen schlagen bei c zu Buche. Wir sagten bereits. Der Kapitaleigner orientiert sich an der Profitrate (p’). Diese wird folgendermaßen definiert: p’ = m/v+c. Sie definiert das Verhältnis des Mehrwerts zum gesamten eingesetzten Kapital, im Unterschied zur Mehrwertrate (m’), die lediglich das Verhältnis des Mehrwerts zu den Kosten der lebendigen Arbeitskraft definiert.

Profitrate sinkt

Zwei Voraussetzungen sind zum Verständnis des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate wichtig: Lediglich die lebendige Arbeit, der Faktor v, erzeugt Mehrwert. Und im permanenten Prozeß der Kapitalvermehrung steigt die „organische Zusammensetzung“ des Kapitals, c wächst stärker als v. In der Folge sinkt p’.

Das tritt allerdings nicht ein, wenn die Mehrwertrate in einer solchen Relation steigt, welche die Erhöhung des konstanten Kapitals c innerhalb der Profitrate zu kompensieren vermag. Das heißt, wenn die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft zunimmt; die Mehrarbeit an der Gesamtarbeit muß so stark wachsen, daß die Zunahme des für c verausgabten Kapitals ausgeglichen wird. Das Kapital ist natürlich bemüht, die Ausbeutung permanent zu steigern, wie wir laufend erleben; siehe Flexibilisierung der Arbeitszeit etc. Aber die Ausbeutung kann natürlich nur bis zu einem gewissen Grad gesteigert werden; die Reproduktionsfähigkeit der Arbeitskraft muß schließlich erhalten werden. Deshalb versucht das Kapital dem Fall der Profitrate auch durch andere Wege auszuweichen. Unter anderem, indem versucht wird, die absolute Masse des Profits zu erhöhen. Aber: Steigt die Profitmasse trotz fallender Profitraten entwickelt sich ein wachsender Kapitalüberschuß. Dieser zeigt letztlich die Schranken der kapitalistischen Produktion an, die mit der Entwicklung der Kapitalverwertung massiver werden. Wie sich empirisch belegen läßt, sind die Profitraten in allen entwickelten kapitalistischen Ländern seit der Krise 1975 tendenziell gefallen. Mit diesem nicht mehr verwertbaren Kapitalüberschuß sind wir heute weltweit konfrontiert. Daher rühren auch die Nullzinsen, denn auch im Finanzsektor sinkt die Profitrate. Der Gewinn bezogen auf das Eigenkapital, die Eigenkapitalrendite, ist die wichtigste Kennziffer des Bankgeschäfts. Sie bemißt sich aus dem Verhältnis von Jahresüberschuß vor Steuern zum Eigenkapital. Diese Eigenkapitalrendite deutscher Banken, in anderen Ländern verhält es sich ähnlich, ist seit 1983 von ca. 16 Prozent auf ca. 7 Prozent gesunken. Seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts versucht das Kapital vermehrt im deregulierten Finanzsektor neue Anlageformen zu erdschließen, um die Profitraten weiterhin auf gewünschter Höhe realisieren zu können. In der „Realwirtschaft“ erzielte Profite wandern vermehrt in den Finanzsektor. Dadurch stieg das Geldvermögen sprunghaft an. Allerdings handelt es sich dabei um fiktives Kapital.

Fiktives Kapital

Was ist fiktives Kapital? Fiktives Kapital resultiert aus fiktivem Profit. Das ist Profit, der erzielt wird, ohne daß ihm eine reale Produktion von Wert und Mehrwert entspricht. Aber genau das ist bei bestimmten Finanzoperationen der Fall. Ein Beispiel: In der kapitalistischen Produktion wird ein erheblicher Teil des erzeugten realen Profits, der von den Lohnarbeitern erzeugte Mehrwert, von den Aktionären als Dividende realisiert. Das ist nicht fiktiver Profit. Erwirbt hingegen jemand Aktien mit dem Ziel sie bei höherem Kurswert mit Gewinn zu veräußern, ist dieser Spekulationsgewinn fiktiver Profit. Dabei wird am Finanzmarkt aus Geld unmittelbar Mehrgeld gemacht. Ihm entspricht kein realer Wert, es ist parasitär. Fiktives Kapital ist (Geld-)kapital, dessen Eigner Profit erzielt nicht indem er es dem Wertbildungsprozeß zuführt, sondern indem es an Transaktionen beteiligt ist, deren Profite als Abzüge vom gesellschaftlichen Mehrwert zu verstehen sind. Man könnte umgangssprachlich auch sagen: der Spekulant zweigt seinen Gewinn parasitär aus der von der gesamten Gesellschaft erwirtschafteten Mehrwertmasse.

Sobald jedoch eine nennenswerte Zahl von Inhabern fiktiven Kapitals reales Geld sehen will, ist der Augenblick gekommen, wo die Blase platzt. Fiktives Kapital stellt sich dann als das heraus, was es ist - eine Fiktion! Das haben wir in den Jahren 2007 folgende erlebt und das werden wir in (absehbarer?) Zukunft wieder erleben. Damit bin ich bei der Beantwortung der eingangs gestellten Frage. Wobei, auch das haben wir behandelt, die Ursachen der Umleitung von
Kapital in die Finanzsphäre aus den sich sukzessive verschlechternden Verwertungsbedingungen des Kapitals in der Realwirtschaft resultieren.

Ausweg dritter Kondratieff?

Als Ausweg erscheint vielen ein dritter Kondratieff. Was ist darunter zu verstehen? Der sowjetrussische Ökonom Kondratieff hat in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Theorie der langen Wellen entwickelt. Diese besagt verkürzt folgendes: Strukturelle Überakkumulationskrisen treten dort auf, wo längere Perioden kapitalistischer Akkumulation auslaufen, welche mit einer bestimmten technologischen Innovation verbunden waren. Nach Kondratieff bildet sich am Ende einer solchen langen Welle eine neue Basisinnovation heraus, die zum Motor der nächsten langen Welle, des nächsten langen Aufschwungs wird. Der sowjetrussische Ökonom hatte bei seinen Überlegungen die beiden Überakkumulationskrisen des 19. Jahrhunderts vor dem empirischen Auge, die durch die Innovation der Eisenbahn Ende der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts bzw. durch die chemische respektive Elektroindustrie Ende des 19. Jahrhunderts in Aufschwungphasen übergeleitet wurden. Die große Depression der späten 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, obwohl von Kondratieff selbst nicht mehr analysiert, wurde von der langen Welle des fordistischen Aufschwungs abgelöst. Manche Ökonomen erwarten in der sogenannten „green economy“ den nächsten Kondratieff-Zyklus und damit einen Ausweg aus den Verwertungsproblemen des Kapitals. Ich halte das für Phantasterei! Warum? – Die historischen Aufschwungphasen waren immer davon begleitet, daß massenweise Menschen in den Arbeitsprozeß gesaugt wurden und damit nachfragekräftige Kaufkraft entstand. Heute ist das anders. Durch die immens gestiegene Produktivität führt die Ausweitung der Produktion nicht mehr zu einer Ausweitung der Beschäftigung. Diesem Dilemma wird sich der Kapitalismus auf Dauer nicht entziehen können.

Dr. Werner Murgg ist Abgeordneter zum Steiermärkischen Landtag, Stadtrat in Leoben und Sprecher der KPÖ Steiermark.

24. Juli 2018