Franz Joseph: Touristenmagnet mit Schattenseiten

Franz Stephan Parteder über den „ewigen Kaiser“

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Foto: Dorotheum

Österreich hat einen „ewigen Kaiser“: Franz Joseph. Das Bild des gütig blickenden alten Herrn in der Hofburg wird zu seinem 100. Todestag am 21. November wieder einmal aufpoliert. Schließlich ist er ein Tourismusmagnet. Dass sich hinter diesem Bild ein autoritär regierender reaktionärer und im Privaten kaltherziger  Monarch verbirgt, das erfährt man höchstens in wissenschaftlichen Fachpublikationen.

Aber schon das Bild, das vor unserem inneren Auge entsteht, wenn wir an Franz Joseph denken, ist nicht naturgewachsen. Es war und ist das Ergebnis der Arbeit von Werbefachleuten und von dem, was wir heute Spindoktoren nennen. Berichte über die Habsburger und Bilder des Kaisers durften nämlich nur erscheinen, wenn sie von höchster Stelle genehmigt worden waren. Und in den Jahren der Agonie des Habsburgerreiches vor dem ersten Weltkrieg sollte das Bild des alten Kaisers, dem nichts erspart blieb, den Zusammenhalt sichern. Was man später und in ganz anderen Zusammenhängen Personenkult nennen sollte, wurde rund um den angeblich gütigen alten Mann in der Hofburg und in Schönbrunn auf die Spitze getrieben.

Und es hat gewirkt; bis in republikanische Zeiten. Die TV-Verfilmung des Romans Radetzkymarsch von Joseph Roth wurde im Jahr 1964 zum Skandal, weil der Kaiser darin im Nachthemd und als seniler alter Mann gezeichnet wurde. Nichts durfte und darf das Image stören. Schließlich lässt sich damit gutes Geld verdienen. Und die Schattenseiten des monarchistischen Systems können so verdrängt werden.

Drakonische Mittel

Dieses Bild wurde seinerzeit mit drakonischen Mitteln durchgesetzt. Jede Kritik am Kaiser und am Herrscherhaus war verboten. Schließlich war der Herrscher in der gültigen Verfassung von 1867 jeder rechtlichen Verantwortung entzogen. Zum Ausdruck kam das im Artikel 1 des Staatsgrundgesetzes über die Ausübung der Regierungs- und Vollzugsgewalt mit den Worten: „Der Kaiser ist geheiligt, unverletzlich und unverantwortlich.“ Wer die dem Kaiser schuldige Ehrfurcht auf irgendeine Weise vorsätzlich verletzte, machte sich des Verbrechens der Majestätsbeleidigung, schuldig (§ 63 StG. Höchststrafe fünf Jahre schwerer Kerker). In der zeitgenössischen Literatur finden sich zahllose Belege dafür, wie exzessiv diese Bestimmungen ausgenützt wurden.

Ein weiteres Vorrecht des Kaisers, das durch keine parlamentarische Hürde gehemmt wurde, war die Erklärung eines Krieges. Und es war niemand anderer als Kaiser Franz Joseph, der durch seine Kriegserklärung an Serbien am 28. Juli 1914 den Mechanismus in Kraft setzte, der zum Weltkrieg mit seinen riesigen Menschenopfern führte. Der ORF sieht im Entschluss zum Krieg eine Mischung aus Kriegslust, politischem Leichtsinn, fatalen Fehleinschätzungen und konstruierten Fakten. Die Behauptung, dass Franz Joseph eigentlich nicht für den Krieg gewesen wäre, hat sich, wie Historiker nachgewiesen haben, als Legende herausgestellt. Der Kaiser war keine Operettenfigur, wie sie im „Weißen Rössl am Wolfgangsee“ auftaucht, sondern einer der Verantwortlichen für das erste große Völkergemetzel im 20. Jahrhundert.

80.000 Opfer

Und die Verordnungen, die den Ausnahmezustand begründeten, hat niemand anderer als Franz Josef im Juli/August 1914 unterzeichnet. Die schärfste Periode der Kriegsdiktatur fiel gerade in seine Regierungszeit und in seinem Namen wurden an die 80.000 Menschen durch oft hemmungslose Rechtsbeugungen zum Tode verurteilt, hingerichtet oder brutalen Repressalien ausgesetzt, wie der Historiker Hans Hautmann betont.

Das ist ihm auch heute vorzuwerfen. Dass sich bei ihm frömmelnder Katholizismus mit Doppelmoral in Fragen der Sexualität verbunden haben, dass auch sein Image der persönlichen Bescheidenheit nicht mit dem ungeheuren Reichtum der Habsburger in Einklang zu bringen ist, das ist angesichts dessen weniger schwerwiegend.

Aber es gab Gründe, warum es im Jahr 1918 zur Revolution gegen die Habsburger kam. Die dunkle Seite des alten Kaisers war einer davon.

21. November 2016