Die Revolution und das Prinzip Hoffnung

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„Wo also die Vorstellung eines besseren, schließlich wohl vollkommenen, da findet Wünschen statt, gegebenenfalls ungeduldiges, forderndes“, so Ernst Bloch.1

Am Beginn jeder bewussten Veränderung steht der Wunsch nach Verbesserung. Zuerst macht er sich individuell bemerkbar. Und zwar als das Interesse, die eigene Situation erträglich und endlich lebenswert zu gestalten. Wenn dies aber der individuelle Wunsch vieler ist, dann wird er schließlich zum kollektiven Verlangen.

Das kollektive Verlangen als Triebkraft der Oktoberrevolution, die sich heuer zum hundertsten Mal jährt, hatte sicher wenig mit einem voll ausgeprägten Bild der neuen perfekten Welt, also kaum etwas mit Sozialismus unmittelbar, zu tun. Es waren die einzelnen elementaren Bedürfnisse der Individuen, die als Triebkräfte wirkten. Wie zum Beispiel jene nach Brot und Kleidung sowie nach Beendigung eines für das Volk desaströsen Krieges: Sich satt essen, es warm haben und die Männer daheim in Arbeit stehend, so sollte es sein.

Ungefähr dergestalt sah die „reale Utopie“ der Massen auch aus. Eng an solche, recht profane Vorstellungen knüpfte die absolute Notwendigkeit der Befreiung von der zaristischen Knute. Ganz dieser Anschauung entsprach eben die achte von Lenins berühmten Aprilthesen: „Nicht ‚Einführung‘ des Sozialismus als unsere unmittelbare Aufgabe, sondern augenblicklich nur Übergang zur Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Erzeugnisse durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten“2, heißt es dort. Als Ziel einer Sowjetregierung formulierte er im Mai 1917: „[…] in breitem Maße, zunächst im Gebietsmaßstab und dann im Maßstab des gesamten Landes, den Austausch von landwirtschaftlichen Geräten, Kleidung, Schuhwerk usw. gegen Getreide und andere landwirtschaftliche Produkte in die Wege zu leiten.“

In erster Linie ging es, wie sich daraus ergibt, um die gerechte und uneigennützige Verteilung dessen, was so bitter fehlte: Die Güter des Grundbedarfs. Selbst gegen die zu dieser Zeit von Trotzki propagierte Forderung „Fort mit dem Zaren, her mit der Arbeiterregierung!“ stellte sich Lenin. Vor allem aus zwei Gründen: Weil sie die demokratischen Forderungen, in denen die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung zum Ausdruck kamen, ignorierten und die Arbeiterklasse der ärmsten Bauernschaft entgegen stellte, was natürlich die Gefahr einer Entzweiung des Volkes implizierte.3

Es war also vielmehr das Nicht, der Mangel an etwas als die positive Vorstellung davon, wie etwas beschaffen sein sollte, die treibende Kraft der Revolution. Im Vordergrund stand die Flucht aus diesem Mangel, das schlichte Begehren nach dem was fehlt. Ein Nicht im Sinne von Nicht-Haben steht am Anfang jeder Bewegung nach Etwas und sohin ist kein erstrebenswertes Etwas das eigentliche Movens. Die Realität eines Nicht impliziert hier die Vorstellung eines besseren als das Nicht.

Genau dieses Nicht, das Unausgefüllte, ist es aber auch, das eine bestimmte Gestaltungsfreiheit gibt. Eine Offenheit für ein noch nicht genau definiertes, nur vage in der Vorstellung vorhandenes Etwas; für den Prozess also, der von der bloßen Vorstellung eines besseren Daseins zu dessen Verwirklichung und immer prononcierteren Konkretisierung führt. Dass diese Offenheit aber nicht nur eine Chance, sondern ebenso ein Gefahr darstellt, beweist das späte Schicksal der Oktoberrevolution, deren Bedeutungsgehalt sich immer mehr vom Konkreten zum Abstrakten verschob. Eine Bewegung, in der die Revolution ihren Realitätskern verlor und so – im hegelschen Sinne – immer unwirklicher, weil unvernünftiger wurde.

Erst recht spät, als die gewöhnlichen und daher realen Ziele aus den Augen kamen und das Hoffen auf ein abstraktes und unbelebtes Ideal, bezeichnet als Sozialismus, abgelenkt wurde, begann diese Entfremdung zwischen Menschen und Revolution. Sie hatte mehrere Gründe. Einer davon ist, dass ein Ideal immer den Akzent von Vollkommenheit in sich trägt und diese per se unerreichbar ist – das bedeutet ein unüberwindliches Hindernis für aktives Streben und Wollen. Weil das Ideal aber in diesem Sinne menschlicher Gestaltung entzogen bleibt, gewinnt es dinglichen Charakter und wird dem Menschen fremd. Nimmt man ihn als Ideal, gilt das selbstverständlich auch für den Sozialismus.

Es war dies eine Entfremdung, deren letztendliche Konsequenz schließlich 1990 in der wirklichen Beseitigung des immer mehr unwirklich gewordenen Ideals – eines Sozialismus, der in vielerlei Hinsicht nur dem Worte nach einer war – bestand. Der fordernde Bann des Ideals findet, wie Bloch sagt, eben „nur durch Katastrophen eine Heilung; und auch dann nicht immer“4. Das umso mehr, als der Sozialismus der östlichen Vulgärmarxisten viel von jenem der Utopisten des 19. Jahrhunderts an sich hatte, über die Friedrich Engels bemerkt: „Der Sozialismus ist ihnen allen der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung, so ist es bloßer Zufall, wann und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden […].“5

Dem stehen Lenins lakonische Worte wie eine Antipode gegenüber: „Die Massen haben den Bolschewiki ihr Vertrauen geschenkt und fordern von ihnen nicht Worte, sondern Taten, eine entschiedene Politik sowohl im Kampfe gegen den Krieg wie im Kampfe gegen die wirtschaftliche Zerrüttung.“6 Nicht auf ein bloßes Ideal, sondern auf die wirkliche Tat legte sich Lenin damit fest. Auf den einzelnen konkreten Schritt also in dem Gesamtprozess, den wir als Sozialismus fassen. Damit stimmt er genau mit dem überein, was Marx und Engels in der deutschen Ideologie als das Wesen des Sozialismus bzw. Kommunismus beschrieben haben: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“7

Die wirtschaftliche Lage im Vorfeld er Oktoberrevolution war in der Tat katastrophal und sie verschlechterte sich noch, sie verlangte unbedingt nach der Aktion. Industriebetriebe mussten bereits stillgelegt werden. Die Roheisenproduktion war im Juli 1917 im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent und die Steinkohleförderung um zehn Prozent zurückgegangen. Auch die Ernährungslage spitzte sich für die Bevölkerung mehr und mehr zu. Kein Wunder, dass der Wunsch nach Veränderung immer dringlicher wurde, nicht mehr passiv blieb, sondern in ein aktives Wollen des Anderen, der Alternative umschlug.

Die Bolschewiki reagierten darauf, indem sie propagierten, dass ein erfolgreicher Kampf gegen die Zerrüttung nur möglich sei, „wenn die gesamte Staatsmacht in die Hände der Proletarier und Halbproletarier übergeht“.8 Nicht die Übernahme der Staatsmacht war also das eigentliche Ziel, sie fungierte vielmehr nur als ein Mittel zum Zweck – und der zielte auf Behebung des Mangels. Wer gerade regierte, das bedeutete den Menschen nicht viel; es sei denn, er schaffte es, ihre trostlose Lage zumindest zu verbessern. Das aber hieß, zumindest für Frieden und damit für Brot und ein warmes Zuhause zu sorgen.

Die Oktoberrevolution bietet anfangs ein Lehrbeispiel dafür, wie man Schritt für Schritt in Übereinstimmung mit dem Volk vorgeht. Und sie stellt ein Muster an Konkretheit dar. Dem wirklichen menschlichen Wünschen entsprechend war nicht ein den Massen nur schwer abstrakt erklärbarer Sozialismus die zentrale Forderung, sondern die Erfüllung der unmittelbaren, anstehenden menschlichen Bedürfnisse. Subsumiert war dies unter die griffige und unmittelbar anstehende Forderung nach sofortigem Frieden.
Friede aber und Brot, so verstand Lenin zu vermitteln, gibt es nur, wenn die Menschen ihre Angelegenheit bedingungslos in die eigene Hand nehmen: „Alle Macht den Sowjets“ – und nicht „Alle Macht den Bolschewiken“, lautete daher die Losung. Es war dies die grundsätzliche Erfolgsbedingung, ohne die es nicht ging. Die Sowjets, die aus der realen Bewegung hervorgingen, waren es schließlich auch die sich am längsten als positive Errungenschaft im Bewusstsein des Volkes hielten und der Konterrevolution den erbittertsten Widerstand leisteten. Das gilt selbst unter der Voraussetzung, dass ihr wahres Wesen bereits hinlänglich degeneriert war: Die Volksdeputierten, die sich im Weißen Haus verbarrikadiert hatten, konnten von Boris Jelzin 1993 als letztes Hindernis für eine kapitalistische Renaissance schließlich nur mit Hilfe von Panzern beseitigt werden.

Jeder wünschte sich im Russland des späten Jahres 1917 nichts sehnlicher, jeder verstand den Sinn der zentralen bolschewistischen Losungen: Alle wussten, dass Friede und die radikale Beseitigung des Zarismus samt seiner bürgerlichen Apologeten, die Voraussetzung für ein erträgliches, besseres Leben ist, das im Zentrum allen Begehrens stand. Genau diesen Interessen entsprach die von Lenin entworfene Resolution vom 26. Oktober 1917: „Die neue Arbeiter- und Bauernregierung wird sofort allen kriegführenden Völkern einen gerechten demokratischen Frieden anbieten. Sie wird sofort das Eigentum der Gutsbesitzer am Grund und Boden aufheben und den Boden der Bauernschaft übergeben. Sie wird die Arbeiterkontrolle über die Produktion und Verteilung der Produkte sowie die allgemeine Kontrolle des Volkes über die Banken einführen [...].“9 Das lässt sich auf den einfachen und unmissverständlichen Slogan reduzieren: Friede und Brot für alle! In diesem Wunsche, in dieser Vorstellung bestand die „reale Utopie“ der russischen Massen unmittelbar vor der Oktoberrevolution.

Durch diese seltene Bestimmtheit geriet der interessierte Wunsch zur menschlichen Triebkraft, die, wie Bloch meint, ein Wollen als aktiven Ausdruck des Wünschens auslöst. Kurz gesagt, das Volk mutierte vom passiven Objekt zum aktiven Subjekt der Geschichte. Es ist dies der erste Schritt auf jenem realen Boden, der den Sozialismus nicht nur, wie Engels sagt, zur Wissenschaft, sondern eben auch zur Angelegenheit aller macht.10
Genau solch ein Wandel hin zur Aktivität der Menschen ist auch heute geboten. Nur wie ihn bewerkstelligen? Ich denke, dass wir diesbezüglich einiges von der Oktoberrevolution lernen können. Vor allen Dingen braucht es ein Herangehen, das zweierlei erfüllt: Es muss erstens von den Menschen problemlos verstanden werden und sich zweitens unmittelbar auf deren elementaren Bedürfnisse beziehen. Für den zweiten Ansatz bietet etwa die Grazer KPÖ mit ihrer Wohnungspolitik ein gelungenes Beispiel. Mit konsequenter Interessenvertretung nicht nur in diesem Bereich hat sie sich hohen Stellenwert erarbeitet und einiges bewirken können. Das ist nicht weniger als ein erster Schritt auf dem Weg vom Wünschen zum Wollen.

Folgt man – natürlich nur hypothetisch – der Logik der Oktoberrevolution, bedarf es eines zweiten Schrittes: Den Menschen müsste klar werden, dass nur eine Beseitigung der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse ihr Interesse nach leistbarem und menschenwürdigen Wohnen wirklich und dauerhaft durchsetzen kann. So wie dem Volk in Russland vor hundert Jahren eben klar geworden ist, nur die radikale Beseitigung der bisherigen Verhältnisse garantiert Frieden und menschenwürdige Existenz. Verallgemeinert heißt das: Es reift gemäß dem jeweiligen Bedürfnis die konkrete Vorstellung einer anderen, besseren Wirklichkeit, deren Herbeiführung schließlich zum kategorischen Imperativ gerät. Das würde bedeuten, solch eine Veränderung wird zuerst zum individuellen Wunsch vieler einzelner und dann gar zum kollektiven Wunsch aller. Im besten Fall eben zu einem ungeduldig fordernden.

Gegenstand des Verlangens war während der Oktoberrevolution gewissermaßen die Zukunft – und auch heute ist sie es wohl. Ohne dieses Kommende wäre die Welt, wie schon Ernst Bloch feststellte, nur eine gewordene, ohne jede Perspektive auf Veränderung und ohne Hoffnung, so wie es die herrschenden Eliten weismachen wollen.11 Es fehlte das aktive Moment vollends. Tatsächlich aber ist sie – 1917 wie auch gegenwärtig – ein unfertiges „Weggeflecht von dialektischer Prozessen“.12 Eines aber, an dem wir doch mitflechten können und wohl auch müssen. Das wir die Möglichkeit dazu haben, und zwar auch in Momenten, die nur wenig Anlass für Optimismusn gebe, das lehrt uns eben auch die Oktoberrevolution.

Ob so ein intensives Wünschen schließlich auch heute bis zum aktiven Wollen gerät – und damit zu verändernden Tat sich wandelt – hängt von vielen subjektiven und objektiven Faktoren ab. An Hand der Oktoberrevolution lässt sich eine derartige Gemengelage von Bedingungen gut studieren. Einmal erreicht, durchbricht ein solches Wollen – und nur dieses – die hoffnungslosen Vorstellungen von Ausweglosigkeit, Gottgegebenheit und Unauflöslichkeit der Verhältnisse, in denen man sich gefangen sieht.
Bestes Beispiel für einen so gearteten Pessimismus: Sehr viele Menschen sehen in der EU gegenwärtig die Ursache für ihre Probleme und Sorgen, aber dennoch hält fast niemand eine Alternative für auch nur denkmöglich. Den allermeisten Menschen ist die Vision einer Welt ohne Europa der Konzerne (noch) keine reale. Das liegt auch daran, dass nicht nur die Realisierbarkeit dieser Vorstellung im individuellen Bereich als unerreichbar scheint, sondern eine kollektive Lösung in der „zurhandenen“ Welt – sozusagen – noch nicht bereit liegt. Weder in der persönlichen noch in der nationalen und schon gar nicht in der übergreifenden Sphäre wird momentan ein Ausweg gesehen.

Es gilt nun aus dem unreflektierten Wunsch – zum Beispiel eben dem nach Flucht aus dem EU-Diktat – ein Bewusst-Gewusstes, eine konkrete utopische Funktion – wie Bloch es ausdrückt – zu machen.13 Anders gesagt: Die Vision muss mit Leben erfüllt werden. Hier könnte der Brexit eine wichtige Funktion erfüllen, indem er vor Augen führt, dass ein Sein ohne EU möglich, ja sogar besser ist. Genau das erklärt zu einem guten Teil die wütenden, ja oft hasserfüllten Reaktionen der europäischen Eliten auf den Ausstieg der Briten. Wir sollten aber auch vom russischen Oktober mitnehmen, dass es auch im Kampf gegen den Moloch EU um einzelne konkrete Schritte geht, die letztlich zum übergeordneten Ziel führen.

Der Verlauf der Oktoberrevolution lehrt also, dass die Utopien der Massen nicht an einem idealen Staat oder einem als perfekt imaginiertes Gemeinwesen orientiert sind. Sie haften vielmehr an sehr konkreten und gewöhnlichen Wünschen. Auch hier und jetzt ist das so: Ein Leben ohne sozialer Existenzangst erfüllt sicher die meisten Tagträume in unseren Breiten. Ein solcher Wunsch beinhaltet bereits eine vage Vorstellung davon, was eigentlich getan werden müsste: Weg von einem neoliberalen Turbokapitalismus und hin zu sozial verträglichen Formen des Zusammenlebens. Die zentrale Frage ist nun: Müssen wir einfach nur so lange warten bis der jeweils individuelle Wunsch nach einem Leben ohne diese Angst bei den Menschen so intensiv geworden ist, dass er in ein kollektives Wollen umschlägt?

Die Antwort lautet: Ja und nein. Fest steht, dass diese Welt im Rahmen des real Möglichen kontingent, also von uns konkret formbar ist. Das bedeutet: Ein passives Warten wird wohl kaum zum Ziel führen. Auf keinen Fall darf daher dieses notwendige Umschlagen des Wünschens in ein Wollen der Veränderung statisch und plötzlich – etwa wie eine Naturgewalt – gedacht werden. Es handelt sich vielmehr um einen vielschichtigen Prozess, den die Menschen selbst gestalten. So markiert das Datum der Oktoberrevolution darin wohl nur einen Qualitätssprung, der durch das Agieren der Bolschewiki bzw. Lenins beschleunigt oder gar erst ermöglicht worden ist. Es war dies ein Handeln, das den Gesamtprozess schließlich auch in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt hat. Grundlage dafür ist ein Gespür für die realen Möglichkeiten der Zeit. Was sich die Bolschewiki dabei unbedingt zunutze gemacht haben, ist die Hoffnung als die menschlichste aller Gemütsbewegungen; im konkreten Fall war dies eine sehr reale und erfüllbare, weil sie auf die elementaren Dinge des Lebens gerichtet blieb.

Darin, so meine ich, besteht aber auch unsere gegenwärtige Aufgabe: Den gesellschaftlichen Prozess der Veränderung, der sozusagen noch an seinem Beginn steht, zuletzt aber an Dynamik zugenommen hat, zuzuspitzen, ihn zu beschleunigen und ihm im Einklang mit den objektiven Bedingungen Tendenz zu geben. Das aber wird uns nur gelingen, wenn wir an den sehr realen Wünschen und Tagträumen, an den konkreten Utopien der Menschen also, ansetzen und sie mit dem „Großen Ganzen“ verbinden.
In letzter Konsequenz bedeutet das, Interesse und Tendenz auf dieselbe Art verschmelzen wie die Bolschewiki im Jahr 1917 es getan haben. Und zwar, indem sie die Losung vom Frieden an den Sturz des zaristischen Regimes geknüpft haben. Das hieße für uns etwa, die breit vorhandene Angst um die soziale Existenz unbedingt und konsequent mit dem Sturz der EU und ihrer Apologeten zu kombinieren. Die Macht dieser Bastion der Monopolinteressen zu brechen und die soziale Auseinandersetzung wieder auf die nationale Ebene zu heben, ist – wie ich meine – Voraussetzung für alle weiteren Schritte.

Deren unmittelbares Ziel liegt freilich noch weit weg von einem wirklichen Überwinden der bestehenden Verhältnisse. Schon Lenin hat im Zuge der Oktoberrevolution dafür eine unabdingbare Voraussetzung formuliert: Dass nämlich die wirtschaftliche Lage des Landes keine begründete Hoffnung auf eine glückliche Überwindung der Krise durch friedliche und parlamentarische Mittel bieten darf.14 Nun, begründete Hoffnung liefert die Lage im Lande und in Europa vielleicht nicht mehr, allerdings noch Hoffnung genug, um den Eliten ein Überleben zu sichern. Das ist aber kein Dauerzustand, denn wie schon der französische sozialistische Utopist Charles Fourier erkannte, entspringt „in der Zivilisation die Armut aus dem Überfluss selbst“.15 Dies entspricht genau einer irrationalen Welt wie der heutigen, in der das Elend größer und größer wird, obwohl in immer kürzerer Zeit immer Mehr an Werten produziert wird.

Das wesentlichste, schwierigste und langwierigste, das getan werden muss, um die Menschen zu mobilisieren, ist eine zielklare, fest organisierte Kraft der Veränderung zu schaffen. Nur mit einer solchen können die in der gegenwärtigen Zeit real gebotenen Möglichkeiten, die nicht gering sind, auch genutzt werden. Das Vorhandensein einer solchen Kraft in Russland beziehungsweise deren Fehlen im Westen Europas machte im Jahr 1917 einen wesentlichen Teil der entscheidenden Differenz aus.
Einem Unterschied, der schließlich dazu führte, dass die Revolution an dem einen Ort gelang, während sie an dem anderen auf halbem Wege stecken blieb. Das haben die Herrschenden gut verinnerlicht. Deshalb genügte es ihnen nicht, nur den sogenannten realen Sozialismus zu beseitigen. Sie machten sich zugleich auch daran, so gut wie alle organisatorischen Strukturen der radikalen Systemopposition im Westen ihrer Funktionstüchtigkeit zu berauben. Ein Unterfangen das vorzugsweise dank der bewährten Mittel Vereinnahmung und Unterwanderung hervorragend gelungen ist. In Europa sind alle Kräfte der Veränderung entweder assimiliert oder heillos zersplittert und marginalisiert – zudem fehlt ihnen alle bolschewistische Zielorientiertheit. Das ist nun die Folge einer Lehre, die von den herrschenden Eliten aus der Oktoberrevolution gezogen worden ist.

Die unmittelbar anstehende Aufgabe, die Arbeit am Prozess, erfüllt meines Erachtens in Österreich mit der steirischen KP, die sich konsequent entlang der Wünsche und Bedürfnisse der Menschen bewegt, nur eine einzige Kraft wirklich. Dies geht einher mit einem wesentlichen aktiven Moment: Dem Begreifen-Ergreifen der aktuellen Triebkräfte des gesellschaftlichen Geschehens. Allerdings bin ich nicht sicher, ob es der KP in der Steiermark gelingt, ihren Kampf, ihre so erfolgreiche Interessenvertretung, auch ausreichend mit dem Ganzen der Welt in Bezug zu setzen. Dazu müsste sie ihre Wirkmächtigkeit, ihre Aktion, wohl auf ganz Österreich ausdehnen. Zum einen um kleinliche regionale Beschränktheiten zu überwinden; zum anderen, weil die Nation noch immer jenes Feld ist, auf dem die sozialen Auseinandersetzungen ausgetragen werden. Die vielen besonderen Kategorien des Prozesses zu seinem Totum in Bezug zu setzen, ergibt erst eine echte Perspektive für die „reale Utopie“.

Falsch wäre es allerdings, von den Steirern den österreichweiten Export ihres erfolgreichen Modells zu erwarten oder auch nur zu erhoffen. Sie können der auch überall anders so notwendigen Arbeit am Prozess nur Interesse und Unterstützung entgegenbringen, das Werk an sich muss schon vor Ort selbst verrichtet werden. Allerdings lehrt auch die Oktoberrevolution, dass es eben temporäre Zentren und Peripherien der Bewegung gibt und wohl nur eine dialektische Verbindung beider nach vorwärts weist. Die wichtigen Anstöße für den Gesamtprozess kamen aber zumeist, daran ist zu erinnern, aus den jeweiligen Zentren – und Graz bzw. die Steiermark zählt sicherlich zu den gegenwärtigen Mittelpunkten fortschrittlicher Aktion im Lande. Von dort sollte also durchaus ein entscheidender Impuls ausgehen.

Michael Wengraf ist marxistischer Historiker und Publizist.

 

1 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main, 1985, Bd. 1, 51.
2 Wladimir Iljitsch Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution (Aprilthesen), Werke Bd. 24, Berlin 1961, 1–8.
3 Vgl.: Illustrierte Geschichte der Großen sozialistischen Oktoberrevolution, Berlin, 1973, 43.
4 Ebenda, 189.
5 Friedrich Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: MEW, Berlin, 1973, Bd. 19, 189–201, hier: 201.
6 Wladimir Iljitsch Lenin, Werke Bd. 26, Berlin 1961, 179.
7 Karl Marx u. Fridrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW Bd. 3, Berlin, 1962, 35.
8 Wladimir Iljitsch Lenin, Werke Bd. 24, Berlin, 1961, 518. Vgl. auch: Illustrierte Geschichte der Großen sozialistischen Oktoberrevolution, Berlin, 1973, 55–56.
9 Wladimir Iljitsch Lenin, Werke Bd. 26, Berlin 1961, 230.
10 Friedrich Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: MEW, Berlin, 1973, Bd. 19, 189–201, hier: 201.
11 Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt am Main, 1985, Bd. 1, 257.
12 Ebenda, 257.
13 Ebenda, 163.
14 Wladimir Iljitsch Lenin, Werke Bd. 26, Berlin, 1961, 200.
15 Zitiert nach: Friedrich Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: MEW, Berlin, 1973, Bd. 19, 189–201, hier: 197.

6. November 2017