Die Geburtsstunde der proletarischen Presse

Am 1. Juni 1848 erschien die erste Nummer der „Neuen Rheinischen Zeitung“

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In der Revolution von 1848/49 schufen Marx und Engels die erste proletarische Zeitung. Wie später Lenin, erkannten sie frühzeitig, dass für den revolutionären Kampf eine entsprechende Agitation nötig war. Es war kurz nach den Volksaufständen in Wien und Berlin, als Ende März 1848 in Paris in einem Flugblatt thesenartig die „Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland“ verbreitet wurden. Damit begann die Agitation des Bundes der Kommunisten.

Aber von Paris aus konnte man nicht aktiv auf die Revolution in Deutschland einwirken. Deshalb begaben sich Marx und Engels wenig später aus dem Exil nach Köln, dem Zentrum der rheinischen Industrie, um dort die Gründung einer revolutionären Zeitung, der „Neuen Rheinischen Zeitung“ vorzubereiten.

Geleitet von Karl Marx als Chefredakteur und Friedrich Engels erschien sie ab 1. Juni 1848 als „Organ der Demokratie“ und einziges in Deutschland verbreitetes Blatt, das eine konsequent revolutionär- demokratische Position bezog.

Mit der „Neuen Rheinische Zeitung“ entstand ein zur Organisierung des Proletariats und seiner revolutionären Partei sowie der Orientierung der demokratischen Kräfte in der Revolution dringend erforderliches Publikationsorgan. Es wurde Sprachrohr aller fortschrittlichen Kräfte, in erster Linie des konsequentesten Repräsentanten der revolutionären Demokratie, der Arbeiterklasse, deren einzige Zeitung sie war. Mit der „Neuen Rheinische Zeitung“ schlug die Geburtsstunde der proletarischen Presse.

Die Artikel der „Neuen Rheinische Zeitung“, die fast die ganzen Bände 5 und 6 der Marx-Engels-Werke (MEW) füllen,[1] zeigen eine Vielfalt von Themen. Publiziert wurden die von Marx und Engels erarbeiteten philosophischen Grundlagen des wissenschaftlichen Kommunismus, Leitsätze über die Rolle des Proletariats und seiner Diktatur, Prinzipien der Taktik des revolutionären Kampfes der Arbeiterklasse in der Revolution. Als historische Hauptaufgabe stellten Marx und Engels die Beseitigung der ökonomischen und politischen Zersplitterung durch die Schaffung einer einigen, unteilbaren deutschen demokratischen Republik, um den Weg für eine fortschrittliche Entwicklung in Deutschland frei zu machen. Das schloss ein, die Feudalordnung zu beseitigen.

Sie legten ein konkretes Programm der bürgerlich-demokratischen Revolution vor, in deren siegreichem Verlauf sie den Prolog zu einer folgenden proletarischen sahen.

Eingehend analysierten Marx und Engels die revolutionären Kämpfe in Frankreich, Österreich, Ungarn, Italien, Polen und Böhmen. So untersuchten sie die Ursachen der Niederlage des Pariser Proletariats im Juni-Aufstand, des Falls des revolutionären Wien am 1. November und des Staatsstreichs der preußischen Reaktion. Marx rief die revolutionären Kräfte auf, daraus die richtigen Lehren zu ziehen und sie furchtlos bei den noch bevorstehenden Kämpfen anzuwenden.

Mit den führenden Mitgliedern des Bundes der Kommunisten auf dem äußersten linken Flügel der Revolution stehend, traten Marx und Engels für ein enges Bündnis mit den Demokraten ein, zeigten gleichzeitig die Fehler und Illusionen der kleinbürgerlich-demokratischen Führer auf. Scharf kritisierten sie das Zurückweichen der Frankfurter Nationalversammlung vor der preußischen Reaktion. Als im Frühjahr 1849 in der Rheinprovinz und anderen Gebieten Westdeutschlands Volksaufstände zur Verteidigung der Reichsverfassung ausbrachen, unterstützten sie diese Bewegung trotz der begrenzten Ziele und Möglichkeiten. Engels nahm am Aufstand in Elberfeld teil und begab sich danach zur badisch-pfälzischen Revolutionsarmee, wo er als Adjutant und Stabschef im legendären Freikorps Willich kämpfte. Marx begab sich nach Paris, um vor Ort die Analysen zu vertiefen.

In der „Neuen Rheinische Zeitung“ zeigte sich Marx‘ großartige Begabung als Journalist und Redakteur, sein brillanter Stil, seine glänzenden Analysen, aber auch sein Talent als Chefredakteur und Organisator der Zeitung. „Es war in erster Linie sein klarer Blick und seine sichere Haltung“, hielt Engels fest, „die das Blatt zur berühmtesten deutschen Zeitung der Revolutionsjahre gemacht haben.“

Hervorzuheben sind die bestechenden Analysen, die Engels zu militärischen Fragen verfasste. Wie in Elberfeld und danach im Freikorps von Oberst Willich kamen ihm dabei die militärischen Kenntnisse, die er sich als Einjährig-Freiwilliger in der preußischen Garnison in Berlin angeeignet hatte, zugute. In den Beiträgen über den Juniaufstand zog er „wichtige Schlussfolgerungen über Charakter, Bedeutung und Methoden des Straßen- und Barrikadenkampfes unter den konkreten historischen Bedingungen jener Zeit und legte das Fundament für die marxistische Lehre über den bewaffneten Aufstand“. Marx hob zur Junirevolution deren prinzipiellen Unterschied zu allen vorangegangenen Revolutionen hervor und hielt fest, dass sie „eine Revolution des Proletariats gegen die Bourgeoisie“, ein „Kampf der Arbeiter gegen das Kapital“, eine „selbstständige Aktion des Proletariats zur Verteidigung seiner Klasseninteressen“ war.

In seinen Beiträgen über die italienischen Unabhängigkeitskriege entlarvte Engels die Feigheit des piemontesischen Königs Carlo Alberto, der sich aus Furcht, ein Sieg würde die Positionen des revolutionär-demokratischen Flügels stärken, sich lieber von dem österreichischen Marschall Radetzky schlagen ließ, vor ihm kapitulierte und nach Portugal floh. „Die italienische Unabhängigkeit geht verloren – nicht an der Unbesiegbarkeit der österreichischen Waffen, sondern an der Feigheit des piemontesischen Königtums“, schrieb er in der Ausgabe vom 1. April 1849. Viele von Engels inkognito veröffentlichte Schriften brachten ihm „die Anerkennung von Fachmilitärs ersten Ranges ein, die keine Ahnung davon hatten, dass der namenlose Broschürenschreiber einen der anrüchigsten Rebellennamen trug und ein plebejischer Fabrikantensohn aus Barmen war“. So wurden zum Beispiel die Analysen, die Engels in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ über den revolutionären Krieg in Ungarn veröffentlichte und die sich als richtig erwiesen, einem hohen Militär in der ungarischen Armee zugeschrieben.[2}

 

Angesichts der sich ständig verschärfenden Verfolgung durch die preußische Regierung, die Marx nach dem Scheitern der Aufstände in der Rheinprovinz des Landes verwies, musste die „Neue Rheinische Zeitung“ am 19. Mai 1849 ihr Erscheinen einstellen. In ihrer letzten Nummer, deren erste Seite in rotem Druck erschien, betonten Marx und Engels vor allem den proletarischen Internationalismus, indem sie vom Juniaufstand der Pariser Arbeiter ausgehend schrieben, „die Seele der Junirevolution“ war „die Seele unserer Zeitung“. Die Redakteure, die sich zusammen mit den Setzern und Arbeitern anschließend zur Teilnahme an den Kämpfen zur Badisch-Pfälzischen Revolutionsarmee begaben, richteten eine Abschiedsbotschaft „an die Kölner Arbeiter“, in der es hieß, das „letzte Wort wird überall und immer sein: Emanzipation der arbeitenden Klasse!“. In einem aufrüttelnden Abschied nannte Ferdinand Freiligrath die „Neue Rheinische Zeitung“ „eine stolze Rebellenleiche“; nicht „in offener Schlacht“, sondern „aus dem Hinterhalt“, durch „schleichende Niedertracht“ zu Fall gebracht. Zum Schluss hieß es: „Nun ade – doch nicht für immer ade! / Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder! / Bald richt ich mich rasselnd in die Höhe,/bald kehr ich riesiger wieder!“

 

 

Anmerkungen:
1 Die Marx-Engels-Werke (MEW) erschienen ab 1956 in 44 Bänden im Dietz Verlag Berlin/DDR.
2 Wilhelm Liebknecht in: „Mohr und General. Erinnerungen an Marx und Engels“, Berlin (DDR) 1964).

1. Juni 2018