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KPÖ Steiermark | Themen | Die Allgemeine Krise des Kapitalismus

Die Allgemeine Krise des Kapitalismus

Wenn Arbeit nicht mehr gebraucht wird

Schon vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatssystems dachte die marxistische Wissenschaft über die ökologische und soziale Krise der kapitalistisch dominierten Weltwirtschaft nach.

Weil Wissenschaft aber nie im gesellschaftsfreien Raum agiert sondern eine Produktivkraft ist, die Klasseninteressen vertritt brachte das Ende der realsozialistischen Staaten auch das Ende der Bemühungen um Ökologisierung und soziale Gerechtigkeit. Der neoliberale Turbokapitalismus verschärfte die Probleme in den darauffolgenden Jahrzehnten..

Heute stehen wir vor einem umfassenden Scheitern der Europäischen Union, die eine Gesellschaft der Offenheit, Freiheit und des ungebremsten Konsums versprochen hatte.

Der aus Wien Österreich stammende Gesellschaftswissenschaftler Ivan Illich setzte sich schon in den frühen 1970er Jahren in seinem Buch „Tools for Conviviality” mit dem Problem des unbegrenzten Wachstums von Industriesystemen auseinander.

Vor allem stellte er Überlegungen an, wie ein Ausweg aus der Krise möglich wäre:

Ivan Illich: Selnstbegrenzung:

Die politische Umkehr

Wenn die Menschheit nicht in sehr naher Zukunft die Auswirkungen ihrer Werkzeuge auf die Umwelt begrenzt und eine wirksame Geburtenkontrolle verwirklicht, dann werden unsere Nachfahren die schreckliche Apokalypse erleben, die von manchen Ökologen vorhergesagt wird. Die Gesellschaft kann sich um des Überlebens willen innerhalb der von einer bürokratischen Diktatur festgelegten und durchgesetzten Grenzen verschanzen, oder aber politisch auf die Bedrohung reagieren, indem sie zu politischen und juridischen Verfahren Zuflucht nimmt. Die ideologische Verfälschung der Vergangenheit verschleiert uns die Möglichkeit und die Notwendigkeit dieser Entscheidung.

Die Entscheidung für die bürokratische Verwaltung des menschlichen Lebens ist nicht nur unter ethischem oder politischem Gesichtspunkt untragbar, sie muss auch scheitern. Es kann sein, dass die Menschen, durch die zunehmende Evidenz der Übervölkerung, der Verringerung der Ressourcen und der widersinnigen Organisation des täglichen Lebens terrorisiert, ganz aus freien Stücken ihr Schicksal in die Hände eines Großen Bruders und seiner anonymen Akten legt. Es kann sein, dass die Technokraten beauftragt werden die Herde an den Rand des Abgrunds zu führen. Das heißt, ihnen wäre dann aufgetragen, multidimensionale Grenzen des Wachstums gerade noch unterhalb der Selbstzerstörung festzulegen. Eine solche selbstmörderische Phantasie würde das industrielle System auf dem höchsten noch erträglichen Produktivitätsgrad erhalten: aber kaum den Menschen.

Der Mensch würde beschützt in einer Plastikhülle leben, die ihn zwänge, wie ein zum Tode Verurteilter vor der Hinrichtung zu überleben. Die Toleranzschwelle des Menschen gegenüber Programmierung und Manipulation, würde bald zum schwerstwiegenden Hindernis des Wachstums werden. Die Alchimie würde wieder aus der Asche auferstehen: man würde danach trachten, den aus dem Alpdruck der Vernunft geborenen monströsen Mutanten zu produzieren und sich dienstbar zu machen. Von der Geburt bis zum Tode wäre die ganze Menschheit eingesperrt in eine im Weltmaßstab erweiterte permanente Schule, würde sie lebenslang im großen weltweiten Krankenhaus behandelt und Tag und Nacht an unerbittliche Kommunikationskanäle angeschlossen. So würde die Welt der Großen Organisation funktionieren. Dennoch lassen die früheren Fehlschläge solcher Massentherapien das Scheitern auch dieses letzten Projekts der Weltkontrolle erhoffen.

Die Einführung solchen techno-bürokratischen Faschismus ist nicht unausweichlich. Es gibt andere Möglichkeiten im politischen Prozess, der es der Bevölkerung erlaubt, das Maximum dessen zu bestimmen, was ein jeder in einer Welt der manifest begrenzten Ressourcen fordern darf; den Prozess tragender Vereinbarungen über die Festlegung und Einhaltung von Grenzen für das Wachstum der Apparate; den Prozess der Förderung einer radikalen Forschung der Art, dass eine wachsende Zahl von Menschen immer mehr mit immer weniger machen können. Ein solches Programm mag im Augenblick utopisch erscheinen: warten wir ab, bis die Krise sich verschärft, dann werden wir sehen, dass so eine neue Art des contrat social, ein neuer Typ von Sozialverträgen, als durchaus realistisch anzusehen ist.

 

Von der Katastrophe zur Krise

Über die Verschärfung der Krise kann ich nur Vermutungen anstellen. Aber ich glaube exakt die Maßnahmen angeben zu können, die vor und in der Krise zu ergreifen sind. Ich glaube, dass das Wachstum einfach zum Stillstand kommen wird. Die synergetische Lähmung der Versorgungssysteme wird den allgemeinen Zusammenbruch der industriellen Produktionsweise hervorrufen. Die Verwaltungen würden durch die Verfeinerung der Kontrollmechanismen und -systeme das Wachstum stabilisieren und harmonisieren, aber dies wird die gesamte institutionelle Mega-Maschine nur beschleunigt ihrer zweiten Wasserscheide entgegentreiben. Binnen sehr kurzer Zeit wird die Bevölkerung das Vertrauen nicht nur zu den herrschenden Institutionen, sondern auch zu den Verwaltern der Krise verlieren. Die Machtbefugnis dieser Institutionen, Werte zu definieren (die Erziehung, die Geschwindigkeit, die Gesundheit, die Wohlfahrt, die Information oder Sicherheit), wird plötzlich zerrinnen, wenn ihr illusorischer Charakter erkannt wird.

Ein unvorhersehbares und wahrscheinlich geringfügiges Ereignis kann als Zündkapsel der Krise wirken, ähnlich wie der Schwarze Freitag in Wall Street die Weltwirtschaftskrise eingeleitet hat. Eine triviale Koinzidenz wird den strukturellen Widerspruch zwischen den offiziellen Zielen unserer Institutionen und ihren wirklichen Resultaten offenbaren.

Plötzlich wird der Mehrheit vor Augen geführt werden: die Organisation der ganzen Wirtschaft im Hinblick auf das bessere Leben ist das Haupthindernis für das gute Leben.

Diese Erkenntnis könnte die Kraft haben, die öffentlichen Vorstellungen umzustülpen. Von heute auf morgen könnten wichtige Institutionen jede Respektabilität, jede Legitimität und ihren Ruf verlieren, dem öffentlichen Wohl zu dienen. Dies ist es, was der römischen Kirche während der Reformation und der französischen Monarchie 1793 widerfuhr. Über Nacht wurde das Undenkbare offenbar.

Eine plötzliche Mutation vollzieht sich nicht in demselben Zeitraum wie mechanische Reaktion oder biologische Evolution. Man sehe sich die weißen Wirbel im Bett eines Sturzbaches an. Die Jahreszeiten folgen aufeinander, einmal fließt das Wasser reichlich, und dann wieder versickert es zu einem dünnen Rinnsal; die Gischtkreise scheinen sich immer gleich zu bleiben. Aber es braucht nur ein Stein auf den Grund des Bachbetts zu fallen, und schon ändert sich das Muster ganz und gar, ohne Wiederkehr. Auch das Erwachen des Bewusstseins wird immer plötzlich geschehen.

Die schweigende Mehrheit hängt heute gänzlich der These des Wachstums an, aber nichts läßt auf ihr politisches Verhalten schließen, sobald eine Krise ausbrechen wird.

Gegenwärtig wird jedoch versucht, die Risse in allen Systemen zu stopfen. Keines der Heilmittel hilft, aber noch hat man die Mittel, sie eines nach dem anderen auszuprobieren. Die Regierungen versuchen, mit der Krise des Öffentlichen Dienstes, der Erziehung, des Verkehrswesens, der Gerichte, der Jugend fertig zu werden. Jeder Aspekt der globalen Krise wird von den anderen isoliert, selbstständig erklärt und einzeln behandelt. Man schlägt Ersatzlösungen vor, welche die Reform auf einzelnen Sektoren glaubwürdig machen sollen: die Avantgarde-Schulen, gegen die traditionellen Schulen ins Feld geführt, verdoppeln die Nachfrage nach Erziehungsgeldern, die autarken Satellitenstädte, gegen ein dichtes S-Bahnnetz ausgespielt, bestärken die Überzeugung, dass das Wachstum der Städte unabänderlich sei; eine bessere Ausbildung der Ärzte, gegen das Wuchern paramedizinischer Berufe angestrebt, nährt die Gesundheitsindustrie.

Und da jede Alternative ihr Gegenstück hat, wählt man im allgemeinen nicht, sondern probiert sie meist beide gleichzeitig aus. Man imitiert die Haltung von Präsident Coolidge angesichts der ersten Anzeichen der «Großen Depression», wobei man in ähnlicher Weise die Ankündigung einer viel radikaleren Krise fehldeutet. Durch die allgemeine Systemanalyse meint man, die institutionellen Krisen miteinander zu verbinden, aber sie führt nur zu noch mehr Planung, Zentralisierung und Bürokratisierung, um die Kontrolle der Bevölkerung, des Überflusses und der destruktiven und unwirksamen Industrie zu vervollkommnen. Mit einer wachsenden Produktion von Entscheidungen, Kontrollen und Therapien glaubt man, die Ausbreitung des Stillstands in den Produktionssektoren von Gütern zu kompensieren.

Fasziniert von der industriellen Produktion, bleibt die Bevölkerung blind für die Möglichkeit einer postindustriellen Gesellschaft, in der mehrere komplementäre Produktionsweisen nebeneinander bestehen können. Eine zugleich hyperindustrielle und ökologisch realisierbare Ära herbeiführen zu wollen, das heißt die Zerstörung der übrigen Komponenten des multidimensionalen Gleichgewichts des Lebens beschleunigen. Die Kosten für die Verteidigung des Status quo steigen blitzartig.

Man müßte Hellseher sein, um vorherzusagen, welche Kette von Ereignissen die Wirkung haben wird, den Zusammenbruch herbeizuführen und die drohende Krise aufzulösen. Aber man braucht kein Genie zu sein, um vorauszusehen, dass dies die erste Weltkrise sein wird, die nicht nur im Inneren des industriellen Systems lokalisiert ist, sondern die dieses System selbst in Frage stellt.

Ich sehe durchaus noch eine Chance, die Ursachen der globalen Systemkrise zu erkennen und in den Griff zu bekommen. Wir dürfen eben nicht dadurch auf die Krise reagieren, dass wir uns partiellen Erscheinungen kurzfristig anpassen. Wenn wir uns ernsthaft auf die Krise des Industriesystems einstellen wollen, dann müssen wir auch die sozialen und politischen Bewegungen, die sie auslöst, berücksichtigen.

Bevölkerungsschichten, die bislang keine Rolle spielten, werden wahrscheinlich ganz plötzlich und spontan neue politische und soziale Rollen übernehmen.

Bisher hat die durch Krisen ausgelöste Schwächung der sozialen Kontrolle noch stets dazu geführt, dass sich die «Kontrolleure» nach neuen Verbündeten umsehen müssen. Auch als die Industrienation USA durch die Weltwirtschaftskrise geschwächt wurde, konnte sie auf die Arbeiterschaft nicht verzichten: Das New Deal verschaffte ihn einen erweiterten Anteil an der strukturellen Macht. Ein weiteres Beispiel ist der durch Kriegswirtschaft angespannte Arbeitsmarkt der USA im Zweiten Weltkrieg. Die amerikanische Industrie brauchte den schwarzen Arbeiter, und so konnte sich die farbige Minderheit in den Folgejahren stärker zur Geltung bringen. Allerdings scheint heute auch die schwarze Elite, nach dem Vorbild ihrer weißen Kollegen, zu einem Stützpfeiler des etablierten Systems zu werden. Das Hineinnehmen neuer Gruppen in die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, die bislang beiseite standen, ist also durchaus typisch für den Ablauf einer Krise im Innern der Industriestaaten. Bei der Krise, von der hier die Rede ist, ist das Aufsaugen und damit Unschädlichmachen neuer Gruppen durch ein rasch handelndes Krisenmanagement prinzipiell nicht mehr möglich.

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20. Dezember 2021