der BMW X40i

Werner Lang über Autos

Leserbrief von Werner Lang an  Profil, Nr. 33 47.Jg. 12. August 2016, zu David Staretz Beitrag „Autodrom“,  über den BMW X4 M40i, der unter „Meinungen“ mit der Überschrift „Letzte Rituale“ in der Zeitschrift Profil erschien:

 Das ist Produktwerbung in ein postmodernes Kauderwelsch verpackt und auf die bundesdeutsche Realität hin abgestimmt.

Nicht umsonst singt Helene Fischer in einem ihrer Schlager, dass sie mit 300 auf der Autobahn fährt – und kein Mensch findet das abartig.

Antwort von David Staretz:

Sehr geehrter Herr Werner Lang,

Vielen Dank für Ihr engagiertes Schreiben. Es tut mir leid, dass Ihnen mein Text offensichtlich nicht zugesagt hat. Aber irgendwas muss ich doch richtig gemacht haben: Endlich wissen wir alle, was postmodern bedeutet.

Mit freundlichen Grüßen
David Staretz

Was meint David Staretz mit  richtig machen?

Ein Versuch zur Beantwortung dieser Frage :

David Staretz Artikel über den BMW X4 in der Zeitschrift „Profil“ ist trotz Kritik oder gerade deswegen eine Verwirrung der Begriffe. Durch ein Sprachspiel setzt er den Begriff Vernunft dort, wo eigentlich nur stehen müsste, dass der Wagen nichts mit Vernunft zu tun hat. Dazu muss gesagt werden, Autos sind a-sozial. Es ist daher nicht möglich, dass das Auto die wirkliche Bewältigung der eigenen Lebensproblematik bietet1. Ein Auto kann das auch nicht. Darum ist der, wohlgemeinte kritische Satz: „Wahnwitz als Postulat der Vernunft“   von Staretz im „Profil“ nicht vollständig begreifbar und hat nichts mit einer vernünftigen Satzstellung zu tun. Mit diesem Satz kann Staretz wohl nur die Ingenieure bei BMW gemeint haben. Zum Erklärungsversuch von diesem oben angeführten Satz von Staretz: Wahnwitz: „Völliger Unsinn; abwegiges, unvernünftiges, oft auch gefährliches Verhalten oder Handeln; Wahnsinn; Irrwitz“, als Postulat: „unbedingte Forderung“, der Vernunft: „etwas mit dem Verstand zu beurteilen und sich danach zu richten“, ist zu sagen, dass die Aussage davon ist, dass der Autor im „Profil“ diesen Wagen, wenn er ihn mit Verstand  beurteilt und sich danach richtet, als völligen Unsinn bezeichnet. Was sein Gefühl zu diesem Auto sagt, steht hier nicht zur Sache, er beruft sich auf die Vernunft. Die unbeabsichtigte Aussage dieses Satzes ist: Die Vernunft  kann nichts anders sagen als, kauft den Wagen nicht, denn er ist ein Wahnwitz, also völliger Unsinn. Aber das Problem der Identifikation eines Individuums mit seinem Auto bleibt. Wenn Staretz  schreibt: „Eigentlich sind die Zeiten von Siegern und Weggespülten, von Überholprestige und Machismo vorbei, so kann er ja nur Menschentypen, die sich durch das Auto Identifizieren gemeint haben.  Menschen identifizieren sich ja nicht mehr über die eigene Arbeit, sondern unter anderen auch über Dinge, oder nur mehr auf Markenzeichen,  da die Menschliche Arbeit  nicht mehr den ursprünglichen Zielen von Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung untergeordnet ist, sondern den Regeln des Marktes, wo Produkt und Arbeitskraft zur Ware werden. Das heißt, das Auto soll nach außen  repräsentieren. Es soll mein Ich verkörpern.  Nach dem Zeitgeist, denn Staretz meint, ist jetzt  der Bescheidene,  Einfache, Umweltbewusste für den Markt anzusprechen. Dazu kommt, dass eine normale Situation des Menschen es ihm möglich macht, mehr oder weniger das, was um ihn herum in der Umwelt, bei den Dingen, vorgeht, außer acht zu lassen und zeitweilig wenigstens seine Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. „Dank dieser Fähigkeit“, schreibt E.A. Rauter, „kann er der Außenwelt, der Landschaft, den Rücken zuwenden, aus ihr heraustreten und sich nach innen wenden. Das Tier ist immer draußen; es ist immer das andere - es ist Umwelt. - Wir können also, ohne tiefgreifende Fragen aufzuwerfen, an dem einfachen Merkmal der Veränderungen der Aufmerksamkeit in der Geschichte des Menschen selbst die Kurve des Aufstiegs und Niedergangs ablesen. Ein Übermaß von Beunruhigung, eine Zeit, die den Menschen sehr in Anspruch nimmt, wirft den Menschen in die Natur zurück, vertiert ihn, das heißt barbarisiert ihn“. Das Auto im Verkehr zwingt den Fahrer sich immer nach außen zu richten. Auch durch die verstärkte Beanspruchung des Menschen durch die vermehrte Aggressivität um den Kampf um  Marktanteile  reduziert sich die Identifikation der Menschen auf Markenartikel. „Die Aggressivität und Rücksichtslosigkeit, mit der die Konzernleitung von Opel in Detroit 2004 vorgegangen ist, war Teil einer konzertierten Aktion der Konzerne, der Banken und der Regierung, unterstützt von Sachverständigen und Medien, um alle Rechte der Arbeiter zu zerschlagen“2. Im Buch von Marchella Finelli geht hervor, dass in einer Zeit in der Konkurrenz am und abseits des Arbeitsplatzes unsere Gesellschaft prägen,  auch die Aggressivität im alltäglichen Leben ständig zunimmt. Darunter ist nicht unbedingt die körperliche Gewalt zu verstehen,  dafür aber ein allgemein spürbarer zunehmender psychologoscher Druck, der scheinbar von allen Seiten auf den heutigen Menschen einwirkt. Weil der Mensch aber ein Ventil braucht um diesen Druck abzulassen, werden andere Formen der Aggressivitätsbewältigung immer gängiger und zur gesellschaftlichen Norm. Vor allem in der jungen Generation, die traditionell für die Werbeindustrie besonders interessant ist, finden diese  neuen Möglichkeiten, der psychische Reinigung durch Ausleben innerer Konflikte und verdrängter Emotionen,  Anklang.

Wir haben es ja schon öfters erlebt und erleben es immer wieder, dass der Kampf um die Marktplätze zu Kriegen führt.

 Otto Hwaletz schreibt:  „Eine Wirtschaft, die nach diesem Prinzip funktioniert, stellt einen Automaten dar, der unabhängig vom Willen der Menschen in Geld zählbare Profite produziert und dabei die stoffliche und menschliche Basis dieses Vorgangs wieder und wieder ignoriert, solange diese Ignoranz nichts kostet bzw., Störfaktoren ins Leben ruft. Da diese Prozesse aber auf der Gespaltenheit kompliziert arbeitsteilig gegliederter Gesellschaften, die ökonomisch, durch den Weltmarkt miteinander verbunden sind, in verschiedenste Interessensgruppen, Klassen und Schichten beruhen und nicht steuer bar sind, droht dieser Vorgang immer wieder in gesellschaftliche Katastrophen zu münden.“                                   

Wenn Staretz es anders meint, dann  kann man den Artikel als „kritische Gefühlsduselei“ bezeichnen. Die unkritische Autowerbung reiht einen wahnwitzigen Satz nach den anderen und lässt uns mit wahnwitzigen Werbeinseraten, die auf Werbephrasensätzen - Halbsätze mit  Scheinproblemen – aufgebaut sind, zurück. Staretz versucht es auf die gleiche Art, nur kritisch. Das ergibt dann Sätze wie: „Auch der kleinere X4 ist so ein Auto für Drinsitzer, aber sichtverträglicher“, usw.

 

Eine Auto Werbung von Profil, 10.10.1984:

AERODYNAMIK

97 kw/132 PS aus einem kraftvollen 1565 ccm- Motor mit Turbolader (5,7/7,7/10,5 l ECE-Norm).9,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Spitze jenseits von 200…

RENAULT fuego TURBO

Beides, Werbung und Autodrom von David Staretz spricht in der Sprache des Futurismus.

Auszug aus dem futuristischen Manifest: … Danach wurde es ganz still. Aber während wir dem kraftlosen Murmeln von Gebeten des alten Kanals und dem Knacken der Knochen der sterbenden Palästen in ihren Bärten feuchten Grüns lauschten, hörten wir auf einmal unter den Fenstern das Aufbrüllen hungriger Autos. …3

Er beschreibt uns Dekadentes: z. B: „Und stellt euch vor, man kauft ein Auto um 55.000 Euro (ohne Extras), was wahrlich ein Entschluss über Jahre ist, und dann muss man feststellen, dass man den schlechtesten Radioemfang aller Zeiten mitgekauft hat“. . Das darf natürlich nicht sein, darum hat dieser BMW nach Staritz Navigation, Set-up, Menü, Ratio usw. Es scheint die Kritik am BM W X4M 40i bei Staretz darin hinauszulaufen, dass der Wagen im Sinne von Angebot und Nachfrage nicht mehr Marktgerecht ist.

 Als einmal ein BMW Manager sagte: „Ich weiß, es gibt zu viele Autos, aber es gibt zu wenige BMWs, so traf er wenigstens einen Punkt: Profitgier. Der Kampf um Marktanteile.Wer nicht leben kann, ohne zu verkaufen, kann leicht in die Lage kommen, die Menschen mit Werbung zu verblöden.   Staretz macht das nicht, er weist auch darauf hin, dass mit diesem Auto ein Lebensstil suggeriert wird, wahrscheinlich auch von den oben beschriebenen  BMW- Werbemanager.

Wenn man nicht gefühlsgetrieben, oder gewinngetrieben dieses Auto beschreibt, sondern vernünftig, nicht im Sinne,  wie in der Überschrift seines Artikel  angedeutet, sondern im Sinne von Umweltverträglich, muss man zum Urteil kommen:  Wer jedes Jahr das neueste BMW-Model kauft, ist wahnwitzig im Sinne von gefährlichem Verhalten. Eine andere Einstellung ist unvernünftig.  Was E.A. Rauter in seinem Buch mit dem Titel „Wofür arbeiten wir eigentlich?“ über einen Mercedes  schreibt, dass er uns –und sich selber – unnötig schnell vergiftet, und auch unseren  Lebensspielraum auf der Erde unwiderruflich in zynischen Dünkel verkürzt, trifft auch auf diesen BMW zu. Für solche Wagen produzieren wir wahrscheinlich fast wie bei den Mercedes- Modellen, eine Tonne Stahl, 30 Kilo Aluminium, 100 Kilo Kunststoff. Wir verbrauchen 20 000 Kilowatt elektrischen Strom, das sind zwei Drittel an Heizenergie, die ein Einfamilienhaus in einem Jahr verbraucht. Bei der Herstellung solcher Fahrzeuge sind wir gezwungen, fast alle bekannten Gifte an den Boden, ins Wasser und an die Luft abzugeben, wie Blei, Cadmium, Quecksilber, Cyanide, Kohlenwasserstoffe, Dioxin, Stickoxide, Schwefelwasserstoff, Schwefeldioxid, Propyläen, Butanol, Titantetrachlorid, Äthylen. Polyethylen und andere. Das Gift, das wir nicht in die Umgebung entweichen lassen, transportieren wir zu „Sondermülldeponien“ und lagern es dort; Immer wieder müssen wir neue Lager bauen, immer wieder ein Stück unseres Landes unter Produktionsgift verschwinden lassen. Die wachsenden Todeshalden lassen den jährlichen Wunsch nach dem neuesten und teuersten Auto zum menschenverachtenden Infantilismus werden. Unsere Nachkommen werden für diese Spielzeuge sterben müssen. Angesichts der Gefahren moderner Arbeitsweisen ist jede künstliche Stimulierung der Produktion - wie dieser oberflächliche Werbeartikel im Profil -  ein krimineller Akt, heißt es im Buch von E.A. Rauter.

Marchella Finelli, VDM  Verlag, German, 2009. Mag. Marcella Finelli absolvierte ihr Psychologiestudium an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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1,  Hellmut Hiess, „Automenschen – Menschenauto“. Walter Molt, „Die Kentauern und ihre Opfer“ In: „Wie lange fahren wir noch“, Herausgeber: Edition ÖH, Verlag der österreichischen Hochschülerschaft 1984,

3, Helmut Hiess, Autotexte S. 105

Otto Hwaletz, „Produktion als sozialer Prozess“, S. 212, „Bergmann oder Werkssoldat, Eisenerz als Fallbeispiel  industrieller Politik“, Edition Strahalm, Graz,  1984.

E. A. Rauter, Literatur, Fakten und Zahlennachweis: „Wofür arbeiten wir eigentlich?“ Hamburg: Rasch u. Röhring, S.38, 39.

E. A. Rauter, „Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht. Oder das herstellen von Untertanen“. Weismann Verlag, München 1979.

2, World Sozialist Web Site, wsws.org,  https://www.wsws.org/de/articles/2004/10/opel-o19.html.

Profil Nr.33. 47. Jg. 12 August 2016, S.56.

Profil, 10.10. 1984.

3, Apollonio Umbro, Futuristisches manifest von Marinetti,  „Der Futurismus, Manifeste und Dokumente einer Künstlerischen Revolution“, 109 – 1918, 1972, Köln.

Karl Marx, nachzulesen:  „Der Mensch als arbeitendes Wesen“, http://hipa.at/philo/arbeit.htm.

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29. September 2016