Der aufrechte Gang und die Oktoberrevolution

Robert Krotzer über einen entscheidenden Bezugspunkt der KPÖ Steiermark

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„Auf tausend Kriege kommen nicht zehn Revolutionen, so schwer ist der aufrechte Gang“, merkte einst der marxistische Theoretiker Ernst Bloch an. Im Oktober 1917 aber kam es in Russland zu einer solchen Revolution. Im aufrechten Gang erhoben sich hunderttausende ArbeiterInnen, Soldaten und BäuerInnen und Millionen Menschen schlossen sich unter der Führung Lenins und der Bolschewiki den Losungen „Brot und Frieden“ sowie „Alle Macht den Sowjets“ an. Die sozialistische Oktoberrevolution veränderte und bestimmte den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderes historisches Ereignis. Bis dahin war die Menschheitsgeschichte über Jahrtausende bestimmt vom Verhältnis zwischen Herr und Knecht, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Unterdrückern und Unterdrückten – und es schien geradezu unvorstellbar, dass der Platz der einen nicht mehr oben und der Platz der anderen nicht mehr unten sein sollte. Wo dieses Verhältnis nämlich bisher von den Unterklassen in Frage gestellt wurde, wüteten die Herrschenden nach der Niederschlagung des Aufstands stets mit einem fürchterlichem Strafgericht, um die alte Ordnung wiederherzustellen: Sie kreuzigten Spartakus‘ aufständische Sklaven, metzelten die meuternden Bauern des Spätmittelalters nieder und erstickten die Pariser Kommune im Blut. Karl Marx und Friedrich Engels zeichneten diese Geschichte der Menschheit als „Geschichte von Klassenkämpfen“ nach, vor allem aber gaben sie den Wünschen und Sehnsüchten der Unterdrückten mit dem von ihnen begründeten wissenschaftlichen Sozialismus ein Werkzeug für die Schaffung einer ausbeutungsfreien Gesellschaft in die Hand. Wladimir Iljitsch Lenin griff die Ideen von Marx und Engels auf und entwickelte sie unter den Bedingungen des Übergangs zum Imperialismus als höchstem und letztem Stadium des Kapitalismus weiter und ergänzte sie um das Konzept der „Partei neuen Typs“.

Der erste sozialistische Staat der Welt

Im Oktober 1917 kam es folglich anders: Nach Jahrhunderten unter der Knute der zaristischen Herrschaft, der nochmal gesteigerten Ausbeutung durch die auch in Russland mächtiger werdenden großen Kapitaleigentümer, dem jahrelangen Gemetzel des Ersten Weltkrieges mit all seinen Schrecken und Entbehrungen sowie den Erfahrungen mit den faulen Kompromissen und leeren Versprechungen der neuen bürgerlichen  Herren infolge der Februarrevolution, drängten mehr und mehr Menschen zu einem grundlegendem Bruch mit der alten Welt und zum Aufbau einer gänzlich neuen, sozialistischen Gesellschaft. Es kam zu einer revolutionären Situation, die Lenin einst folgendermaßen skizzierte: Die Unteren wollten nicht mehr, wie sie sollten; die Oberen konnten nicht mehr, wie sie wollten. Diese Situation fiel nicht vom Himmel: Aus einer langen Geschichte an Untergrundarbeit, Organisationsaufbau, theoretischem Ringen um Klarheit auch innerhalb der revolutionären Bewegung, Aufklärung der Massen und gemeinsamer Aktion, Aufständen, Streiks und vorangegangenen Revolutionen durch die russische ArbeiterInnenbewegung entstand unter der Leitung der Bolschewiki der erste sozialistische Staat der Welt. Ein Staat, in dem erstmals in der Menschheitsgeschichte die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung im Vordergrund standen. Und so radikal dieser Bruch mit allen bisherigen Machtverhältnissen war, so radikal waren auch die ersten Taten des jungen sozialistischen Staates: Einseitig erklärte er das Ausscheiden aus dem mörderischen Treiben des imperialistischen Weltkrieges und bot allen Völkern den Frieden an, der Großgrundbesitz wurde unter den kleinen BäuerInnen aufgeteilt, die Fabriken unter die Kontrolle der ArbeiterInnen gestellt, die politische Macht sollte künftig in den Händen der Arbeiter- und Bauernräte liegen, Frauen und Männer wurden rechtlich gleichgestellt, ebenso wie die unzähligen Völker der Sowjetunion, die bis dahin unter dem großrussischen Nationalismus litten. Dieses „Signal einer besseren Zukunft“ ging um den gesamten Globus und befeuerte revolutionäre Bewegungen und Aufstände weltweit. Auch in Österreich schöpften die revolutionären Kräfte Hoffnung und in den verarmten Vorstädten und den blutigen Schützengräben sprach man davon, bald „russisch“ mit den Kriegstreibern, Großkapitalisten und den feinen Adelsleuten zu sprechen. Die revolutionären Umbrüche im Herbst 1918 wie auch die Gründung unserer Partei, der KPÖ, sind somit unmittelbare Folgen des Roten Oktobers.

Von der Revolution bis zum Sieg über den Faschismus

So wie die Unterdrückten Hoffnung daraus schöpften, fuhr den alten Herren der Schreck über den ersten Arbeiter- und Bauern-Staat in alle Glieder – und abermals rüsteten sie zum fürchterlichen Strafgericht, um den Untertanen die Idee einer Gesellschaft ohne Herren und Knechte auszutreiben und dem roten Spuk ein Ende zu bereiten. 14 imperialistische Staaten unterstützten die „weiße“ Konterrevolution im nachfolgenden Bürgerkrieg, über den Michael Scharang anmerkte: „Siegt eine Revolution an einem Punkt der Welt, stürzt der Rest der Welt sich auf diesen Brandherd, um ihn auszutreten. Der siegreiche Revolutionär, von dem der Idealist Großes erwartet, ist mit dem Kleinsten beschäftigt: nicht unterzugehen.“

Die Sowjetunion ging damals nicht unter. Die Ausgangsbedingungen für den sozialistischen Aufbau aber waren wahrlich keine günstigen: Das Land und die Wirtschaftsproduktion lagen nach vielen Jahren Krieg und Bürgerkrieg darnieder, der Zarismus hielt die russische Bevölkerung über Jahrhunderte im geistigen wie ökonomischen Mittelalter, aus dem es sich mittels Bildung, Alphabetisierung und Industrialisierung erst befreien musste, die ständige Bedrohung des jungen Staates hemmte zugleich die Herausbildung einer umfassenden sozialistischen Demokratie. Und kaum waren der Bürgerkrieg sowie das Ausbleiben erfolgreicher sozialistischer Revolutionen in Westeuropa verdaut, stand mit der Machtübernahme durch die Nazi-Faschisten in Deutschland eine noch größere Gefahr vor der Tür, die unverhohlen zur Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“ aufrief und nach „Lebensraum im Osten“ trachtete. Der Faschismus war die brutalste Antwort der Herrschenden auf die Oktoberrevolution wie auch die von ihr inspirierten revolutionären ArbeiterInnenbewegungen in Westeuropa. Mit Stumpf und Stiel sollte jeder Gedanke an Freiheit, Selbstbestimmung und Frieden unter den Stiefeln der braunen und schwarzen Horden zertreten werden. Über 20 Millionen SowjetbürgerInnen fielen dem Vernichtungskrieg und Völkermord der Nazis zum Opfer und dennoch leisteten die Völker der Sowjetunion den entscheidenden Beitrag zur Befreiung Europas vom Faschismus, der am 9. Mai 1945 mit der am Berliner Reichstag gehissten roten Fahne mit Hammer und Sichel verkündet wurde.

Fortschritte…

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden in Osteuropa eine Reihe von sozialistischen Staaten, die sich ebenso positiv auf die Oktoberrevolution bezogen wie der jugoslawische Sozialismus, die chinesische Revolution oder die sozialistischen Modelle in Kuba oder Vietnam. Im globalen Süden kam es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Reihe von Befreiungsbewegung gegen die Herrschaft des Kolonialismus, aus denen zahlreiche „blockfreie“ Staaten hervorgingen. Durch die Unterstützung der sozialistischen Staaten konnten sich diese auch dem Einfluss des US-amerikanischen Imperialismus entziehen und einen eigenständigen Entwicklungsweg gehen. Vielfach aber wurde diese eigenständige Entwicklung der bisher unterdrückten Völker mit roher Gewalt bekämpft, wie die grausamen Kriege der USA in Korea und Vietnam oder die Unterstützung und Förderung faschistischer Regime durch die US-Administration in Lateinamerika zeigen. In Westeuropa wiederum waren die sozialistischen Staaten eine gewichtige Stärkung der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung, die dem Großkapital viele wichtige sozialpolitische Errungenschaften abringen konnten. Der keynesianische „Sozialstaat“ war auch ein Ergebnis der Furcht der Monopole vor einer sozialen Revolution und wäre ohne die Existenz einer Systemkonkurrenz zum Kapitalismus nicht denkbar gewesen.

…und der große Rückschritt

Umso gravierender wirkte sich auf viele Teile der Welt der Niedergang der sozialistischen Staaten Osteuropas Ende der 1980er-Jahre aus, der mit der Konterrevolution des neoliberalen Kapitalismus einherging. Ohne Systemkonkurrenz ging der Kapitalismus auf allen Ebenen zum Angriff über: Die „sozialstaatliche“ Schminke des Systems in Westeuropa wurde umgehend entfernt und man ging wieder zum offenen Klassenkampf von oben über, kriegerische Auseinandersetzungen, militärische Interventionen und die globale Bedrohung des Friedens stehen erneut auf der Tagesordnung und der Raubbau an Menschen und Umwelt bedroht unsere Lebensexistenz. Die Welt ist mit dem vermeintlichen Siegeszug des Kapitalismus nicht friedlicher, gerechter und freier geworden, wie seine Apologeten verkündeten. Vielmehr hielt das Recht des Stärkeren auf allen Ebenen erneut Einzug, wie eine Reihe von Zahlen eindrucksvoll belegen: Die reichsten acht (!) Männer der Welt besitzen mit einem Vermögen von 429 Milliarden US-Dollar mehr als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Auch in Österreich besitzt das reichste Prozent mittlerweile mehr als 40 Prozent des Gesamtvermögens, während den untersten 50 Prozent gerade einmal 2,5 Prozent des Vermögens bleiben. Weltweit leben beinahe 1,5 Milliarden Menschen in absoluter Armut. Über 5 Millionen Kinder sterben jährlich an Unterernährung, obwohl die weltweite Landwirtschaft längst mehr als 10 Milliarden Menschen versorgen könnte. Mit militärischen Interventionen wie in Afghanistan, dem Irak, Libyen oder Syrien wurden ganze Weltregionen destabilisiert, womit die Zahl der sich weltweit auf der Flucht befindlichen Menschen auf über 60 Millionen Menschen angewachsen ist. Der Kapitalismus zeigt ungehemmt seine zerstörerische Wirkung, weshalb die Frage nach seiner Überwindung heute mehr denn je auf der Tagesordnung steht.

Robert Krotzer

„Als KPÖ Steiermark ist und bleibt die Oktoberrevolution für uns ein entscheidender Bezugspunkt, wie auch die daraus hervorgegangen sozialistischen Staaten – mit ihren Lichtblicken wie auch Schattenseiten – eine bleibende Quelle von Erfahrungswerten sind für eine Welt jenseits des Kapitalismus. Sie waren getragen von dem Bemühen, eine bessere Welt zu schaffen.“ — Robert Krotzer.

Was wir heute von der Oktoberrevolution lernen können

Auch dafür lohnt es sich, anlässlich des 100. Jahrestages einen genaueren Blick auf die Oktoberrevolution zu werfen. Über viele Etappen, Ereignisse und Entscheidungen, die dem 25. Oktober 1917 (nach neuer Zeitrechnung: 7. November) folgten, sollen und müssen wir als Kommunistinnen und Kommunisten sowie alle Menschen, mit denen uns das Ziel einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus eint, diskutieren, um so Erklärungen und Schlussfolgerungen für künftige Anläufe um eine sozialistische Gesellschaft abzuleiten. Im Landesprogramm der KPÖ Steiermark stellen wir dazu fest: „Wer den Sozialismus will, muss die Geschichte des Realsozialismus bilanzieren, sich der historischen Wahrheit stellen, mit allen Plus und Minus. Die Geschichte des Sozialismus ist nicht nur eine Folge des eigenen Wollens und Handeln, des eigenen Vermögens und Unvermögens der herrschenden Kräfte. Eine vielseitige Analyse muss Wirkung und Gegenwirkung, die Wechselwirkung zwischen eigenem Wollen und die Einwirkung der mächtigen Gegenkräfte berücksichtigen. Ein produktiver Streit setzt einen solchen über den Charakter des abgelaufenen Geschichtsprozesses voraus, indem nicht zuletzt Interessen hinterfragt werden, die die Prozesse determiniert haben. Die Politik des Realsozialismus war teils richtige, teils verfehlte, teils vereitelte Politik. Eine objektive Beurteilung des Realsozialismus erfordert eine Rückblendung auf den Ausgangspunkt.“

Als KPÖ Steiermark ist und bleibt dieser Ausgangspunkt, die sozialistische Oktoberrevolution, für uns ein entscheidender Bezugspunkt, wie die daraus hervorgegangen sozialistischen Staaten – mit ihren Lichtblicken wie auch Schattenseiten – eine bleibende Quelle von Erfahrungswerten sind für eine Welt jenseits des Kapitalismus. Sie waren getragen von dem Bemühen, eine bessere Welt zu schaffen. Als steirische KPÖ halten wir es gestern, heute und morgen mit Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt jedoch darauf an, sie zu verändern.“

Mit der Festveranstaltung am 21. Oktober im Grazer Volkshaus wollen wir an das 100-jährige Jubiläum der sozialistischen Oktoberrevolution erinnern, über deren Folgen es in der Proletenpassion von Heinz R. Unger heißt:

Doch in der Vorstadt jeder Stadt,
wo Unterdrückte leben,
hält man jetzt den Kopf gerad':
„Lasst uns auf Lenin einen heben!“

10. Oktober 2017