Arbeiter sind keine Fabelwesen

Warum sich fortschrittliche Bewegungen vorrangig um die Arbeitswelt kümmern

Auf dem Meinungsmarkt haben folgende Behauptungen Hochkonjunktur: 1. Es gibt fast keine Arbeiter mehr. Und 2. Sehr viele Arbeiter sind dumm, weil sie die FP wählen. Natürlich drückt man das in wohlgesetzten Worten aus. Man verfolgt damit aber ein Ziel: Fortschrittliche Bewegungen sollen sich nicht mehr vorrangig um die Arbeitswelt kümmern. Arbeiter sind aber keine Fabelwesen.

 Aus: Grazer Stadtblatt:

Auf dem Meinungsmarkt haben folgende Behauptungen Hochkonjunktur: 1. Es gibt fast keine Arbeiter mehr. Und 2. Sehr viele Arbeiter sind dumm, weil sie die FP wählen. Natürlich drückt man das in wohlgesetzten Worten aus. Man verfolgt damit aber ein Ziel: Fortschrittliche Bewegungen sollen sich nicht mehr vorrangig um die Arbeitswelt kümmern. Arbeiter sind aber keine Fabelwesen.

Gibt es wirklich fast keine Arbeiter mehr? Wenn man die Dinge global betrachtet, dann stimmt diese Aussage ganz und gar nicht. Es hat weltweit noch niemals so viele Arbeiterinnen und Arbeiter gegeben wie jetzt. Das hängt mit der Industrialisierung in Kontinenten wie Asien und Afrika und mit der Auslagerung einfacher Produktionsvorgänge in die dritte Welt zusammen. Dort kann man Tag für Tag beobachten, was Ausbeutung von Lohnarbeitern bis ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein bedeutet.

Aber auch bei uns nimmt die Zahl der Lohnabhängigen und der Arbeiter im engeren Sinn nicht ab. Allerdings verändert sich die Zusammensetzung der Arbeiterschaft: Mit der Entwicklung der Technik (genauer gesagt der Produktivkräfte) wandeln sich die Arbeitsvorgänge von der Herstellung von Produkten durch Handarbeit zur Kontrolle der Produktionsvorgänge. Arbeiter sind heutzutage gebildeter und umfassender interessiert als ihre Vorfahren vor 100 Jahren. Und Arbeiten, die sich nicht so einfach ändern lassen, werden vorrangig von Menschen gemacht, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind. Man braucht nur an einer Baustelle vorbeizugehen oder an einer Supermarktkassa zu stehen, dann wird man das bemerken.

Zwei Drittel:Streiks gerechtfertigt.

Auch der Interessengegensatz zwischen den Eigentümern von Fabriken und Konzernen und ihren Beschäftigten wird bei jedem Stellenabbau und jeder Betriebssperre sichtbar. Und im Kampf um jede Lohnerhöhung. Dieser Widerspruch ist nicht verschwunden, er wird in der medialen Öffentlichkeit nur für nicht vorhanden erklärt.

In der Bevölkerung, bei den arbeitenden Menschen, ist eine Keimform des Bewusstseins für diesen Gegensatz aber vorhanden. Das hat eine Umfrage im Dezember gezeigt. 64 Prozent der Gesamtbevölkerung halten die Kampfmaßnahmen der Gewerkschaft und auch die Warnstreiks für gerechtfertigt. Bei den FP-Wählern sind dies immerhin noch 59 Prozent. (Profil, 17. 12. 2018). Zwei Drittel der Bevölkerung gehen der Meinungsmache von Wirtschaftsbund und Industriellenvereinigung nicht auf den Leim.

Wie ist das aber mit der FP und den Arbeitern? Allgemein gesehen sieht man ein gespaltenes Wahlverhalten: Bei Betriebsrats- und AK-Wahlen gibt es deutliche Mehrheiten für Listen, die mit der Arbeiterbewegung in Verbindung stehen, bei allgemeinen Wahlen ist das seit einiger Zeit nicht mehr so.

Arbeiter entscheiden Wahlen

Warum? Das ist zu erklären. Die SPÖ hat als Regierungspartei die Arbeiter enttäuscht und selbst Sozialabbau betrieben. Dabei ist sie eine Gefangene der EU, die diesen Sozialabbau vorschreibt. Die FP hat in der Opposition diese Enttäuschung aufgegriffen und so getan, als würde sie für „unsere Leute“ da sein. In der Regierung macht sie aber das genaue Gegenteil. Deshalb hat es bei der Einführung des 12-Stundentages eine große Unruhe unter den facebook-Freunden von Vizekanzler Strache gegeben. Wenn diese Menschen merken, dass die Einschnitte bei der Mindestsicherung auch sie selbst treffen und nicht allein die Ausländer, wird sich die Entfremdung von der FP noch verstärken. Der Rückgang der FP in einigen Umfragen ist ein erstes Indiz dafür.

Übrigens: Die ärgsten Rassisten in der FP-Anhängerschaft kommen immer noch aus den Burschenschaften und aus kleinbürgerlichen Kreisen, die Angst vor dem sozialen Abstieg haben.

Wen werden die Arbeiter aber dann wählen? Wieder die SP, die in der Regierung versagt hat, die Grünen oder gar die neoliberalen NEOS? Werden sie gar nicht zur Wahl gehen? Oder sehen einige von ihnen die KPÖ und den GLB als sinnvolle Alternative an? Die Antwort auf diese Frage kann Wahlen entscheiden. Arbeiter sind nämlich keine Fabelwesen. Es gibt sehr viele von ihnen.

Franz Stephan Parteder

17. Januar 2019