Über den Stalinismus

von Franz Stephan Partheder

Disposition für die Bildungsveranstaltung in Knittelfeld

Die Haltung zum ersten Versuch, die sozialistische Gesellschaft zu errichten, sowie zur Rolle und Stellung der Arbeiterklasse im Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung haben alle wesentlichen Auseinandersetzungen in der kommunistischen Bewegung und in unserer Partei bestimmt.

Dabei ist jedes Mal auch die Bewertung der Rolle Stalins und des von ihm und in seinem Namen geschaffenen Herrschaftssystems und Theoriegebäudes nicht nur zur Sprache gekommen, sondern im Mittelpunkt der Debatten gestanden. Auf den ersten Blick erscheint das seltsam zu sein. Stalins Lebenszeit reichte von 1879 bis 1953, er ist bereits seit 50 Jahren tot. Der zweite Blick zeigt uns aber etwas anderes. Lenin hatte sehr wenig Zeit, seine Vorstellungen vom Aufbau des Sozialismus in die Praxis umzusetzen. Nach der Oktoberrevolution gab es keine Atempause für eine friedliche Entwicklung Sowjetrusslands, der Bürgerkrieg dauerte bis 1920. Die Neue Ökonomische Politik (NEP) wurde 1921 eingeführt, ab 1922 war er durch Schlaganfälle fast arbeitsunfähig geworden, am 21. Jänner 1924 starb er.

Stalin hingegen war seit 1922 Generalsekretär der KPdSU (B). Drei Jahrzehnte der Entwicklung der Sowjetunion, der kommunistischen Weltbewegung und des Marxismus-Leninismus genannten Theoriegebäudes verliefen unter seinem bestimmenden Einfluss. Alle Reformen und Veränderungen nach seinem Tod, so verdienstvoll sie waren, stellten die Grundlagen dieses Systems nicht in Frage. Und weil die meisten Versuche, die darüber hinausgingen, in einer Annäherung an bürgerliche und sozialdemokratische Gedankengebäude oder sogar in konterrevolutionären Erscheinungen endeten, schien diese Haltung berechtigt zu sein.
Mit der Ausnahme kurzer Perioden während der Regierungszeit Chruschtschows war sogar eine Information über die schwersten Verbrechen Stalins und seiner Gefolgsleute in der Öffentlichkeit nicht opportun. Die Tatsachen des Sieges über den Faschismus, des Aufstiegs der Sowjetunion zur Weltmacht, der Herausbildung des sozialistischen Weltsystems, der antikolonialen Bewegung, der Bildungsrevolution und der Schaffung einer starken materiell-technischen Basis verdrängten die Reflexion über die Ursachen dieser Deformationen.

Das ruhmlose Ende der Sowjetunion und der osteuropäischen sozialistischen Länder drängt uns aber genau diese Frage auf: Es ist zu einfach und billig, diese Niederlage auf die verräterische Haltung von Personen zu reduzieren.
Und selbst wenn man diese Annahme übernimmt, kommt man zu folgendem Dilemma: Breschnew, Gorbatschow, Schewardnadse, Jelzin und wie sie alle heißen, sind in dem System nach oben gekommen, das in seinen Grundzügen von Stalin geschaffen wurde.

Es ist also sehr sinnvoll, darüber nachzudenken, was an diesem System faul war. Dabei können uns Analysen helfen, die schon von Zeitgenossen Stalins angestellt wurden. Der Stalinismus hat sich in der Sowjetunion und in der kommunistischen Weltbewegung ja nicht widerspruchslos durchsetzen können, weil er sich zwar als die Weiterführung der Lehren von Marx und Lenin ausgab, in Wirklichkeit aber ihre Dogmatisierung und Vergröberung bedeutet hat.
Der Widerstand dagegen war groß. Es ist deshalb nützlich, nachzulesen, welche Positionen Bucharin oder Trotzki während der Auseinandersetzungen in den Zwanzigerjahren vertreten haben. Auch die Debatten der Fünfziger- und Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, die von Marxisten geführt wurden, die außerhalb unserer Bewegung standen, sind für unser Vorhaben interessant. Sie sind meist inhaltsreicher als die Bekehrungsbücher ehemaliger Stalinisten wie Franz Marek oder Ernst Fischer.

Landesprogramm

In unserem Landesprogramm haben wir unter dem Titel "Bilanz des Realsozialismus" versucht, den Stalinismus zu charakterisieren.

Ich zitiere ausführlich:

"Die unlöslich mit der Person Stalins verbundenen, das sozialistische Wesen verunstaltenden Verbrechen und der Terror dürfen nicht verharmlost werden.
Sie dürfen in den marxistischen Sozialismusvorstellungen keinen Platz finden.

Entscheidend für das Scheitern des Realsozialismus' waren letztlich die eigenen Fehler, Mängel und Deformationen. Ohne schonungslose radikale Kritik des Stalinismus ist es unmöglich, neue, richtige und anziehende Sozialismuskonzeptionen zu entwickeln. Die Ursachen des beispiellosen historischen Misserfolges sind vielfältig, die praktische und theoretische Aufarbeitung ist dringlich.

Hauptübel des realen Sozialismus war das überdimensionierte bürokratisch-zentralistische Kommandosystem, sowie die unkontrollierte Konzentration der Macht im Führungszentrum der regierenden kommunistischen Partei.
Diese ersetzte die Prinzipien der Demokratie und der Kollektivität durch Administrieren, Diktat, Willkür und zeitweise durch Terror. Die Sowjets mutierten zu einer von den Massen entrückten Herrschaftsstruktur.
Sie waren immer weniger imstande, den Fortschritt befördernde Maßnahmen zu setzen.

Kommandosystem und das Administrieren machten die Menschen - die wichtigste Produktionskraft - zu mechanischen VollstreckerInnen der Verwaltungen. In der Praxis bedeutete dies das Ignorieren der Schöpferrolle der arbeitenden Menschen. Schließlich verloren Staat und Partei die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu erfassen und den Knäuel von Widersprüchen zu entwirren.

Die gegängelte marxistische Theoriebildung verlor auf dem Gebiet der politischen Ökonomie ihre innovative Fähigkeit, weil ihr verlässliche Kriterien zur Lösung aktueller Probleme fehlten.
Aus dem theoretischen Defizit resultierte die Notwendigkeit einer allgegenwärtigen aufgeblähten Bürokratie.

Aus der marxistischen Philosophie eliminierte Stalin das dialektische Grundgesetz der Entwicklung von der Negation der Negation, das die Kontinuität der Entwicklung ausdrückt: Die Negation als Aufhebung des Niederen durch das Höhere, des Alten durch das Neue, bei der aber auf der höheren Entwicklungsstufe alles Positive beibehalten wird, das dem
Gegenstand auf der vorhergehenden Entwicklungsstufe eigen ist. Stalins Vereinfachungen, Einseitigkeiten, Verabsolutierung, die Gleichsetzung von Negation und Vernichtung, sein Hang, Gegensätze für starr und unvereinbar zu halten, sein Bruch mit dem wissenschaftlichen und humanistischen Wesen marxistischer Sozialismusideen, der ganze Dogmatismus in seiner Geisteshaltung haben den Realsozialismus immens negativ beeinflusst.

Das bürokratisch-administrative zentralistische Herrschaftssystem hat Stalin überlebt, es war reproduzierbar. Der Stalinismus nach Stalin brach mit dem Terror, aber nicht mit den Deformationen und den undemokratischen Methoden, die sich weiter verfestigten. Deshalb hat der Terminus "Stalinismus" seine Berechtigung. Nach Stalin gab es keine Überlegungen über eine grundsätzlich neue Art und Weise, wie man auf den Widerspruch zwischen dem umfassenden Führungsanspruch der Partei und den Anforderungen des Staates und der Volkswirtschaft unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution auf neue Art reagieren müsste. Es blieb ein Tabu, die Frage nach Lockerung oder Abschaffung der umfassenden Machtbefugnisse der Parteispitze auch nur zu stellen.
Eine Theorie zur Lösung aktueller Probleme der Ökonomie des Sozialismus wurde bis zum Zusammenbruch des Realsozialismus nicht ausgearbeitet.

Der Stalinismus war in seinen Grundzügen nicht allein ein Phänomen des
Realsozialismus, sondern wurde auch der kommunistischen Weltbewegung aufgezwungen. Aufgabe unserer Zeit ist die Wiederherstellung einer starken, international operierenden kommunistischen Bewegung, deren objektive Grundlagen die realen kapitalistischen Produktions- und Vergesellschaftungsprozesse sind. Gemessen an dieser Aufgabenstellung ist der Stalinismus ein Synonym für Dogmatismus, Verflachung, Einengung, Realitätsverlust, ein Anachronismus.

Schlussfolgerungen

Unsere Haltung, zu der wir auf schmerzhafte Weise gefunden haben, bedeutet keine Verurteilung und Totalkritik der Sozialismusversuche im 20. Jahrhundert, sondern verpflichtet uns dazu, aus der Kritik an Abirrungen vom Marxismus Schlussfolgerungen für heutige und zukunftsweisende Politikkonzepte zu ziehen.

Für die Erneuerung der Sozialismuskonzeptionen und der kommunistischen Bewegung machen formelhafte öffentliche Distanzierungen vom Stalinismus wenig Sinn, die zu innerparteilichen Querelen oder sogar zu Ausgrenzungen führen können. Es kommt auf etwas anderes an. Wir müssen uns bewusst und kritisch den theoretischen Erkenntnissen und Erfahrungen der österreichischen und internationalen ArbeiterInnenbewegung stellen. An kritisches kommunistisches Denken muss der Anspruch gestellt werden, gesellschaftliche Wirkungszusammenhänge aufzudecken und darauf basierend die Erneuerung von Theorie und Praxis der Sozialismuskonzeptionen und der kommunistischen Parteien voranzutreiben."

Lukacs und Brecht

Ich persönlich halte die Analysen, die der große ungarische Marxist Georg Lukács in seiner Schrift "Sozialismus und Demokratisierung" angestellt hat, für besonders wichtig:

Er stellt folgende Thesen auf:

a) Alle Nachfolger Lenins (Bucharin, Sinowjew, Trotzki, Stalin) haben die Entwicklung der Sowjetunion auf eine ökonomische Frage reduziert und das gesellschaftliche Kernproblem der Entwicklung der sozialistischen Demokratie negiert. Dabei ist die Sowjetunion aus der Rätebewegung entstanden, die direkte Demokratie bedeutet hat.
Interessant ist es, in diesem Zusammenhang an die letzten Arbeiten Lenins zu denken, der von düsteren Vorahnungen geplagt, genau diese Frage in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt hat.

b) Die Entwicklung des Landes als rein ökonomisches Problem aufgefasst, bedeutet auch das Übergehen zu Kommandomethoden in der Gesellschaft und in der Partei selbst, die Eliminierung des selbständigen Denkens, bis nur mehr eine Person in Wirklichkeit kein Denkverbot hatte, der Generalsekretär. Das 1920 in einer Ausnahmesituation verhängte Fraktionsverbot diente dabei als Mittel zum Zweck.

c) Stalinismus bedeutet nach Lukács die Herrschaft der Taktik über die
Strategie. Das führte zur Unterordnung der Theorie und auch der Moral unter taktische Erfordernisse.

d) Eine Erneuerung unserer Bewegung ist nur möglich, wenn man die organisatorischen Über- und Unterordnungen aufbricht, die es in unserer
Bewegung seit Jahrzehnten gegeben hat. Ich halte unseren föderalistischen und basisdemokratischen Ansatz, der von den Rechten des einzelnen ausgeht, für besonders wichtig.

Auch Bertolt Brecht hat sich seit den Dreißigerjahren mit dem Phänomen des Stalinismus beschäftigt. In den Dreißigerjahren sprach er angesichts der Schauprozesse davon, dass der Ausbruch aus der Barbarei noch barbarische Züge tragen könne.
Nach dem 20. Parteitag stellte er dem marxistischen Denken folgende Aufgaben:

a) Nachdenken über das Umschlagen der Rolle Stalins und des Stalinismus vom Motor zur Bremse. Meiner Meinung nach ist dies spätestens dann der Fall gewesen, als man von extensiver auf intensive Entwicklung umsteigen musste.
Die höhere Produktivität der gesellschaftlichen Arbeit ist entscheidend für den Sieg einer neuen Gesellschaftsordnung. Untertanengeist und Repression behindern jene Fähigkeiten des Menschen, der wichtigsten Produktivkraft, die zu dieser höheren Produktivität führen.

b) Wiederherstellung der marxistischen Dialektik. Verzicht auf den blinden Glauben und Übergehen zum Beweisen der Überlegenheit des Marxismus und des Sozialismus.

c) Die Überwindung des Stalinismus ist nur auf dem geraden Weg zum Kommunismus möglich.

Abschließend ein paar Gedanken zur aktuellen Stalinismusdiskussion in der KPÖ.

Es ist sehr verdienstvoll, dass es eine Zusammenstellung der österreichischen Kommunisten, die Opfer des Stalinismus wurden, gibt. In diesem Zusammenhang ein weiteres Zitat von Bertolt Brecht: "Die
Arbeiterbewegung will reinen Tisch machen, sie scheut den leeren".

Wir dürfen diese Vergangenheit nicht verdrängen.

Wir dürfen aber auch nicht die Stalinismuskeule gegen unbequeme Menschen in unserer Partei schwingen. Es ist leider so, dass sich die Geschichte zu wiederholen scheint und eine Anpassung der KPÖ an zivilgesellschaftliche und reformistische Strömungen unter dem Banner des Antistalinismus vollzogen werden soll.

In Reaktion auf diese Versuche dürfen KommunistInnen aber nicht hinter die Erkenntnisse über den Stalinismus zurückfallen, die wir im Landesprogramm formuliert haben.
Eine Erneuerung unserer Bewegung ist nur möglich, wenn wir alle Erfahrungen des ersten Sozialismusversuches in unsere Überlegungen einbeziehen.

6. Juli 2005