Jean Ziegler: Das Imperium der Schande

Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung

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"Es kommt nicht darauf an, den Menschen der Dritten Welt mehr zu geben, sondern ihnen weniger zu stehlen."

Wenn Jean Ziegler über das Massensterben in der dritten Welt spricht, über Korruption, Ausbeutung, Verelendung und die Verantwortung, die westliche Regierungen und multinationale Konzerne in diesem Zusammenhang zu tragen haben, dann geizt er nicht mit Zahlen und Fakten.

Jean Ziegler wird vor allem in der Schweiz immer wieder vorgeworfen, ein verantwortungsloser Populist und Nestbeschmutzer zu sein, weil er seit Jahren auf die Verwicklung eidgenössischer Banken und Großkonzerne in die desaströse Politik vieler Drittweltländer hinweist. Aber der gestandene Sozialdemokrat aus Genf weiß, dass er der Macht der Multis mehr entgegenhalten muss als Behauptungen oder Unterstellungen. Und so ist sein neues Buch "Das Imperium der Schande" prallvoll mit Fakten und Zitaten, die Ziegler allerdings zu einem Tableau des Schreckens zu arrangieren versteht.

Die unverkäuflichen Rechte
"Refeudalisierung" ist einer der zentralen Begriffe in Zieglers Buch. Er holt weit aus, um zu erklären, was er damit meint. In den Jahren vor der Französischen Revolution, so Ziegler, habe die Aufklärung ihren Höhepunkt in der Formulierung grundlegender Menschenrechte gefunden. So heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Jahr 1776, dass es drei unveräußerliche Rechte gebe: das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit und das Recht auf das Streben nach Glück. Auch in Frankreich hat dieser Rechtsanspruch zum Sturz des Ancien Regime geführt, und rund 150 Jahre später bildete er die Grundlage für die UNO-Menschenrechtserklärung.

Das Problem nun ist, dass genau diese grundlegenden Menschenrechte für jenen Teil der Welt, den Ziegler als südliche Hemisphäre bezeichnet, nie gegolten haben. Waren es zuerst rücksichtslose Autokraten und korrupte Regimes, die nach den europäischen Kolonialherren die Ressourcen der so genannten Drittweltländer ausgebeutet und damit Hunger, Verarmung und Massensterben provoziert haben, sind es nunmehr die multinationalen Konzerne. Sie sind die neuen Feudalherren, die jeden Versuch dieser Staaten, sich aus dem Dilemma zu manövrieren, zunichte machen.

Kosmokraten sind profitorientiert
Der Hunger und die Verschuldung, so Jean Zieglers These, sind gewollt. Es gibt weltweit genug Ressourcen, um die Menschheit ausreichend zu ernähren. Es ist für die Industrienationen ein geringes Problem, die Länder der dritten Welt zu entschulden und ihnen dadurch die Möglichkeit zu geben, ins Gesundheits- und Bildungswesen zu investieren oder die eigene Landwirtschaft zu fördern, anstatt drückende Kreditraten abzuzahlen. Die Kosmokraten, so nennt Ziegler das Machtkonglomerat aus Politikern, Konzernchefs und Finanztechnokraten, die denken schließlich nicht sozial, sondern profitorientiert. Und die Profite sind schon lang nicht mehr in den Industrieländern zu machen.

Weltbank und Internationaler Währungsfonds spielen den so genannten Kosmokraten in die Hände, indem ihre Programme zur Sanierung der Volkswirtschaften immer auf Privatisierung hinauslaufen. Und Privatisierung bedeutet den Ausverkauf nationaler Ressourcen an multinationale Konzerne.

Machtlose UNO
Die UNO, für die Jean Ziegler arbeitet, ist machtlos, weil sie vom Willen jener Länder abhängig ist, die sie finanzieren, also in erster Linie von den USA. Deshalb zitiert Ziegler den französischen Revolutionär Babeuf. Alle Missstände sind auf ihrem Gipfel, sie können sich nicht verschlimmern, sagte dieser. Sie können nur durch einen totalen Umsturz beseitigt werden. Natürlich, betont Ziegler, ist damit ein Umsturz auf demokratischer Grundlage gemeint.

Buch-Tipp Jean Ziegler, "Das Imperium der Schande", aus dem Französischen übersetzt von Dieter Hornig, Bertelsmann Verlag, ISBN 3570008789

30. Mai 2009