"Island wird nicht verkauft, das Volk wird nicht betrogen"

Auszug aus Halldór Laxness: Atomstation (1948)

In seinem Roman "Atomstation" setzt sich der isländische Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness (1902-1998) mit dem Ausverkauf seines Landes, das erst kurz zuvor die Unabhängigkeit erlangt hatte, an die USA auseinander. Vor allem seine geografische Lage machte Island, das über keine eigene Armee verfügt, für die NATO interessant. Der Beitritt im Jahr 1949 und die damit verbundene Präsenz von US-Truppen im Land war in der Bevölkerung immer sehr umstritten, 2006 zogen sich die US-Streitkräfte schließlich überraschend aus Island zurück.

Das Land wird verkauft

Leider: Stille und Frieden, das ist nur ein Gedicht, das man in größeren Orten hersagt, ein Gedicht von Landleuten, die es aus Geldmangel in die Stadt verschlagen hat und die dort von der großen Welt angesteckt wurden; und bald nicht einmal mehr ein Gedicht aus unserer Zeit, sondern Jonas Hallgrimsson; würde es wohl einen zeitgenössischen Dichter rühren, wenn er hörte, wie in einem abgelegenen Tal eine Kirche zusammengezimmert wird und zwischen den Hammerschlägen ein Regenpfeifer flötet? Und der Südwind, den es in Reykjavik gar nicht gibt, wo ist heute der Dichter, der ihn kennt?

Bis die Stille plötzlich gestört wird: Die Politiker haben angefangen zu schreien, man soll wählen. Diese unangenehme Gesellschaft, die man mit keiner bekannten Methode loswerden kann, der einzige Trost ist, daß man sie in weiter Ferne weiß, sie hat sich jetzt vorübergehend bei uns niedergelassen. Ihre Beleidigungen und gegenseitigen Anschuldigungen, Verbrechen begangen zu haben, erfüllen diese stille Gegend, wo die Menschen vorsichtig sind bei der Wahl ihrer Worte. Und die Geschichte wiederholt sich: Obwohl die Landbewohner den ganzen Tag mit anhören, wie einer den anderen in Acht und Bann tut und stets mit unwiderlegbaren Beweisen, so würde ihnen doch nie einfallen, irgend etwas von dem, was sie einander vorwerfen, zu glauben, genausowenig wie ihnen einfallen würde, das zu glauben, was der Pfarrer auf der Kanzel sagt. Wenn die Kandidaten mit ihrer Rede fertig sind, lächeln ihnen die Landbewohner zu, als ob sie ganz gewöhnliche Menschen wären.

Ein Mann, der auf dem Land ein falsches Schaf schlachtet, wird nach seinem Tod in keinen Familienstammbaum aufgenommen, und trotzdem sind seine Nachkommen für zweihundert Jahre gebrandmarkt; deshalb kann es kaum verwundern, daß die Landleute nur bedingt an solche Schandtaten glauben, wie die Politiker sie einander in die Schuhe schieben; sie hören den Verbrechergeschichten auf politischen Versammlungen auch mit derselben Einstellung zu wie einer Saga, in der vom Kehlendurchbeißen, Anspucken und Augenherausreißen die Rede ist. Und da sie selbst nie ein Verbrechen begangen haben, sei es, weil sie nie Gelegenheit dazu hatten oder weil sie von Natur aus Heilige sind, fällt es ihnen genauso leicht, Verbrechen zu vergeben, wie es ihnen schwerfällt, an sie zu glauben.
Keine Macht hätte meinen Vater dazu bringen können zu glauben – selbst wenn man es vor seinen Augen mit Tatsachen bewiesen hätte –, daß es in Island Leute gäbe, die ein Jahr nach der Gründung der Republik die Landeshoheit an die Ausländer abtreten oder, wie man nach heutigem Sprachgebrauch sagt: das Land verkaufen wollten. Ganz gewiß, das war einmal in den Sagas vorgekommen, Gissur Thorvaldsson und seine Genossen hatten die Landeshoheit an die Ausländer abgetreten; das Land verkauft. Dieses Verbrechen, das die Bewohner des Tals im Jahre 1262 nicht hätten glauben wollen, hatten sie jetzt, nach siebenhundertjährigem Unabhängigkeitskampf, historisch entschuldigt. Doch wenn jetzt neue Politiker wieder anfingen, das Land zu verkaufen, würden sie es nicht glauben, auch wenn sie es sähen, sondern das Verbrechen noch einmal historisch entschuldigen, wenn ihre Nachkommen wieder siebenhundert Jahre lang gekämpft hatten.

Die Politiker schworen jetzt im Sommer im Nordland genauso feierliche Eide, wie sie im Winter in Reykjavik geschworen hatten: Island wird nicht verkauft, das Volk wird nicht betrogen, es wird keine Atomstation errichtet, wo man alle Isländer an einem Tag umbringen kann, erlaubt wird höchstens ein Rastplatz für ausländische Wohltätigkeitstrupps auf der Halbinsel Reykjanes; sie schworen bei Land, Volk und Geschichte, schworen bei allen Göttern und Heiligtümern, an die sie nach eigener Aussage glaubten; schworen bei ihrer Mutter; und vor allen Dingen schworen sie bei ihrer Ehre. Und da wußte ich gleich, daß es jetzt geschehen war.

3. April 2008