Gemeinsam leben und lernen als Ziel

Was Schule sein kann – jenseits von Ideologie, Traditionen und Parteipolitik.

In der Kleinen Zeitung erschien der im Folgenden dokumentierte Beitrag von Univ. Prof. Bernd Schilcher über die Notwendigkeit der Gesamtschule.

Gemeinsam leben und lernen als Ziel


Schule, sagt der deutsche Pädagoge Hartmut von Hentig, „sollte in erster Linie ein Erfahrungs- und Lebensraum sein“.

In England und in den USA war dieses Ziel schon vor 100 Jahren klar. John Dewey gründete um 1900 die ersten „Social Center Schools“ – Schulen, in denen der Erwerb sozialer Fähigkeiten gleichberechtigt neben der Wissensvermittlung gefördert wurde: Voneinander lernen, füreinander da sein und Verantwortung übernehmen. Die nötigen Erfahrungen bezog man aus Sport und Spiel.

Wer heute für das Leben vorbereiten will, muss seine neue Pluralität zur Kenntnis nehmen. Da sind Frauen und Männer immer gleichberechtigter in Beruf und Familie tätig; auf Schritt und Tritt begegnet man Angehörigen aller Schichten der Bevölkerung. Behinderte werden nicht mehr weggesperrt.

Dazu kommen die neuen Ethnien und Kulturen. Dort drohen Menschen vom Balkan, aus der Türkei, Afrikaner und Asiaten in geschlossene Parallelgesellschaften zu zerfallen. Man hat bei uns nicht gelernt, miteinander zu leben. Wie auch: Schon mit 10 Jahren wird die Volksschulgemeinschaft gesprengt. Kinder von Akademikern und aus bildungsnahen Familien – rund 30 Prozent eines Jahrgangs – kommen ins Gymnasium. 70 Prozent bleiben mit fast allen Ausländern und Behinderten in den Hauptschulen.

Dabei beweisen Reformschulen in Österreich und Deutschland, dass das gemeinsame Leben und Lernen von Schülern aller Schichten, Volksgruppen und Begabungen ungeheuer anregend sein kann. Gute Lateiner und Mathematiker helfen dort den Schwächeren und gewinnen dadurch an Wissen und Kompetenz dazu. Im Umgang mit Behinderten und Ausländern lernt man Menschen so zu nehmen, wie sie sind. In eigenen Tischlereien, Fotolabors etc. übt man Erfahrungslernen, erkennt die Notwendigkeit von Präzision und Selbstorganisation und lernt, aus Fehlern klüger zu werden. Derart wird jede Leistung in jedem „Begabungsfeld“ eines Schülers honoriert.

Das alles kann gelingen, wenn Lehrer aus Überzeugung mittun und einige Bedingungen geändert werden. Leben lernen kann man nur ganztägig. Die Erkenntnis, dass alle Begabungen gleichwertig sind, dringt nur durch, wenn man die unsinnige Einteilung in Haupt-, Lern- und Nebengegenstände beseitigt.

So wie jeder Schüler Verantwortung lernen muss, kann auch Schule nur gelingen, wenn sie sich für jeden Schüler verantwortlich fühlt und sich ganz individuell seinen Stärken und Schwächen widmet.

Solche gemeinsamen Schulen sollten unser gemeinsames Ziel werden. Unabhängig von Ideologien, von Traditionen und von Parteipolitik.

Bernd Schilcher war geschäftsführender Präsident des steirischen Landesschulrates

30. Mai 2007