Rede auf der Veranstaltung zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution.

Im Rahmen einer Veranstaltung im KPÖ Bildungszentrum hielt der steirische KPÖ Vorsitzende Frnaz St. Parteder den hier dokumentuerten Beitrag.
Franz Stephan Parteder
Ein roter Stern, der nicht verglüht

Rede auf der Veranstaltung zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution.

„Nicht weit vom ehemaligen Revolutionsmuseum (in Moskau) liegt in einer unterirdischen Einkaufspassage direkt gegenüber der Metrostation Puschkinskaja der Parfümerieladen „Arbat-Prestige“. Zehntausende strömen hier täglich vorbei. Im riesigen Schaufenster der Parfümerie werben revolutionäre Matrosen auf roten Transparenten für eine „Oktober-Preis-Revolution“. Doch das interessiert die Vorbeieilenden nicht die Bohne.“ (Presse, 6. November, Seite 39).
Auch in Russland gibt es derzeit Revolutionen nur mehr in der Werbung für Markenprodukte. Es ist interessant, dass ein Begriff wie Revolution, der in der Politik völlig verpönt ist, in der Reklame ständig in positivem Zusammenhang auftaucht. Aber das ist ein anderes Thema.
Heute geht es um Folgendes:
Warum versammeln wir uns als steirische Kommunistinnen und Kommunisten heute in Graz, um an den 90. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution zu erinnern?
Wir sind ja kein  Kameradschaftsbund zur Aufrechterhaltung des Andenkens an die Sowjetunion, wir sind eine politische Partei der Arbeiterbewegung, welche die Herrschaft des Kapitals stürzen und – ausgehend von den heute gegebenen Bedingungen - Schritte in Richtung Sozialismus gehen will.

Kann man aber diesem Ziel näher kommen, ohne die Erfahrungen der bisherigen Versuche zu studieren, eine neue, herrschafts- und ausbeutungsfreie Gesellschaftsordnung zu schaffen? Dann wäre man zumindestens dazu verurteilt, alle Fehler unserer Vorgänger in der Geschichte der Arbeiterbewegung zu wiederholen – und man würde sehr viel Zeit und Gedankenarbeit verschwenden, bis man zu den Kernfragen von revolutionären Prozessen vorstoßen könnte.
Dürfen  wir uns das in einer Zeit leisten, in der die Frage Sozialismus oder Barbarei so sichtbar auf der Tagesordnung steht wie heute? Natürlich nicht.

Und es ist ein Zeichen für die fortdauernde Wirkung der Oktoberrevolution und der Geschichte der Sowjetunion, dass junge Menschen, die auf der Suche nach einer wirksamen Alternative zur Herrschaft des Imperialismus sind, genau diese Epoche für sich entdecken und  im Jahr 2007 Schriften von Lenin und anderen Bolschewiken studieren, die gleich alt sind wie heute völlig vergessene Werke von damaligen Modeautoren.
Ich erinnere mich an eine Umbruchzeit in der Geschichte des entwickelten Kapitalismus, knapp nach dem berühmten Jahr 1968. Damals waren Lenin, Trotzki, Stalin oder Bucharin bei Teilen der Intelligenz noch viel stärker in Mode gekommen als jetzt, aber mit einer fatalen Folge: Man hat damals versucht, alles zu kopieren, was es in den Jahren der Oktoberrevolution und danach gegeben hat – bis zu den Linienkämpfen unterschiedlicher Gruppen, die in Österreich mit gegenseitigen Ausschlüssen, aber nicht mit Schauprozessen geendet haben.

Was fehlte, das war das Bemühen, den Inhalt des revolutionären Prozesses zu erfassen und Schlussfolgerungen aus der Entwicklung zu ziehen. Heute – 90 Jahre nach der Oktoberrevolution und 16 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion - steht diese Aufgabe mit voller Schärfe vor uns.

Es hilft uns nichts, wenn wir uns als Bolschewiki kostümieren – es schadet uns aber ungeheuer, wenn wir so tun, als ob wir mit der Geschichte unserer Bewegung nichts mehr zu tun hätten.

Unsere praktischen und theoretischen Anstrengungen haben das Ziel, gestützt auf das Erbe aller bisherigen Versuche, im 21. Jahrhundert eine ausbeutungs- und herrschaftsfreie Gesellschaft zu schaffen.
Wenn ich vom Erbe aller bisherigen Versuche spreche, so denke ich auch an den Faktor Zeit.

90 Jahre nach der Französischen Revolution war das Jahr 1879 – Kapitalismus im Übergang von der Phase des Konkurrenzkapitalismus zum Imperialismus mit einer Arbeiterbewegung, welche sich im Aufschwung befand.

90 Jahre nach der Pariser Commune war das Jahr 1961 – das Jahr der Schweinebucht und von Gagarin, im Zeichen der Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

90 Jahre nach der Oktoberrevolution schreiben wir das Jahr 2007. Ist uns der Sturm auf das Winterpalais genau so fern, wie dies im Jahr 1879 der Sturm auf die Bastille und 1961 die Tage der Commune waren?

Natürlich ist die Bedeutung der Oktoberrevolution auch heute nach 90 Jahren noch größer als dies bei den anderen Beispielen war, weil die Geschichte des staatlichen Sozialismus in Europa mehrere Jahrzehnte lang gedauert hat. Obwohl er noch in den Kinderschuhen steckte, hat der Sozialismus den Menschen in der Sowjetunion und den im Gefolge des Oktober entstandenen anderen sozialistischen Ländern große soziale Errungenschaften gebracht: das Recht auf Arbeit, soziale Geborgenheit, Bildung für alle u. a. Unter dem Einfluss des Oktober wurde das imperialistische Kolonialsystem zum Einsturz gebracht. Und auch die von der Arbeiterbewegung in den imperialistischen Metropolen erkämpften sozialen und demokratischen Reformen hängen untrennbar mit dem Schock zusammen, den der Oktober und seine Folgen der Bourgeoisie versetzte. Mein Vater war Ofenmaurer bei den Veitscher Magnesitwerken; politisch interessiert, aber bei keiner Partei. Und er hat mir immer wieder gesagt. „Wenn es die Sowjetunion nicht gäbe, was wäre dann mit unseren Sozialleistungen?“
Die Oktoberrevolution hat (als Nebeneffekt) dazu geführt, dass im entwickelten Kapitalismus das eingeführt und ausgebaut wurde, was wir Sozialstaat nennen. Das Ende des aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Staates hat den Generalangriff des Kapitals auf Löhne und Sozialleistungen gewaltig erleichtert. Das bleibt stärker im Gedächtnis der Völker haften als dies bei den von mir genannten anderen Beispielen der Fall war. Die drei Jahreszahlen 1789, 1871 und 1917  und die mit diesen Jahreszahlen verbundenen Revolutionen gehören aber untrennbar zusammen. Sie bezeichnen drei Etappen der Befreiung der Menschheit aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Trotzdem leben wir in einer anderen Zeit.
Es stimmt aber, dass die grundlegenden gesellschaftlichen Probleme noch immer der Lösung harren, wobei die damaligen Lösungsansätze im Guten wie im Schlechten lehrreich sind.
Das dürfen wir nie vergessen. Gleichzeitig müssen wir darüber nachdenken, was anders geworden ist und wie wir hier und  jetzt die Leute an das Bewusstsein einer grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzung heranführen können.

Wer heute 18 Jahre alt ist, hat keine Erinnerung mehr an den Realsozialismus in Europa. Er kennt das alles nur aus Büchern und wundert sich vielleicht über den scholastischen Streit zwischen in Ehren ergrauten marxistischen Wissenschaftern über die Vergangenheit unserer Bewegung. Junge Leute von heute sehen etwas anderes: Den Aufschwung sozialistischer Ideen vor allem in Lateinamerika und die riesigen gesellschaftlichen Widersprüche des real existierenden Kapitalismus.
Wir haben in dieser Situation sehr viel zu sagen,  weil wir wissen, wo wir hinwollen. Der Realsozialismus gehört in Europa zwar zur Vergangenheit, die Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse ist aber eine Forderung der Gegenwart.


Seit der Oktoberrevolution sind 90 Jahre vergangen. Die Sowjetunion gibt es nicht mehr. Staaten, die aus dem weltrevolutionären Prozess nach dem Jahr 1917 hervorgegangen sind und sich weiterhin auf  den Sozialismus berufen, haben höchst unterschiedliche Entwicklungen genommen: Man vergleiche einmal die Volksrepublik China mit Kuba oder Vietnam und Laos mit Nordkorea. Und es gibt neue Beispiele der gesellschaftlichen Veränderung vor allem in Lateinamerika.

Was können wir von Lenin und den Bolschewiki  da noch lernen?

1.): Da ist einmal die Haltung dieser Partei.

Man hat sich damals nicht auf die Schriftgelehrten des internationalen Marxismus wie Karl Kautsky verlassen, sondern hat aus dem Studium der gesellschaftlichen Entwicklung in Russland und der Welt seine eigenen Schlussfolgerungen gezogen. Und Revolutionäre wie Lenin haben an diesen Schlussfolgerungen auch festgehalten, wenn sie in einer Minderheit waren. Es gibt in der Geschichte unserer Bewegung keine kühnere Wendung als die Charakterisierung der russischen Revolution und ihrer Perspektiven, die in den „Aprilthesen“ Lenins zu finden ist. Er musste die Orientierung auf die sozialistische Revolution damals auch gegen die gemäßigte und vorsichtige Mehrheit in der eigenen Partei durchsetzen, die damals von  Kamenew und Stalin repräsentiert wurde.
Diese Haltung, dass man mit dem eigenen Kopf denken muss und nicht nach dogmatischen Schablonen vorgehen darf, gilt auch für uns, die wir in einer völlig anderen Situation politisch wirksam sein wollen. In der Steiermark und in Österreich ist weit und breit keine Doppelherrschaft zu sehen. Es geht darum, die schärfsten Angriffe auf die sozialen und demokratischen Rechte der arbeitenden Menschen abzuwehren und in Perspektive eine Gegengewicht zu schaffen, das zum Kern einer gesamtösterreichischen fortschrittlichen Initiative werden kann. Deshalb arbeiten wir so, wie wir in der Steiermark arbeiten. Es geht uns darum, Schritt für Schritt alle Funktionen einer Partei der Arbeiterbewegung auszufüllen, den ökonomischen, den politischen und den ideologischen Kampf.

2.): Von allergrößter Bedeutung ist auch die Orientierung auf die Arbeiterklasse.

Es ist in großen Teilen der Linken und leider auch in der Bundes-KPÖ üblich geworden, die Arbeiterklasse entweder als revolutionäre Kraft abzuschreiben oder sie als aussterbende Erscheinung zu bezeichnen. Jeder Bericht über Schwarzarbeitskontrollen an Baustellen, aber auch jede Nachwahluntersuchung von Politologen zeigt, dass die Arbeiterklasse in Österreich existiert und eine politische und gesellschaftliche Bedeutung hat; nicht zu sprechen vom Weltmaßstab. Weltweit steigt die Zahl der Arbeiterinnen und Arbeiter weiterhin sprunghaft an. Fabriksarbeit gibt es mittlerweile bereits in den entlegensten Weltgegenden. Und bei uns nähert sich die sogenannte technische Intelligenz der Arbeiterklasse an und Teile davon beginnen mit ihr zu verschmelzen. Der Widerspruch zwischen der Arbeiterklasse und der übergroßen Mehrheit der werktätigen Bevölkerung zum Monopolkapital ist nicht kleiner, sondern schärfer geworden. Er darf von ExponentInnen unserer Bewegung nicht kleingeredet werden.
In den Jahren vor der Oktoberrevolution hat es unter den Bolschewiki eine Diskussion gegeben, welche große Ähnlichkeiten mit der bei uns heute geführten hat.
Nach der Niederlage der Revolution von 1905 gab es bei den Bolschewiki Stimmungen der Resignation und verschiedenste Versuche, nach Auswegen zu suchen. Sie äußerten sich in Ultraradikalismus, aber auch im Bestreben, die philosophischen Grundlagen des Marxismus in Frage zu stellen und die Rolle der Arbeiterklasse herabzumindern. Es sind prominente Namen, die sich damals dem „Gottbildnertum“ zugewandt haben: Gorki, Lunatscharski, Bogdanow. Lenin hat das Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“ der Auseinandersetzung mit dieser Strömung widmen müssen – und es war gar nicht leicht, in der Partei eine Mehrheit für die Position zu gewinnen, die sich schließlich als richtig herausgestellt hat. Dabei will ich gar nicht von den Schwankungen und Fehlentwicklungen der anderen fortschrittlichen Parteien im zaristischen Russland und im Exil reden.  
In der Oktoberrevolution hat sich dann gezeigt, dass die Arbeiter keine reaktionäre Kraft geworden waren, sie haben durch ihre Kampfaktionen wesentlich zum Erfolg beigetragen.
Die steirische KPÖ begreift sich auch deshalb aus prinzipiellen Gründen als Arbeiterpartei und sieht in der Organisierung der arbeitenden Menschen eine Hauptaufgabe ihres Wirkens.
Damit stehen wir in der Tradition des kommunistischen Manifests und auch der Oktoberrevolution.

3.): Der dritte Punkt ist besonders wichtig. Lenin und die Bolschewiki haben den Leuten zugehört.

Eine Arbeiterpartei, die ihre marxistischen Grundlagen nicht verleugnet, die fest zu ihren Erkenntnissen steht, kann nur dann Erfolg haben und sich positiv weiterentwickeln, wenn sie mit der Mehrheit der Bevölkerung verbunden ist.  Wer die Gesellschaft umwälzen will, der muss wissen, was die Menschen denken und  welche Vorstellungen sie selbst haben. Wir dürfen uns nicht von den Leuten absondern. Kommunistinnen und Kommunisten sind aus keinem besonderen Holz geschnitzt, sie sind  keine besseren und auch keine klügeren Menschen als die Mehrheit der Bevölkerung. Sie haben auf einem bestimmten Gebiet der Gesellschaftswissenschaften lediglich die besseren Informationen.
Wer glaubt, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen auf Kommando einer selbsternannten Elite passieren können, der ist auf dem Holzweg. Die Bolschewiki haben im Jahr 1917 vor der Oktoberrevolution ihre Mitgliederzahl mehr als verzwanzigfacht, sie haben die Mehrheit in wichtigen Stadtbezirken Petrograds und schließlich in der Petrograder und der Moskauer Stadtduma und sowie im gesamtrussischen Sowjet erreicht. Der spätere Präsident der Sowjetunion Michail Kalinin war Bezirksbürgermeister und Nadeschda Krupskaja war in einer Bezirksverwaltung Petrograds für Schul- und Bildungsfragen zuständig.
Ohne die politische Mehrheit der werktätigen Bevölkerung in den Zentren Russlands wäre der Erfolg am 7. November 1917 nicht möglich gewesen.


Genossinnen und Genossen!

Die Oktoberrevolution und auch der Realsozialismus in Osteuropa sind Geschichte. Sie haben nicht mehr die zentrale Bedeutung, welche sie von 1917 bis 1991 hatten. Den durch die Sowjetunion verkörperten Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft gibt es seit 1991 nicht mehr. Wir müssen aus dieser Geschichte lernen. Wir können unsere Strategie aber nicht mehr allein  auf die Oktoberrevolution stützen, wenn wir die Sache der Arbeiterklasse vorantreiben wollen.
Dabei halte ich für besonders wichtig, die Priorität der gesellschaftlichen Praxis auch für die Theoriebildung wieder ins Bewusstsein zu rücken.
Ohne gesellschaftliche Praxis gibt es keine revolutionäre Theorie. Für mich ist das eine ganz wichtige Umkehrung gängiger Redensarten, die sich gegen den Kathedermarxismus richtet, der in der kommunistischen Bewegung schon genug Unheil angerichtet hat. Wir müssen mit dem eigenen Kopf denken und dürfen nie vergessen, dass wir auch in Österreich nicht die einzigen sind, für die der jetzige Weltzustand nicht das Ende der Geschichte ist. Das haben wir nämlich  in jeder Etappe unseres Weges in der Steiermark ganz deutlich gesehen. Unsere Erfolge sind deshalb so groß geworden, weil uns immer wieder sehr viele Menschen aktiv oder mit ihrer Stimme bei Wahlen unterstützt haben, die sich das vielleicht sehr lange nicht einmal im Traum vorgestellt hätten, einmal Seite an Seite mit den Kommunisten zu stehen. Und auch wir haben in dieser Zeit viel gelernt. Prinzipienfestigkeit besteht nicht darin, immer wieder die in einem bestimmten politischen Code „richtigen“ Reizwörter zu wiederholen, sondern auch darin, in Entscheidungssituationen Vorschläge und Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten, die den Interessen der arbeitenden Menschen, unserer Wählerkoalition und unserer Grundorientierung entsprechen.
Auf diesem Weg müssen wir weiter gehen.


Wir sind kein Kameradschaftsbund zur Aufrechterhaltung des Andenkens an die Oktoberrevolution. Für mich war und ist der „Rote Oktober“ 1917 aber ein roter Stern, der nicht verglüht. Jede grundlegende Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird mit genau denselben Problemen konfrontiert werden, denen sich Lenin und die anderen Revolutionäre in Russland gegenüber gesehen haben. Sie haben es gewagt, den Kampf aufzunehmen. Und sie haben einen großen Sieg errungen, sie haben ein ganzes Staatswesen umgewälzt und damit ein Beispiel gegeben, das weiter wirkt und im Gedächtnis der Menschheit bleiben wird.



30. Mai 2009