"Die Mühen der Ebene"

von Franz St. Parteder

„Die Mühen der Ebene“, meine Wutausbrüche und warum Bertolt Brecht trotz alledem ein marxistischer Klassiker ist.
I

„Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“: Dieser Satz des Schulbuchklassikers Friedrich Schiller ist seinerzeit von Hinz und Kunz immer wieder, zu den passendsten und zu den unpassendsten Gelegenheiten zitiert worden.
Heutzutage redet auch noch der provinziellste Provinzpolitiker von den „Mühen der Ebene“, wenn  er irgendeinen Unsinn verteidigt oder wenn er nach einer Ausrede dafür sucht, dass er seine alten Wahlversprechen nicht einhält.
 
Und ich bekomme jedes Mal einen Wutausbruch, wenn ich das höre (gut, dass ich keine Axt bei der Hand habe). Denn dieser Schnösel oder diese Schnöselin weiß nicht einmal, dass er oder sie  damit eine Textzeile von Bertolt Brecht zitiert – und zwar nicht irgendeine Zeile. Brecht hat von den Mühen der Ebene gesprochen  und meinte damit die Aufgaben, die vor der Arbeiterbewegung in der DDR nach dem Sturz des Faschismus standen. Die „Mühen der Gebirge“ lagen hinter den GenossInnen, vor ihnen lagen die „Mühen der Ebene“, nämlich der Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, welche die Lehren aus der Geschichte ziehen sollte. Das würde eine schwierige, widerspruchsvolle Arbeit werden, meinte Brecht. Als er aus dem Exil wiederkehrte war sein „Haar nicht grau“, jetzt – in Deutschland – war es grau geworden.
Es ist zu verstehen, dass ich zornig bin, wenn unser Bundeskanzler von den Mühen der Ebene redet. Er zeigt damit nämlich nur, dass er von Bertolt Brecht gar nichts begriffen hat.
 
II
 
Am 14. August war sein 50. Todestag. Auf vielen Fernsehkanälen wollte man ihn aus diesem Anlass ein weiteres Mal beerdigen. Man konnte viele Geschichterln erfahren, das Wesentliche wurde aber meist ausgespart: Brecht war ein politisch konsequenter Denker mit einer Naturbegabung für Dialektik.
In seinen Arbeiten (die er Versuche nannte) ist die Suche nach ästhetischer Erneuerung nicht von einer gesellschaftspolitischen Grundposition zu trennen, die immer vom Standpunkt der arbeitenden Menschen und der Veränderbarkeit der Welt ausging.

Deshalb hat der Autor auch all jenen, die heute nach Wegen der Veränderung suchen, ein umfangreiches Erbe hinterlassen, das gesichtet und angewendet werden sollte. "Erwarte keine andere Antwort als die Deine": So lautete die Feststellung Brechts angesichts der Diskussionen nach der Niederlage der deutschen Arbeiterbewegung 1933.

Es ist heute noch nützlich, die Antworten Brechts auf viele gesellschaftlichen Fragen zu studieren. In seinem Arbeitsjournal, in den Geschichten vom Herrn Keuner, im TUI-Roman oder in Meti, Buch der Wendungen, kann man nachlesen, dass er mit dem eigenen Kopf gedacht hat und die marxistische Dialektik auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens anwenden konnte. Seine Lyrik und seine Stücke sind ohne diese Gedankenarbeit nicht vollends zu verstehen.
 
 
III
 
Kurt Palm, Germanist, parteiloser Kommunist, Volksbildner und Regisseur, hat dieser Tage ein  neues Buch herausgebracht. Es heißt „Brecht im Kofferraum. Aufsätze. Anekdoten. Abschweifungen.“ Wer etwas über den Brecht-Boykott in Österreich, über die letzten Jahre der DDR, über Dialektik auf dem Theater, über den KSV-Salzburg in den Siebzigerjahren und über Kurt Palm erfahren will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Es ist im Löcker-Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro.
Eine Kostprobe gefällig: „Meine ersten Erinnerungen an Bertolt Brecht sind mit einem Lesebuch verbunden, das ich Anfang der 70er-Jahre im Foyer der Arbeiterkammer Vöcklabruck erstand. Es handelte sich dabei um ein in Kommunistenkreisen gern gelesenes Buch, das in der Sowjetunion gedruckt worden war und in erster Linie jene Texte enthielt, die Brecht als strammen Dichter des Proletariats auswiesen. Brechts späte Abrechnung mit Josef Stalin oder seine erotischen und pornografischen Gedichte hatten in diesem Sammelband ebenso wenig Platz wie seine skeptischen Aufzeichnungen über die Entwicklung in der DDR oder seine Konflikte mit Teilen des kommunistischen Parteiapparats.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass diesem Buch als Motto Brechts berühmtes Gedicht Fragen eines lesenden Arbeiters vorangestellt war.

Da mein Vater als Schlosser sozusagen Subjekt dieses Gedichts war, las ich ihm eines Tages in unserer Küche in Timelkam diesen Text in der Hoffnung vor, ihn für die Anliegen des internationalen Proletariats zu gewinnen. Meinen Vater ließ dieses Gedicht allerdings ziemlich kalt, und er empfahl mir dringend, mich lieber meinem Studium zu widmen, als ihn mit solchem "Blödsinn" zu belästigen. Diese Reaktion bestätigte meine Befürchtung, dass auch er bereits ein ideologisches Opfer der Sozialpartnerschaftspolitik in Österreich geworden war und sich mehr für Garagentore und Balkongeländer als für den Klassenkampf interessierte.

Selbstverständlich ließ ich mich von solchen marginalen Rückschlägen nicht davon abhalten, mich weiterhin im Kommunistischen Studentenverband in Salzburg zu betätigen und die Werke Brechts aufmerksam zu studieren.“ (a.a.O. S.9).

5. Oktober 2006