Das kurze Leben des Jura Soyfer

90 Jahre Februaraufstand

Der Aufstand des Februar 1934 konnte weder Austrofaschismus noch Nazifaschismus verhindern. Aber er setzte ein weltweit wahrgenommenes Zeichen, dass Widerstand möglich ist. Einer, der die Zeit litararisch verabeitet hat war der 1912 in Russland geborene und mit seinen Eltern nach Wien geflüchtete Jura Soyfer. 

 

Die Werke Jura Soyfers konnten erst nach dem Krieg gesammelt werden. In den 1970er Jahren wurden sie von den „Schmetterlingen” in deren Programm „Verdrängte Jahre” aufgearbeitet werden.

VERDRÄNGTE JAHRE

 

Zwischenkriegszeit in Österreich

Texte von Jura Soyfer, Musik: Schmetterlinge

 

 

 

LIED VON DER ORDNUNG

 

Dass wir Hunger haben ist nicht wichtig

Nebensache, dass wir betteln gehen

Unsre Klagen weist man ab als nichtig,

Hauptsache: die Ordnung bleibt bestehn!

 

Wer‘s noch nicht gemerkt hat, mag’s jetzt hören

Eine Ordnung gibt‘s auf dieser Welt.

Sie ist da, damit wir sie nicht stören,

Und wir halten sie, weil sie uns hält!

 

Die Erde ist von Ost bis West,

Von Singapur bis Budapest,

Glänzend organisiert

Dreißig Millionen gehen stumm

In Reih und Glied vor Hunger krumm,

Wer nicht mehr gehen kann, fällt um.

Das klappt als wärs geschmiert! -

Gibt‘s zu viel Brot? Dann heizt mit Brot!

Gibt‘s zu viel Menschen? Schießt sie tot

Die Ordnung schuf der liebe Gott,

Wir friern, krepiern, im Tritt und Trott.

Die Ordnung funktioniert!

 

Gestern hielten wir noch fromm die Ordnung.

Heute wankt sie. Wird sie morgen stehn?

Und wir fragen: Muss es stets in Ordnung,

Muss es stets in  d i e s e r  Ordnung gehen?

 

 

 

Aus der Revue „Wir lesen eine Zeitung‘‘. Aufgeführt von der Sozialistischen Arbeiterjugend Favoriten beim Pfingsttreffen in Steyr. Erschienen in der Arbeiter-Zeitung am, 3. Juli 1932.

1929 nimmt Jura Soyfer an einer sozialistischen Ferienkolonie in der Steiermark teil und wird als  satirisches Talent entdeckt. Ab nun schreibt er zahlreiche Gedichte und Texte  für das politische Kabarett  der Sozialdemokratischen Partei und für ‚die „Roten Spieler’, der Schauspieltruppe der Sozialistischen  Mittelschüler.

 

 

DIE MÜHLEN DER GERECHTIGKEIT/ LIED DER JUSTIZ

 

Der liebe Gott sprach klipp und klar.

„Punkt fünf: Du sollst nicht tötenl“

In Graz sprach man den Kommentar:

„Und wenn, dann nur Proleten!“

In Arbeiterlokalen

Kriegt erst Justitias Säbel Schneid:

Dann mahlen, dann mahlen

Die Mühlen der Gerechtigkeit.

 

Wer „Hunger!“ brüllt, den muss man fest

An seiner Kehle packen.

Man heilt die Not in Budapest

Mit Polizeiattacken,

 

Und gibt‘s in Polen Wahlen,

Wird mancher stumm gemacht, der schreit:

Es mahlen, es mahlen

Die Mühlen der Gerechtigkeit

Nut Mut, du kleiner Bankmagnat,

Ihr feschen Heimwehgrafen

Es kann, wer Geld im Sacke hat,

Ganz ruhig bei mir schlafen!

Proleten meiden den Verkehr

Mit mir, Sie wissen schon:

Sie kommen bei mir nicht mehr

Heil und gesund davon•

Dem sag‘ ich nein, dem .sag ich ja,

Ich bin die Frau Justitia!

 

Ich kost‘ nicht viel. Ich folg‘ dem Fey

Für nur fünf Schilling willig.

Denn, was dem einen recht ist sei

Dem anderen eben billig!

Auch meine Verehrerschar ist enorm,

Denn ich gestehe: Ach,

Es macht in Zivil und Uniform

Der starke Mann mich schwach.

Doch sie zu nennen, verbieten sie ja

Im Namen der Justitia.

 

Zum Lied der Justitia scheint am 30. Oktober 1932 in der Arbeiter-Zeitung eine politische Karikatur der österreichischen Klassenjustiz: Frau Justitia als Hure, die mit einem Heimwehr/er flirtet. Im Oktober 1932 hatte der Bürgermeister des Roten Wien, Karl Seitz, die Justiz eine Dirne genannt. Österreichs Gerichte der Ersten Republik verziehen nur zu oft faschistische Putschversuche und Arbeitermorde. Klassenju­stiz war es auch, die im Juli 1927 die Heimwehrmörder eines Sozialdemokraten und eines achtjährigen Kindes in Schattendorf freisprach. Gegen darauffolgende spontane Demonstrationen der Wiener Arbeiter eröffnete die Polizei das Feuer. 86 Tote und 1100 Verwundete forderte der 15.Juli 1927, de zum Wende­punkt der österreichischen Demokratie werden sollte.

 

 

Vertrauenkundgebung für Herrn Fey

 

Eiapopeia, alala,

Was rasselt da im Stroh?

Man macht auf Waffen Razzia

Und darum rasselt‘s so.

Proleten, wir wollten die rote Partei

Und die Verfassung bewachen?

Ach, überlassen wir das Herrn Fey

Und seiner braven Polizei;

Die werden die Sache schon machen.

 

Alle sind gleich vor dem Gesetz,

Vor dem Gesetz dieses Staates.

Doch hinter dem Gesetz ist stets

Für Heimwehr reichlich Platz,

Ja, dazu sagten wir allerlei,

Als unzensuriert wir noch sprachen

Jetzt überlassen wir alles Herrn Fey

Und seiner braven Polizei.

Die werden die Sache schon machen.

 

Es Ist nicht leicht für die Gendarmerie

In unbekannten Verstecken

Stets unsere Waffen und niemals die

Der Heimwehr zu . . entdecken!

Sie haben wohl viel Plage dabei.

Sie schwitzen· wir können lachen!

Drum überlassen .. wir alles Herrn Fey

Oh, sei‘n wir doch nicht destruktiv!

Vertrauen wir ihnen! Auf Ehre:

Sie sind entwaffnend objektiv!

 

Brauchen wir da noch Gewehre? Wir wollten uns schützen vor allerlei

Grünen und braunen Apachen.

Ach überlassen  wir alles Herrn Fey

Und seiner braven Polizei.

Die werden die Sache schon machen.

 

Grab weiter, wertes Staatsorganl

Und gib uns keinen Pardon

Denn sieh! Wir zogen die Massen heran

Gegen die Reaktion.

Und schaut euch bloß ein wenig um,

Bei euren Waffensuchen!

Steh‘n da nicht Massen rundherum,

Die Fäuste geballt und fluchen?

 

Viel hundert Münder - ein Zornesschrei?

Sind wir‘s, die den Hass entfachen?

Wir überlassen das, Ihnen, Herr Fey,

Und Ihrer braven Polizei.

 

 

Der Wiener Heimwehrführer Major Emil Fey hatte seit Oktober 1932 das Amt des Staatssekretärs für das Sicherheitswesen inne, Fey war führend an der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes im Februar 1934 beteiligt.

 

 

 

 

KAPITALISTISCHER SEGENSSPRUCH

 

In Leoben fror man heuer.

Weil für Kohlen kein Bedarf;

Und man schreit nach Brot in Steyr

Und der Winterfrost ist scharf,

Fünfmal hunderttausend Hände liegen still.

Kein Rad mehr rollt,

Sei gesegnet ohne Ende,

Heimaterde wunderhold!

 

Hohe Seelenhirten hüten

Treu der Bankenjuden Geld.

´s gibt faschistische Banditen

Von der Etsch bis an den Belt.

Dass man die Verfassung schände,

Sind fünf Schilling fixer Sold.

Sei gesegnet ohne Ende,

Heimaterde wunderhold!

 

Dieser Staat lässt sich nicht lumpen,

Wenn er sich belumpen lässt;

Einer kriegt das Gold in Klumpen,

Euch,. euch gibt man bald den Rest

Rufet: ,.Hoch die Dividende!“

Wenn ihr euch zum Stempeln trollt

Sei gesegnet ohne Ende.

Heimaterde wunderhold!

 

 

In den Industriestädten Leoben und Steyr waren die Auswirkungen der Wirtschaftskrise besonders hart.

Im Februar 1932 zählte man in Österreich 440.000 Arbeitslose (ohne Ausgesteuerte). Teilnehmer an Demonstrationen rechter Heimwehrverbände, meist Arbeitslose, wurden mit fünf Schilling pro Auf­marsch belohnt. Die Zeilen: ,.Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold“ sind Beginn der österreichischen Bundeshymne der Zwischenkriegszeit. (Text: Ottokar Kernstock, Melodie: Joseph Haydn.)

Das Gedicht erschien in Jura Soyfers Arbeiter-Zeitungs-Kolumne „Zwischenrufe Links“ am 21. Februar  1932. (gekürzt)

 

 

 

 

Wenn der Himmel grau wird

 

In weiter Ferne sind verblasst

Die Sterne  unsre Brüder.

Als eine bleiern graue Last

Senkt sich der Himmel nieder.

Der Mensch erwacht in seinem Leid

Zum Mord und zum Gebete.

Der Atem einer kranken Zeit

Geht keuchend durch die Städte.

 

 

Steh auf im Schein des kargen Lichts.

Du Lump auf fremder Schwelle!

Steh auf und geh und hoffe nichts.

Der Himmel wird nicht helle.

Das wird ein Arme-Leute-Tag

Voll Schweiß und Blut und Tränen

Das wird ein Tag vom alten Schlag

Nicht der, den wir ersehnen.

 

 

Nicht der, der uns im Traum erschien

Gekrönt von hundert Sonnen.

Da blühend stand im ew‘gen Grün

Die Welt, die wir gewonnen.

Den Ranzen pack und troll dich sacht.

Schon nahen die Gendarmen!

Verbirg, verbirg den Traum der Nacht,

Den lichten Traum der Armen.

 

 

 

 

Rosa und Paul träumen in .Astoria“ von einer besseren. gerechteren Welt, wo „die Obdachlosen nicht frieren und die Menschen „Nicht aus Unglück, sondern aus Glück saufen”: Weil ,in Astoria ist olles gratis. Sogar das Geld.“ Doch für Rosa und Paul verschwindet das blaue Firmament  der Hoffnung rasch, und der graue Himmel der Realität macht sich breit.

 

 

 

 

Zeitungsmeldungen

 

„Es braust ein Ruf wie dazumal In allen deutschen Gauen!

Deutschlands Stationschef gibt Signal

Zur fröhlichen Fahrt ins Grauen.

Es-gibt Spione die Gift verstreu“n

Am Brunnen vordem Tor.

Und gar in puncto ,Wacht am Rhein‘ -

•Lieb‘ Vaterland, magst ruhig sein,

So ruhig wie nie zuvor!

Wir wollen uns siegreich ins Stahlbad stürzen!“

Stammt dlese Meldung vom Jahre Vierzehn?

Fehlgeratenl Die Nachricht wird

Vom Jahre dreiunddreißig datiert.

 

„Von neun guten Deutschen

sind durchschnittlich acht

Soldaten, und der letzte

Der für die Front nicht kommt in Betracht,

Der ist der Vorgesetzte.

´s ist höchste Zeit, dass die große Zeit

Über Deutschland komme!

Der gute Deutsche ist bereit

Zu kämpfen mit Beharrlichkeit

Um seinen Platz an der Sonne.

Stammt diese Nachricht vom Jahre Vierzehn?

Fehlgeraten! Die Meldung wird

Vom Jahre dreiunddreißig datiert..

 

Ach wären wir gewesen wie sie so hart.

Als wir im Jahre 18 an die Reihe kamen,

Dann hätten wir uns Herrn Hitler erspart ...

Genossen vom Reich! Wann ruft ihr „Halt“?

Datiert die Meldung auf möglichst bald!

 

 

 

Erschienen am 22. März. 1933 in der Arbeiter-Zeitung. Am 23. März  tritt in Deutschland das .„Ermäch­tigungsgesetz“ in Kraft. mit dem die NSDAP den Reichstag ausschaltet und die Diktatur errichtet..

 

 

 

 

MATUSKA SPRICHT

 

Als Gott und Kaiser mich einst riefen.

Hab‘ Hunderte ich massakriert:

Das nannt‘ man damals ,Offensiven‘,

Man fragte nicht nach den Motiven.

Man hat mich zweimal dekoriert.

Ich tat dasselbe dann privat

Da hieß es plötzlich: Greueltat!

 

Man hört jetzt rings ,Heil Hitler!‘ schreien,

Es kriegt der Kerl auch immerfort

Von Thyssen, Skoda Geldanleihen.

Warum? Er will das Volk befreien.

 

Und wie? Ganz klar: durch Massenmord!

ich tat dasselbe.: Statt zu schreien:

„Heil Matuska” sperrt man mich ein,

 

Wer ist verrückter, frag‘ ich da:

Die  Welt oder der Matuska?’‘

 

 

Silvester Matuska, aus Ungarn stammend und ,im Wien der Zwischenkriegsjahre als Fabrikant lebend verübte zahlreiche Attentate auf Eisenbahnen, bei denen 22 Menschen ums Leben kamen. Er lenkte den Verdacht auf Nationalsozialisten und Kommunisten.

Der deutsche Stahlindustrielle Fritz Thyssen hatte bis 1933 rund eine Million Markf ar die NSDAP gespendet, die tschechiscthe Waffenschmiede Skoda zählte ebenfalls zu den Geldgebern Hitlers.

Das Gedicht (leicht gekürzt) erschien am 6.Juni 1932 in der Arbeiter-Zeitung.

 

 

 

 

GEH MA HALT A BISSERL
UNTER...

 

Geh ma halt a bisserl unter

Es holt der Franz das Fräul´n Marie

Zu einer Überlandpartie.

„Aber gehns, Herr Franz!“

„Aber schaun Sie Fräuln Marie”

 

Doch sie steht verweint in der Kuchel

„Herr Franz, ham‘s scho ghört?

´s is aus mit der Erd!“

So schluchzt sie ins patschnasse Tüchel.

Der Franz aber lacht;

„Was mir das schon macht?

Ich weiß mir dazu ein Sprüche!!

 

 

Gehen ma halt a bisserl unter,

Mit tschin-tschin in Viererreihn,

Immer lustig, fesch und munter,

Gar so arg kann´s ja net sein.

Erstens kann uns eh nix gschehn,

Und zweitens ist das Untergehn

´s Einzge, was der kleine Mann

Sich heutzutag noch leisten. kann.

Drum gehn ma halt a bisserl unter,

´s riskant, aber fein!“

 

 

Aus: .,Der Weltuntergang“ oder „Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang…“, 1936. Das Stück ist eine kosmische Farce in der sich Anklänge an Johann Nestroy und Karl Kraus mit der Bedrohung durch der Nationalsozialismus verbinden.

(In Anlehnung an ein bekanntes Wienerlied von Herrmann Leopoldi (gekürzt)

 

 

 

URALTE SILVESTERLEGENDE/ ZEHN TAGE NEUES JAHR

 

Die Menschheit sah: ihr altes Jahr

War schäbig und war dreckig.

Die Menschheit sah:

Vom Blute und

Vom Schweiße war es fleckig.

 

Die Menschheit sah, dass ihr Gewand

Mehr keinem wollte passen,

Weshalb sie es für gut befand,

ein neues sich näh‘n zu lassen.

 

Die Herren der Wirtschaft und Politik

Schworen heilig bei den Banketten,

Mit Frieden, Krediten, Vertrauen Und Glück

Diesmal sicher die Welt zu erretten.

 

In Washington war man sehr gereizt.

Weil Arbeitslose nach Essen riefen.

Es dampfen, mit Kaffee geheizt,

In Brasilien die Lokomotiven.

Und während der Weizen zum Himmel stank,

Erschoss man Menschen, die Hunger hatten.

Die  Rüstungen aber, Gott sei Tank,

Gehen nach wie vor in Frieden vonstatten.

 

Ein neues Jahr? Nein. das war es nicht.

Die Menschheit war verblendet:

Man hatte lhr bei Sternenlicht

Den alten Rock gewendet!

Den alten Rock, der Würgt und sticht,

Sie wenden ihn ohne Ende.

 

Die Menschheit aber sah es nicht

Sie schleicht mit gläubigem Gesicht.

Zur nächsten Jahreswende.

 

 

Der Liedtext entstand aus zwei Gedichten Jura Soyfers „Zehn Tage neues Jahr” am 10. Jänner 1932 in der Arbeiter-Zeitung erschienen und „Uralte Silvesterlegende” am 31. Dezember 1933 im Arbeiter-Sonntag veröffentlicht.

Zwischen den Erscheinungsdaten beider Gedichte kam in  Deutschland der Faschismus an die Macht.  Die politische Unterdrückung als Folge der Wirtschaftskrise nahm weltweit zu: In Indien wurden zehntausende Oppositionelle, unter ihnen Mahatma Gandhi, verhaftet, in Washington demonstrierten tausende Arbeitslose, und am 22, Juni 1932 meldete die New York Times, dass in Brasilien eine Milliarde Pfund Kaffee verheizt worden sei, um das Preisniveau zu halten. In den USA werden Millionen Tonnen Getreide aus Profitgründen vernichtet.

 

 

STURMZEIT

 

Der Weg ist weit

Und fern die Rast.

Es fliegt die Zeit

Vom Sturm erfaßt

Dir gellend um die Ohren.

Ein Flügelschlag

Streift dir durchs Haar -

War das ein Tag?

War das ein Jahr?

Verflogen und verloren.

Was du getan

Geht über Bord.

Der Hurrikan

Reißt alles fort

Und reißt dein Kleid in Fetzen.

Was rings geschieht,

Ist schnell verweht

Du hörst das Lied

Und das Gebet

Kaum im Vorüberhetzen

 

Zum Himmel stieg

Ein Mutterschrei!

Das war ein Krieg

nun ists vorbei

Weh allen, dies erwähnen

 

Im Tod verklingt

Ein „Ca ira“,

Ein Stern verslnkt,

Er schien so nah,

Nun regnet´s rote Tränen

 

Das Sterben jagt

Dem Leben nach.

Ein Morgen tagt,

Ein Mensch zerbrach,

Es blühn und dorren Saaten.

Es treten ab

Und fallen hin

Ins Massengrab

Die Kompanien

Der ewigen Soldaten.

 

Es stürmt die Zeit

Und gibt nicht Rast

Und Müdigkelt

Hat dich erfasst,

Du willst die Augen schließen,

Und dennoch schließ

Dem Sturme sieh

Ins Angesicht!

Denn du sollst alles wissen

 

 

Aus: ,,Der Lechner-Edi schaut ins Paradies”. Im Herbst 1936, als Österreich 350.000 Arbeitslose zählt schreibt Jura Soyfer dieses Lehrstück vom Ausgesteuerten, der nach den Schuldigen am Massenelend fragt.

 

 

 

SONG DES GUCK

 

Ihr habt in meinem Schädel tausend Formeln verstaut,

Ihr gabt mir die Weisheit mit Löffeln zu fressen,

Ihr habt mir die modernsten Apparate gebaut,

Um die Schöpfung exakt zu vermessen.

Ihr truget mir auf, nach den Gründen zu sehen,

Und ihr stelltet mein Hirn auf die Wacht

Und ich suchte die Wahrheit für euch zu verstehen

Und habe die Wahrheit zu kennen gedacht.

Falsch ist  falsch und wahr ist wahr,

Spricht der Narr.

 

Wahr ist, was die Kurse stützt,

Falsch ist, was keiner Aktie nützt,

Spricht wer gewitzt

 

Ihr habt mit meinem Ruhm die Illustrierte gefüllt.

Die Wochenschau hat meine Größe verkündet

Ihr habt mich dann in Stein und auch in Bronze enthüllt

Und Vereine um mich gegründet.

Solange ich euch Tod und Verderben versprach,

Sprach ich wahr, denn der Börse tat‘s gut,

Die Rettung in Händen, so lief ich euch nach:

Ihr lachtet und schlugt mir vom Kopfe den Hut

 

Wahr ist falsch und falsch ist wahr: Merk dir‘s. Narr!

Falsch ist wahr zu guter Letzt:

Wer die Wahrheit höher schätzt,

Wird matt gesetzt’

 

Der Physiker Professor Guck in der Szenenfolge „Weltuntergang“ oder „Die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang „ist die wiederkehrende Gestalt, die vor dem drohenden Untergang warnt. Im „Song des Guck” beklagt der Physiker die Rolle des Wissenschafters in einer profitorienrtierten Welt.

 

 

 

 

 

WANDERLIED

 

Der Sommer ist verglommen,

Der Herbst hat ausgeweint.

Nun ist derWinter kommen,

Der bitterböse Feind.

 

Die Erde liegt im Leichenhemd

Und war einst jung und bunt.

Was suchst du noch, du bist hier fremd,

Mein Bruder Vagabund.

 

Wie springt dir an die Waden

Der scharfe Winterwind,

Du bist nicht eingeladen,

Wo sie besoffen sind.

Dich ruft kein Wirt zum heißen Punsch

Um Sankt Silvesters Stund’:

Ein Rabe krächzt den Neujahrswunsch,

Mein Bruder Vagabund.

 

Und wär der Himmel droben

Von Samt und von Brokat

Und Sternlein eingewoben,

Ein jedes ein Dukat,

Wär keiner, der die Leiter stellt,

Dass man sie holen kunnt,

So ist die Zeit, so ist die Welt,

Mein Bruder Vagabund.

 

 

 

 

 

 

 

Die beiden Landstreicher Hupka und Pistoletti singen in der 1937 entstandenen Bilderreihe „Astoria“ das Lied auf ihrer Wanderschaft. die sie in einen Staat führt, der gar nicht existiert, Astoria ist - Im Ständestaat Österreich eine Posse „von der Fragwürdigkeit einer Gesellschaft für deren Arbeiterschaft der Begriff des Staates und jener der Heimat nicht länger vereinbar sind“ (Horst Jarkai

 

 

 

 

SCHLAFLIED FÜR EIN
UNGEBORENES

 

Schlaf, Kindlein, schlaf.

Dich schützt der Paragraf.

Dich treibt die Mutter schon nicht ab.

Dich braucht der Staat fürs Massengrab

Im Wasgenwald, am Piave.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

 

Halt die Ehe hoch in Ehren,

Wenn‘s nicht anders geht, im Prater!

Denn mein Volk soll sich vermehren

Wie der Weizen in den Meeren!

Sprach der Staat zu deinem Vater.

 

Die Maschine, die Kanone

Brauchen Futter, brauchen Futter.

Bel den Menschen geht’s  auch ohne

Denn er ist der Schöpfung Krone.

Sprach der Staat zu deiner Mutter.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

Dich schützt der Paragraf.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

Dich schützt der Paragraf.

Dich treibt die Mutter schon nicht ab,

Dich braucht der Staat fürs Massengrab

lm Wasgenwald, am Piave.

Schlaf, Kindlein, schlaf.

 

 

 

 

Der Paragraf 144 (Verbot der Abtreibung) wurde von der Sozialdemokratie in der Zwischenkriegszeit besonders heftig bekämpft.

Wasgenwald und Piave sind Schlachtorte des Ersten Weltkrieges. Der Weizen in den Meeren weist daraufhin, dass während du Wirtschaftskrise in den USA Weizen vernichtet wurde.

„Schlaflied für ein Ungeborenes” erschien in der Arbeiter-Zeitung am 1.Jänner 1933. (leicht gekürzt)

 

 

 

GALGENFRIST BEWILLIGT

 

Im fernen Osten hat‘s Schüsse gegeben,

Doch Genf hat nur von Ausschüssen gewusst.

Ach, weißt du, wie viel Sternlein kleben

Auf der Generale Brust?

In Komitee und Kommission

Wird beraten, beraten, beraten,

Und in aller Welt marschieren schon

Soldaten, Soldaten, Soldaten.

Und ein Kriegsgrund ist ja leicht zu besorgen.

Heut nicht mehr? Dann morgen!

 

 

 

Die Schüsse im Fernen Osten hatte im Herbst 1931 Japan abgegeben, als es daranging, die Mandschurei zu besetzen. Der Völkerbund in Genf erwies sich immer unfähiger, das faschistische Italien und - spätere - nationalsozialistische Deutschland immer unwilliger, den Frieden  in der Welt zu erhalten. Während in Genf Abrüstungsverhandlungen stattfanden, ging das Wettrüsten munter weiter.

Erschienen in der Arbeiter-Zeitung am 26. }uni 1932. (Stark gekürzt)

 

 

 

 

LIED DES EINFACHEN
MENSCHEN

 

Menschen sind wir einst vielleicht gewesen

Oder werden‘s eines Tages sein.

Wenn wir gründlich von all dem genesen,

Aber sind wir heute Menschen? Nein‘

 

Wir sind der Name‘ auf dem Reisepass.

Wir sind das stumme Bild im Spiegelglas,

Wir sind das Echo eines Phrasenschwalls

Und Widerhall des toten Widerhalls.

 

Längst ist alle Menschlichkeit zertreten,

Wahren wir doch nicht den leeren Schein!

Wir, in unsern tief entmenschten Städten,

Sollen uns noch Menschen nennen? Nein!

 

Wir sind der Straßenstaub der großen Stadt,

Wir sind die Nummer im Katasterblatt,

Wir sind die Schlange vor dem Stempelamt

Und unsre eigenen Schatten allesamt.

 

Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild

Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt.

Ein armer Vorklang nur zum großen Lied,

Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!

 

 

 

Entstanden als Lyrik für Kleinkunstbühnen. Wie viele Werke Jurya Soyfers blieb das Stück, aus dem das „Lied des einfachen Menschen“ stammt, ver­schollen.

 

 

 

 

DACHAU LIED

 

Stacheldraht, mit Tod geladen,

Ist um unsre Welt gespannt.

Drauf ein Himmel ohne Gnaden

Sendet Frost und ‚Sonnenbrand.

Fern von uns sind alle Freuden,

Fern die Heimat und die Frau‘n,

Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,

Tausende im Morgengraun.

 

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann. Kamerad,

Mach ganze Arbeit. pack an. Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

 

Vor der Mündung der Gewehre

Leben wir bei Tag und Nacht.

Leben wird uns hier zur Lehre,

Schwerer, als wir‘s je gedacht

Keiner mehr zählt Tag‘ Und Wochen,

Mancher schon die Jahre nicht.

Und so viele sind zerbrochen

Und verloren ihr Gesicht.

Und wir haben die Losung von Dachau gelernt,
Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch. Kamerad, sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

 

Schlepp den Stein und zieh den Wagen,

Keine Last sei dir zu schwer.

Der du warst in fernen Tagen.

Bist du heut schon längst hicht mehr,

Stich den Spaten in die Erde,

Grab dein Mitleid tief hinein.

Und im eignen Schweiße werde

Selber du zu Stahl und Stein.

 

Und wir haben die Losung, von Dachau gelernt.

Und Wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad,

Sei ein Mann. Kamerad,

Mach ganze Arbeit. pack an, Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit: macht frei!

 

Einst wird die Sirene künd‘en:

Auf zum letzten Zählappell!

Draußen dann, wo wir uns finden,

Bist du, Kamerad zur Stell.

Hell wird uns die Freiheit lachen,

Vorwärts geht‘s mit großem Mut.

Und die Arbeit, die wir machen,
Diese Arbeit, sie wird gut.

 

Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt,

Und wir wurden stahlhart dabei.

Bleib ein Mensch, Kamerad.

Sei ein Mann, Kamerad,

Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad:

Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

 

 

 

 

Jura Soyfer, der gegen die ankommende Katastrophe schrieb, wurde ihr Opfer. Das „Dachaulied”, im Konzentrationslager entstanden, ist sein letztes erhalten gebliebenes lyrisches Lebenszeichen. Im KZ Dachau wurde es von Herbert Zipper vertont und von den Häftlingen gesungen. Wenige Monate vor seinem Tod im KZ Buchenwald war sein Lebenswille und Optimismus noch ungebrochen. In seinem letzten Lied noch nahm er die zynische Phrase über dem Lagereingang beim Wort und veränderte sie zum Bekenntnis der Menschenwürde und Befreiung.

 

 

 

 

Österreich 1918-1938

Zwischen Reform und Reaktion

 

Im Herbst 1918 zerfiel die Donaumonarchie. Auch im Reststaat „Deutsch-Österreich“ war eine revolutionäre Situation entstanden.

Die ersten Wahlen in der jungen Republik im Februar 1919 machten die Sozialdemokratie zur stärksten Fraktion, dennoch besaßen Christ­lichsoziale und Großdeutsche in der Nationalversammlung die Mehrheit. Doch konnten die Sozialdemokraten die Angst des Bürgertums vor der Revolution ausnützen und eine Reihe namhafter Reformen durchsetzen, Während in Bayern und Ungarn Räteregierungen an die Macht kamen, setzte die österreichische Sozialdemokratie unter Führung Otto Bauers auf „Reform statt Revolution”.

 

Nach Stabilisierung der kapitalistischen Herrschaft in Österreich konnte das Bürgertum auf Bundesebene auf die Sozialdemokratie ver­zichten: Im Juni 1920 kam es zum Bruch der Koalition, die Christlichsozialen bildeten eine Alleinregierung, Das Kapital ging in die Offensive über: Reiche Unternehmer und Großgrundbesitzer gründeten klerikal-faschistische Verbände – die „Heimwehren“, mit dem erklär­ten Ziel, die Demokratie auszuschalten. Auch die NSDAP gewann Anhänger, vorwiegend aus dem Kleinbürgertum.

In der Bundeshauptstadt gelang es den Sozi­aldemokraten, ihre Reformpolitik weiterzuführen. Sozialeinrichtungen und Wohnbau im „Roter Wien“ wurden beispielgebend für eine fortschrittliche Kommunalpolitik in der ganzen Welt.

Der verbalradikalen Vorgangsweise des „Austromarxismus” gelang es überdies, den leninistischen Flügel der Arbeiterbewegung in die sozialdemokratische Partei zu integrie­ren, sodass die 1918 gegründete KPÖ zunächst bedeutungslos blieb.

 

Zur Abwehr des aufkommenden Faschismus gründete die Sozialdemokratie 1923 den ,.Republikanischen Schutzbund“. Schwere Zu­sammenstöße führten in den kommenden Jahren zu einer permanenten Bürgerkriegsstim­mung, die am 15. Juli 1927 ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

 

Im Jänner 1927 erschießen in dem burgenländischen Ort Schattendorf Heimwehrler einen Schutzbündler und ein achtjähriges Kind. Im Juli 1927 werden die Schattendorfer Mörder frei­gesprochen, daraufhin marschieren am nächsten Tag zehntausende Arbeiter in die Wiener Innenstadt, der Justizpalast wird erstürmt und in Flammen gesetzt. Die Polizei eröffnet das Feuer in die Menge. 86 Tote und 1100 Verwun­dete sind das Ergebnis des 15. Juli 1927.

Mit dem Zusammenbruch der Bodencre­ditanstalt brach 1929 die Weltwirtschaftskrise mit voller Wucht über Österreich herein. 1931 – man zählt 400.000 Arbeitslose – tritt die Reaktion endgültig zum Angriff gegen die letzten Festungen der österreichischen Arbei­terbewegung an.

 

Am 15. März 1933 schaltet die christlichsoziale Regierung unter Kanzler Dollfuß das Parlament aus. Daraufhin folgt:

Verbot des Schutzbundes

Beschränktes Streikverbot

Verbot des traditionellen Maiaufmarsches

Verbot der kommunistischen Partei

Wiedereinführung der Todesstrafe

Verbreitungsverbot der Arbeiter-Zeitung, dem Zentralorgan der Sozialdemokratie

Tägliche Waffensuchen der Polizei in sozialdemokratischen Parteiheimen

 

Während die Parteimassen den bewaffneten Kampf gegen den Heimwehr-Faschismus forderten, wich die Parteiführung Schritt für Schritt zurück und hoffte auf Verhandlungen.

Gegen das dringende Anraten des Parteivorstandes erklärte die Linzer Schutzbundführung bei der nächsten Waffensuche Widerstand zu leisten. So begann am 12. Februar 1934 in Linz der bewaffnete Aufstand. Bis zum 15. Februar fanden in Linz, Wien, Bruck an der Mur, Kapfenberg, Graz, Steyr. St.Pölten und anderen Städten schwere Kämpfe statt. Am erbittert­sten wurde in den Wiener Arbeiterbezirken Flo­ridsdorf und Ottakring, um den Reumannhof in

Margareten und den Karl-Marx-Hof gekämpft. 1200 Tote und 5000 Verwundete hatten die Kämpfe gefordert. Neun Schutzbündler, dar­unter der schwerverletzte Karl Münichreiter, wurden hingerichtet.

Über 10.000 Einkerkerungen, die Auflösung der Sozialdemokratischen Partei, ihrer Organisationen sowie der Gewerk­schaften folgten.

 

Der 12. Februar 1934 hatte das Versagen der Parteiführung aufgezeigt, die jahrelange Kom­promisspolitik fand ihren Niederschlag. Dem ausgerufenen Generalstreik leisteten wichtige Teile der Arbeiterschaft –wie die Eisenbahner– nicht Folge.

 

Der 12. Februar zeigte aber auch, dass die österreichische Arbeiterbewegung als einzige in Europa dem Vormarsch des Faschismus bewaffneten Widerstand entgegengesetzt hatte.

 

Am 12. Februar 1934 hatten die Heimwehrfaschisten die Arbeiterbewegung zerschlagen und damit die größte Abwehrkraft gegen den drohenden Einmarsch ausgeschaltet. So konnte am 12. März 1938 die deutsche Armee ohne Gegenwehr Österreich besetzen.

 

 

 

Jura Soyfer

 

Biografische Daten

 

1912

In der ukrainischen Stadt Charkow wird am 8. Dezember Jura Soyfer als Sohn eines jüdi­schen Großindustriellen geboren.

 

1920

Bolschewiki enteignen den Besitz der Familie Soyfer, die Emigration wird beschlossen.

 

1921

Über Konstantinopel erreicht die Flüchtlingsfa­milie Soyfer Wien und bezieht eine Wohnung im 3. Bezirk, Gärtnergasse 10. Der Vater, Wladimir Soyfer versucht sich in verschiedenen Berufen und wird schließlich kleiner Kaufmann.

 

1923

Jura Soyfer tritt ins Erdberger Gymnasium ein, wo man ihm bald gute Auffassungsgabe sowie mäßige Schulnoten bescheinigt. Erste Gedichte in französischer Sprache.

 

1927

Jura Soyfer wird Mitglied der .,Sozialistischen Mittelschüler“, Mitarbeit an der sozialistischen Schülerzeitschrift „Schulkampf“, schreibt Gedichte, Feuilletons, Glossen, Rezensionen, versucht sich als Zeitungsherausgeber (vom „Weitblick“ erscheinen drei Nummern).

 

1929

Teilnahme an einer sozialistischen Ferienkolonie in Sankt Michael (Steiermark), erstmals Auftre­ten bei einer politischen Lagerrevue. Sein satirisches Talent wird entdeckt. Man holt ihn ins politische Kabarett der Sozialistischen Partei. Mitarbeit bei den „Roten Spielern”, Schauspieltruppe der Sozialistischen Mittelschüler.

 

1930

Seit November Artikel in der Arbeiter-Zeitung, erste Reportagen.

 

1931

Matura. Danach Inskription an der Wiener Uni­versität (Germanistik und Geschichte).

 

1932

In der Arbeiter-Zeitung erscheinen regelmäßig bis Februar 1934 in der Sonntagsrubrik „Zwi­schenrufe links” satirische und zeitkritische Gedichte von Jura Soyfer. Im Vorwärts-Verlag, wo sich die Parteizentrale befindet, erste Kontakte zu Otto Bauer.

Mitarbeit an der „Politischen Bühne“, herausgegeben von der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe Wien. Im Sommer Deutschlandreise als selbsternannter Wiener Korrespondent der Arbeiter-Zeitung.

 

1933

Ab Herbst Mitarbeit an linken Kleinbühnen, im „ABC“ als Schauspieler und Regisseur tätig, arbeitet daneberJ für die Kabaretts „Literatur am Naschmarkt“ und den „Lieben Augustin”.

 

1934

Enttäuschung über das Versagen der sozialdemokratischen Führung, Jura Soyfer wird Mit­glied der Kommunistischen Partei.

Beginn der Arbeit am Roman „So starb eine Partei“. Neben journalistischer Prosa schreibt er für Wiener Kleinbühnen.

 

1935

Das Kleinkunstbühnenstück „Geschichtsstunde im Jahre 2035“ entsteht.

 

1936

In rascher Folge Dramen für die Kleinbühnen: „Der Lechner-Edi schaut ins Paradies“ und „Weltuntergang“. Illegale politische Tätigkeit.

 

1937

Aufführungen von „Astoria“, „Vineta“, ,,Kolumbus oder Broadwaymelodie 1492“.

Politische Arbeit als kommunistischer Referent und Schulungsleiter.

Im November erste Verhaftung, Überstellung ins Landesgericht, drei Monate Untersuchungshaft.

 

1938

Entlassung infolge einer Amnestie. Die Freiheit dauert 26 Tage. Beim Versuch, über die Schweizer Grenze zu gelangen, wird Jura Soyfer am 13. März festgenommen und ins Konzentrationslager Dachau, danach Buchenwald überstellt.

 

1939

Jura Soyfer, der im KZ als Leichenträger arbei­tet, stirbt am 16. Februar an den Folgen einer Typhuserkrankung.

 

 

 

 

 

 

 

Die Schmetterlinge

 

Die Gruppe „Schmetterlinge“ formiert sich 1969 als Interpreten internationaler Folkmu­ slk. Viel Weft wird von Anfang an auf Chorge­ sang gelegt, was sich auch bald finanziell als Backgroundchor für viele „Austropop“-Pro­duktionen niederschlägt Mit ,,Tschotscholosa“ gelingt die erste Platzierung in den Hitparaden (5. Platz‘), aber bald, unter dem Eindruck des Chileputsches und durch Zusammenarbeit mit dem Dichter Heinz R. Unger wenden sich die Schmetterlinge Liedern mit politischem Inhalt zu.

1976 entsteht das Hauptwerk, die „Prole­tenpassion“ (Wiener Festwochen/Text: Heinz R. Unger). Ab nun ausgedehnte Tourneen in Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol und Beteiligung an politischen Auseinanderset­zungen: Arenabesetzung, Wien, Kampf gegen Atomkraftwerke (Zwentendorf) Großer deut­scher Stahlarbeiterstreik 1978, 3. Welt, Kriegs­gefahr, Besetzung der Hainburger Au.

Die entstehenden, abgeschlossenen Programme finden meist in LP ihren Niederschlag: .,Herbstreise“, „Die letzte Welt”, „Mit dem Kopf durch die Wende‘‘

1977 treten die Schmetterlinge beim Song­contest in London an („Boom boom boomerang“, vorletzter Platz) um die Finanzierung der 3-fach LP „Proletenpassion“ zu sichern. Mit dem Produktionsgeld wird in Bisamberg das „SchmetterSoundStudio“ eingerichtet. Bald folgt die Gründung der „Extraplatte“ als Vertrieb für alternative Musik. Weitere Pro­duktionen, die nicht auf Tonträger erscheinen: 1985 „Nix is fix“ (Burgtheater, Österreich nach 1945), 1988 ,Jahre wie Tränen“, etc Antifaschismusprogramm, 1989 „Vorwärts und Vergessen?“, Geschichte der österreichischen Sozialdemokratie.

Mit Jura Soyfer kommen die Schmetterlinge 1975 erstmals anlässlich einer Lesung mit Musik im Audi Max Wien (u.a. mit Helmut Qual­tinger und Götz Fritsch), in Berührung. 1980 die Collage mit Jura-Soyfer-Texten „Verdrängte Jahre“ als Produktion der Wiener Festwochen am Schauspielhaus Wien.

 

 

 

 

Beatrix Neundlinger, Flöte, Cello, Gesang

Erich Meixner, Baß, Akkordeon, Klavier, Gesang

Georg Herrnstadt, Klavier, E-Piano, Gitarre, Gesang

Herbert Tarnpier E·Gitarre, Gesang

Willi Resetarits, Schlagzeug, Gesang

Guenther Grosslercher, Aufnahmeleitung und sonstiges

 

 

Die Schmetterlinge danken:

dem Dokumentationszentrum des Österreichischen Widerstandes, dem Europa-Verlag, Wien, der 1980 eine Gesamtausgabe von Jura Soyfers Werken (Hg,; Horst Jarka) verlegte, Hans Veigl für Redaktion.

 

Aufgenommen im Winter/Frühjahr 1981 im SchmetterSoundStudio, Bisamberg

Tontechniker: Josef Braitenthaller und Guenther Grossterchei

Covergestaltung, Willi Pechtl

Die Fotos von Jura Soyfer hat uns freundlicherweise das Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstands zur Verfügung gestellt.

 

Abschrift Schallplatten Inlet „Verdrängte Jahre”

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8. Januar 2024