Beverly Silver: Forces of Labor

Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005.

„Wohin das Kapital auch geht, die Konflikte gehen mit.“

fol_cover.jpg
„Wohin das Kapital auch geht, die Konflikte gehen mit.“



Beverly Silver: Forces of Labor.
Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005.

Klassenkampf, das war gestern, die ArbeiterInnenbewegung befindet sich in einer tiefen Krise, wenn sie nicht gar vollkommen am Ende ist. Während der Mainstream der Sozialwissenschaften durch die stete Wiederholung dieser Leersätze bemüht ist, daraus eine „Tatsache“ zu machen, hat Beverly Silver in ihrem Buch „Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870“ den Versuch unternommen sich dies im Detail anzusehen, und ist damit zu überraschenden Erkenntnissen gelangt.

Die empirsche Basis, die Beverly Silver – Soziologie-Professorin an der John Hopkins Universität (Baltimore/USA) - für ihr Buch zur Verfügung hatte, sucht wohl seinesgleichen. Seit den achtziger Jahren sammelt die World Labor Group (WLG), deren Mitglied sie war, Datenmaterial zu weltweiten ArbeiterInnenunruhen. Als Basis dient dazu die Auswertung der Londoner „Times“ und der „New York Times“, die zwar durch ihre intensive internationale Berichterstattung dafür besser geeignet sind als andere Tageszeitungen, aber klarerweise – und das hält sie auch selbstkritisch fest – diese zum einen v.a. „Berichtenswertes“ aus dem Norden bringen, und wohl kaum übermässiges Interesse für soziale Kämpfe an den Tag legen. Doch steht wohl nichts vergleichbares zur Verfügung, um die ArbeiterInnenbewegungEN in einem größeren räumlichen und zeitlichen Rahmen zu untersuchen.
Silver kommt aus der sogenannten „Weltsystemtheorie“, die hierzulande v.a. mit den Namen Immanuel Wallerstein und Giovanni Arrighi verbunden ist, und deren großer Verdienst darin besteht uns gelehrt zu haben in diesen großen räumlichen und zeitlichen Zusammenhängen zu denken. Besonders in Zeiten des Umbruchs, die jede tiefergehende und historische Dimension in der Auseinandersetzung missen lassen, ist dies wichtig, und Silver zeigt eindrucksvoll, dass die Kämpfe keinesfalls nicht mehr geführt werden, sie haben sich bloß verändert und verlagert.
Zur Veranschaulichung untersucht Silver zum einen die Textilindustrie, die Schlüsselindustrie des 19. Jahrhunders, und in der Folge die Autoindustrie, die die selbe Rolle für das 20. Jahrhundert einnimmt. Danach unterrnimmt sie noch den per se gewagten Versuch Prognosen anzustellen, in welchen Branchen und in welchen Weltregionen die Kämpfe der Zukunft geführt werden könnten.
Vor allem in den historischen Teilen arbeitet sie heraus, wie die Kämpfe das Kapital um den gesamten Globus jagen. Dieses Marxsche Grundverständnis, dass die sozialen Kämpfe der Motor der Geschichte sind, findet hier ein seltenes empirisches Fundament. Besonders an der Entwicklung der Autoindustrie wird dies deutlich. Diese erlangte zuallererst in den USA eine größere Bedeutung. Nach einigen Jahren sieht sich diese neue Industrie jedoch mit massiven Streikbewegungen konfrontiert, und wird in der Folge v.a. nach Europa verlagert, um in den siebziger und achtziger Jahren – aufgrund eines weiteren Kampfzyklus - nach Mexico, Brasilien und Südafrika zu „flüchten“. Überall wird das Kapital nach einem gewissen Zeitraum mit ArbeiterInnenunruhen konfrontiert: „Wo auch immer die fordistische Massenproduktion expandierte, entstanden im Gegenzug starke und einflussreiche Arbeiterbewegungen.“, schreibt Silver.
Die Verlagerung der Produktion an andere Standorte versteht Silver als räumlichen fix. Mit dem Begriff fix bezeichnet sie Strategien des Kapitals Auswege aus Überakkumulationskrisen zu finden, und zugleich schwingt in dem Begriff auch die Bedeutung von „fix a problem“, also ein Problem – nämlich den ArbeiterInnenwiderstand – in den Griff zu bekommen, mit. Neben dem räumlichen fix, behandelt sich auch den technologischen fix, also die massiven Investitionen in neue Technologien, den Produkt-fix, also Kapital in andere Branchen zu verlagern, und schlußendlich noch den finanziellen fix. Letzterer ist von besonderem Interesse, denn damit ist gemeint, dass das Kapital zeitweilig aus der Produktion weitgehend abgezogen, und im Finanzbereich quasi zwischengeparkt wird. Gerade dieser Punkt ist an der Studie erfrischend, denn damit steuert sie dem Geschrei vom bösen Finanzkapitalismus entgegen, und den kruden Ansätzen, dass sich die finanziellen Bewegungen von der Produktion entkoppelt hätten, weil sie zeigt, dass dies keineswegs neu ist, und schon mehrmals in der Geschichte des Kapitalismus vonstatten ging. Also: Don´t panic, wenn die „Heuschrecken“ kommen, ist ja doch nur eine altbekannte kapitalistische Gegenstrategie!
Ihre historische Perspektive hilft dabei, vieles, dass uns so neu und unmöglich erscheint, etwas entspannter zu sehen. Sie weist beispielweise darauf hin, dass auch die aktuellen Migrationsbewegungen so neu und so bedeutend nicht sind. Die Geschichte des Kapitalismus ist eben auch eine Geschichte der Migration, und neuere Studien zeigen, dass die Migrationsbewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts grösser waren, als dies an seinem Ende der Fall ist.
Trotzdem Silvers Buch an manchen Stellen, wie ihrer Definition von Arbeiterunruhe oder auch ihrer weitgehenden Ignoranz gegenüber anderen gesellschaftsverändernden Formen des Widerstands, zu kritisieren ist, ist es ein lesenswertes Buch, und ob sie mit ihrer Prognose, dass im Bereich der Dienstleistungen, insbesondere des Transports, in der Halbleiterindustrie und hier vor allem in China die Kämpfe der Zukunft geführt werden, wird selbige weisen.


Leo Kühberger

30. Mai 2009