7 unfassbare Fakten über das steirische Gesundheitssystem

KPÖ präsentiert Gesundheitspapier

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Die KPÖ hat das steirische Gesundheitssystem analysiert und Lösungsansätze für die Probleme erarbeitet. Das Positionspapier haben KPÖ-Klubobfrau Claudia Klimt Weithaler (Bildmitte), der Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (rechts) und Mag. Karin Reimelt, Direktorin des KPÖ-Landtagsklubs (links), heute präsentiert.

„Mit Zahlen lässt sich leicht lügen“, sagt Claudia Klimt Weithaler, KPÖ-Klubobfrau im Steiermärkischen Landtag. Darum müsse man sich die Zahlen, mit denen im Gesundheitswesen operiert wird, genau ansehen. Die KPÖ hat sie unter die Lupe genommen und ist auf erstaunliches gestoßen, das der Öffentlichkeit bislang unbekannt war. In einem Positionspapier (Download hier) hat sie das steirische und österreichische Gesundheitssystem analysiert und Lösungsansätze für die Probleme erarbeitet. Die Präsentation zum Nachsehen finden Sie hier.


Wussten Sie, dass gerade einmal 43 Prozent der ÄrztInnen in der Steiermark einen Kassenvertrag haben?

1.258 der niedergelassenen ÄrztInnen waren im Jahr 2015 WahlärztInnen, nur 966 hatten einen Kassenvertrag. ÄrztInnen mit Kassenvertrag versorgen im Schnitt jeweils 1253 PatientInnen, WahlärztInnen nur 962. KassenärztInnen in der Steiermark sind mit ihrem Versorgungsauftrag österreichweit Spitzenreiter. „Einen Ärztemangel gibt es nicht, sehr wohl aber einen Kassenärztemangel“, betont Klimt-Weithaler. „Das ist ein eindeutiger Indikator für die Zwei-Klassen-Medizin.“ Verständnis zeigt man bei der KPÖ aber dafür, dass sich viele junge MedizinerInnen gegen das Einzelkämpfertum entscheiden. Die Rund-um-die-Uhr-Belastung und der hohe bürokratische Aufwand tragen dazu entscheidend bei.

„Es gibt nicht nur ein Stadt-Land-Gefälle, auch innerhalb von Graz sind die Unterschiede massiv“, weiß der Grazer Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer. Man müsse nur im „Doc-Finder“ nach „Hausarzt 8010“ oder „Hausarzt 8020“ suchen.
 

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Die langen Wartezeiten in steirischen Spitälern sind für viele nicht nachvollziehbar. Die KPÖ will das ändern, SPÖ und ÖVP mauern.

Wussten Sie, dass in den Grazer Uniklinken 500 Ärztinnen und Ärzte fehlen – aber jährlich nur 100 neu zugelassen werden?

Auch in Graz wird es immer schwieriger, manche Kassenarzt-Planstellen zu besetzen. 3.359 Bewerberinnen und Bewerber sind im Juli in der Grazer Stadthalle zum Aufnahmetest für die Med-Uni Graz angetreten. Nur 360 von ihnen wurden aufgenommen.

„Angesichts der Pensionierungswelle, die in den nächsten Jahren in Graz auf uns zurollt, sind die Zugangsbeschränkungen auf der Medizin-Uni geradezu absurd“, sagt KPÖ-Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer und mahnt ein Umdenken in der Gesundheitspolitik ein. „Die Situation zeigt, wohin das Diktat des Sparstifts führt“, so Krotzer.


Wussten Sie, dass man Wartezeiten auf Operationen in anderen Bundesländern längst im Internet nachlesen kann?

Das von der KAGes eingesetzte Kommunikations- und Informationsnetzwerk MEDOCS sollte eigentlich in der Lage sein, Wartezeiten auf Operationen in öffentlichen Spitälern transparent im Internet einsehbar zu machen. 2004 hat die KAGes mit einem systematischen Wartelisten­management begonnen. Trotz wiederholter Beteuerungen, das System bald einzuführen, haben die Öffentlichkeit bzw. betroffene PatientInnen keine Möglichkeit, Wartezeiten auf Operationen nachzuprüfen. Auf der Homepage der niederösterreichischen Landeskliniken ist das seit Jahren möglich. Ein entsprechender Antrag der KPÖ im Landtag wurde von SPÖ und ÖVP abgelehnt.
 

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Die Mehrzahl der Ambulanz-PatientInnen kann von HausärztInnen gar nicht behandelt werden.

Wussten Sie, dass ein Großteil Prozent der Fälle in den Ambulanzen von Hausärzten oder Gesundheitszentren gar nicht behandelt werden können?

Eine Studie in Niederösterreich (Sie ist zwar nicht 1:1 auf die Steiermark übertragbar, weist aber eine eindeutige Tendenz auf. Sie ist die einzige publizierte Untersuchung in diesem Zusammenhang) hat die Anzahl der SelbstzuweiserInnen in Spitalsambulanzen untersucht. Die überwältigende Mehrheit der PatientInnen, (87,5 Prozent), wurde von einem niedergelassenen Arzt an die Ambulanz überwiesen. Von den SelbstzuweiserInnen hätten 60 Prozent bei niedergelassenen Allgemeinärzten behandelt werden können (von den unfallchirurgischen Fällen nur ca. 42 Prozent). Somit sind mehr als 90 Prozent der Ambulanzkontakte nicht durch niedergelassene Allgemein-MedizinerInnen behandelbar und somit unumgänglich.


Wussten Sie, dass in der Steiermark die Hälfte aller Krankenhäuser geschlossen und als Ersatz dafür 100 Gesundheitszentren versprochen wurden – jetzt kommen lediglich elf.

Von „100 Primärversorgungszentren“ war in der Kleinen Zeitung am 4. Juni 2016 noch zu lesen. Nun sollen gerade einmal neun neue errichtet werden, zwei existieren bereits. Ob weitere Gesundheitszentren, so der neue Name, eröffnet werden, steht in den Sternen. Besonders in den ländlichen Regionen droht ein Versorgungsengpass.


Wussten Sie, was eine „blutige Entlassung“ ist?

Die Finanzierung der Krankenanstalten erfolgt über ein Punktesystem für Diagnosen und Einzelleistungen. Bei diesem System wird nicht der individuelle Aufwand berücksichtigt, sondern pauschal bestimmte Aufwände für die jeweiligen Diagnosen und Leistungen definiert.

Praktisch hat das System zur Folge, dass einerseits die Zahl der Operationen, die wirtschaftlich lukrativ sind, erhöht werden und andererseits die Aufenthaltsdauer der PatientInnen drastisch verkürzt wird. Im Expertenkreis wird das schon länger „blutige Entlassung“ genannt.

Verlierer des Systems sind vor allem ältere, multimorbide, schwerkranke und chronisch kranke PatientInnen. Denn der Genesungsgrad, spielt keine Rolle in der finanziellen Bewertung.

„Eine Patientin zum Beispiel braucht nicht einfach nur eine neue Hüfte. Sie muss danach wieder gehen lernen. Man muss sie vielleicht seelisch mobilisieren, weil sie vereinsamt war und keinen Lebenswillen mehr hatte. Dafür sind aber keine Punkte vorgesehen“, weiß Klimt Weithaler. Alleinstehende Menschen, die sehr rasch wieder entlassen werden, müssen häufig schon bald wieder aufgenommen werden. „Mit einer veränderten Diagnose ist das für das Spital sogar lukrativ, da mehrere kurze stationäre Aufenthalte für den Erlös besser sind, als ein längerer mit mehreren Prozeduren“ bringt Krotzer das Problem auf den Punkt.
 

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Nicht die Gesundheitskosten sind explodiert, sondern die Profite der Pharma-Konzerne

Wussten Sie, dass die Gesundheitsausgaben gar nicht explodiert sind?

Viele Milliarden fließen in unser Gesundheitssystem. Von diesen Ausgaben kommt aber nur ein Teil aus dem Steuertopf. Rund ein Viertel der Ausgaben sind private Gesundheitsausgaben wie Selbstbehalte oder private Versicherungen. Der Anteil der öffentlichen Hand an den Gesundheits­ausgaben ist relativ stabil: 1998 betrugen die Ausgaben für das gesamte Gesundheitswesen 13,8 Prozent der Staatsausgaben; 2015 lag der Prozentsatz bei 15,5 Prozent, also um 1,8 Prozent höher als 1998. Die laufenden Gesundheitskosten ohne Langzeitpflege machten im Jahr 2000 8,0 Prozent des BIP aus, 2010 waren es 8,6 Prozent des BIP und 2015 8,8 Prozent (Quelle: Statistik Austria).

Nicht die Ausgaben für das Gesundheitssystem sind explodiert, sondern die öffentliche Hand tut sich immer schwerer, die Mittel dafür aufzubringen. Warum? Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt. Österreich ist in den letzten Jahrzehnten aber auch zum Steuerparadies für Reiche und Konzerne verkommen.

Der größte Brocken, den Krankenkassen zu stemmen haben, sind die Aufwendungen für Medikamente. Sie sind massiv in die Höhe geschnellt. Von 2005 bis 2015 sind die Ausgaben für hochpreisige Medikamente (mehr als 700 Euro pro Packung) um 420 Prozent gestiegen und machen gesamt 838 Millionen Euro aus.

Die fünf größten Pharmakonzerne der Welt (Novartis, Pfizer, Hoffmann-LaRoche, Sanofi, MSD) erzielten 2015 einen Umsatz von 200 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 50 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Siebtel der gesamten österreichischen Wirtschafts­leistung!

„Nur die Krankenkassen für die vielen Probleme im Gesundheitswesen verantwortlich zu machen, ist angesichts dessen unlauter“, so Klimt-Weithaler. Vielmehr bräuchte es einen Schulterschluss zwischen Kassen, Kammern und Politik gegen die Preistreiberei der Pharma-Multis. Dann blieben den Kassen auch Mittel für viele wichtige Therapien und Behandlungen, die derzeit nicht in ihrem Leistungskatalog enthalten sind.

21. August 2017